ladimir Horowitz und Wanda Toscanini-Horowitz
Foto: Vladimir Horowitz und Wanda Toscanini-Horowitz © Deutsche Grammophon

Der letzte Romantiker | Vladimir Horowitz (1903-1989)

“Sie sind wunderbar”, hallt eine männliche Stimme aus dem Hintergrund. Es ist Franz Mohr. Der Klavierstimmer, dem viele berühmte Pinaisten ihr Klavier anvertraut hatten. Darunter auch Vladimir Horowitz, der gerade an einem Steinway-Flügel im Keller der New Yorker Niederlassung des Klavierherstellers “Steinway & Sons” sitzt. “Wir haben seit langem kein solches Klavierspiel gehört!”, richtet Mohr ein weiteres Kompliment in Richtung des mittlerweile über 80-jährigen Vladimir Horowitz. Jahrelang hatte Horowitz nicht mehr konzertiert.

Der Grund: Nach einer desaströsen Tournee Anfang der 1980er, hatte er sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Unter dem Einfluss schwerer Medikamente, wie man später erfahren sollte, war Horowitz nur mehr ein Schatten seiner selbst. Danach hatte er dem Konzertbetrieb den Rücken zugewandt. Nicht das erste Mal: Zweimal zuvor bereits hatte Horowitz jahrelang nicht konzertiert. In den 1960er und 1930er Jahren.

The last romantic – Aufnahmen für die Ewigkeit

Dass Horowitz, es doch noch einmal versuchen wollte, ist Peter Gelb zu verdanken. Der hatte es irgendwie geschafft, Vladimir Horowitz zu Filmaufnahmen zu überreden. Bei “The last romantic”, wie eine Dokumentation aus dem Jahr 1985 heißt, liefert ein Kamerateam persönliche Einblicke in das Privatleben von Vladimir Horowitz. Ein rührendes, wie auch unterhaltsames Zeitdokument des für viel besten Pianisten aller Zeiten, der es allen noch einmal beweisen wollte. Die Aufnahmen entstanden überwiegend in Horowitz’ New Yorker Domizil, einem Haus, in der wohlhabenden Upper East Side.

Horowitz soll damals in bestechender Form gewesen sein. Zeitzeugen, die ihn Ende der 1980er-Jahre nochmals live gehört haben, berichten, es sei der beste Horowitz, den sie je gehört haben. Trotz des hohen Alters, trotz aller Widrigkeiten, die sein langes Leben pflasterten, das nicht nur von Höhen, sondern auch von Tiefen gezeichnet war.

Das musikalische Markenzechen von Horowitz: Nicht nur die Fähigkeit, die schwierigsten Oktav-Passagen kinderleicht aussehen zu lassen, sondern auch sein singender Ton. Seine Art und Weise, wie er den Flügel einer menschlichen Stimme gleich, zu ariösen Höhenflügen hat entschweben lassen. Dazu seine Kunstfertigkeit, mehrere zugleich gespielte Stimmen ungleich zu phrasieren, wie der berühmte Kritiker Joachim Kaiser einst die große Kunst des Vladimir Horowitz definierte. All das, scheint bis heute unerreicht. “The last romantic”, ist ein Beweis dafür.

Foto: In diesem New Yorker Haus (14 East, 94th street) lebte Horowitz von 1944 bis zu seinem Tod 1989

Klaus Umbach beschrieb den Film, für den die Brüder Maysles mit zwei Emmys ausgezeichnet wurden, im “Spiegel” einst so: “Da zelebriert der Alleskönner mit pastoraler Inbrunst Bachs Choralvorspiel ‚Nun komm’ der Heiden Heiland’, adelt das banale gis-Moll-Prelude von Sergej Rachmaninow zu einer mondänen Miniatur voll exquisiter Klänge und demonstriert in Chopins heroischer As-Dur-Polonaise, dass er die kreisenden Oktaven linkerhand immer noch drauf hat wie in seinen besten Zeiten.

Kein Wunder also, dass die Begeisterung um den 1989 verstorbenen Ausnahmepianisten bis heute anhält. Gedreht wurden die Aufnahmen im New Yorker Stadtteil Manhattan. Genauer gesagt, in der 94. Straße, East 14. Dort, an der Upper East Side, einer der nobelsten Gegenden der Stadt, bewohnte Horowitz mit seiner Gattin Wanda Toscanini-Horowitz ein schmuckes Stadthaus. Und zwar von 1944 bis zu seinem Tod am 5. November 1989.

Ein Wunderspross, entsprungen aus der russischen Erde

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

Aber alles der Reihe nach. Davor liegt ein langes, bemerkenswertes Künstler-Leben, gepflastert von enormen Höhen aber auch von bitteren Tiefen. Am 1. Oktober 1903 in Berdychiv, in der heutigen Ukraine, in einem bourgeoisen Umfeld geboren: der Vater ein angesehener Ingenieur und Unternehmer, die Mutter Hausfrau und eine solide Amateurpianistin. Von ihr erhielt der junge „Volodja”, wie sie ihn liebevoll nannten, seinen ersten Klavierunterricht. Später einmal wird der bereits umjubelte Star erzählen, er habe schon im zarten Kindesalter beim Imitieren des Klavierspiels, das Glas der heimischen Fensterscheiben zerbrochen. Im Scherz hätten Eltern und Verwandte prophezeit, er würde bestimmt einmal ein großer Pianist werden.

Das Talent blieb nicht lange unentdeckt. Bereits im zarten Alter von neun Jahren wurde Horowitz am angesehenen Kiewer-Konservatorium als Klavier-Student aufgenommen. Einer seiner Klavierlehrer war der Pianist, Dirigent und anerkannte Musikpädagoge Felix Blumenfeld gewesen! In einem Interview erzählte Horowitz etwas kokett, er habe die schwere Abschluss-Prüfung „im Handumdrehen” gemeistert und das anwesende Publikum in Begeisterungsstürme versetzt – zum ersten Mal in der langen Geschichte der renommierten Ausbildungsstätte habe es standing-ovations gegeben.

Ein fruchtbares Umfeld

Die Gegend in der Horowitz aufgewachsen war, bot einen idealen Nährboden für ehrgeizige Musiker. Der Siegeszug vieler großartiger Instrumentalisten begann aus dieser Gegend: Emil Gilels, Swjatoslaw Richter, Igor und David Oistrakh, Leonid Kogan, Mstislaw Rostropowitsch, Nathan Milstein, Jascha Heifetz, Mischa Elman und Isaac Stern – um nur einige der erfolgreichsten ihrer Zunft zu nennen. Viele aus jüdischen, großbürgerlichen Familien, einige auch aus einfachsten Verhältnissen. Inmitten eines Umfeldes voller jüdischer Ressentiments, war die Musik oft die einzige Chance,  diesem trostlosen Leben zu entkommen. Bereits im zarten Kindesalter war der Unterricht an einem Instrument Gang und Gebe. Es gehörte einfach zum guten Ton ein Instrument zu beherrschen. Aus allen Fenstern entwich der liebliche Duft der Musik.

Vladimir Horowitz wollte jedoch zeitlebens Komponist werden: bis zu seinem 13. Lebensjahr widmete er den Großteil seiner Zeit dieser Passion! Die schwierigen Umstände zwangen ihn dazu, seine Brötchen als Pianist verdienen zu müssen: in den Wirren der Oktoberrevolution 1917 verlor die Familie beinähe zur Gänze das Hab und Gut. So kam es, dass der junge „Volodja” durch die Konzerthallen der Sowjetunion touren musste – mit einem enorm breit aufgestellten Repertoire!

Vladimir Horowitz und Jascha Heifetz
Foto: Vladimir Horowitz (r.) und Jascha Heifetz

Aus dieser Zeit stammt seine lebenslange Freundschaft mit dem Geigen-Virtuosen Jascha Heifetz. Die beiden Jung-Musiker betörten das Publikum regelmäßig mit Kammermusik. Später einmal wird Heifetz auf die Frage antworten, wie denn sein Verhältnis zu Horowitz sei: „Wissen Sie – Horowitz ist mein Milchbruder“! Das Ergebnis dieser fruchtbaren Partnerschaft ist  auf einer der seltenen Kammermusik-Aufnahmen von Horowitz festgehalten worden: dieBrahms’ sche d-Moll Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 op. 108 – aus dem Jahr 1959.

Der internationale Durchbruch

Mitte der 1920er Jahre versuchten Horowitz und sein Manager ihr Glück im Westen – in Deutschland. Über die Flucht aus der Sowjetunion wird er im hohen Alter einmal berichten, es sei ein außerordentlich gefährliches Unterfangen gewesen, als er mit im Schuh versteckten USD die russische Grenze überquert habe. Der Grenzwärter habe ihm noch freundlich hinterher gewunken, baldige Rückkehr gewünscht und ihn ziehen lassen – Horowitz wird den Heimatboden erst Jahrzehnte später wieder betreten, im Jahr 1986.

In Hamburg sollte der große internationale Durchbruch erfolgen. Horowitz weilte für Welte-Mignon Aufnahmen in der nord-deutschen Hansestadt. Die folgenden Ereignisse mögen fast schon etwas kitschig klingen, jedoch verleihen sie der Weltkarriere auch einen Hauch von Hollywood und Märchenwelt.

Von einem Zoo-Besuch müde und hungrig kehrte Horowitz eines späten nachmittags in sein Hotel zurück. Dort überraschte ihn sein Manager mit der Bitte, ob er denn nicht für einen erkrankten Pianisten einspringen könne – am selben Abend noch! Horowitz zögerte nicht lange, rasierte sich, trank ein Glas Milch und der Rest ist Geschichte. Die Hamburger waren dem Magier Horowitz, der Tschaikowskys b-Moll Klavierkonzert gab, auf der Stelle verfallen. Dirigent an diesem Abend, der Horowitz’ Weltkarriere ins Rollen brachte, war ein gewisser Eugen Papst gewesen.

Kurzerhand angesetzte Folge-Konzerte waren in Windeseile ausverkauft gewesen. Horowitz kam, sah und siegte! Danach tourte er höchst erfolgreich durch Frankreich, Italien und die Schweiz. Die regelmäßig ausverkaufte Tour wurde zum kolossalen Siegeszug.

Im Mekka der Instrumentalisten

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

In der New Yorker Carnegie Hall debütierte Horowitz 1928. Dabei überzeugte er mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Sir Thomas Beecham mit bereits erprobtem Virtuosen-Konzert: dem Tschaikowsky b-Moll. Dem Dirigenten wollte sich ein Vladimir Horowitz an diesem Abend jedoch nicht unterordnen.

So staunte das New Yorker Publikum nicht schlecht, als Beecham und sein Ensemble mit etwas Verspätung das Ziel erreichten. Horowitz, der „Wirbelwind”, war ungezügelt davongedonnert. Obwohl nicht Sinn und Zweck der Aufgabe, jubelte das Publikum als auch die Kritik, ein „junger Tornado der Steppe” sei in der Stadt. Vor diesem Wirbelwind, müssten sich alle warm anziehen – vor allem alle anderen Pianisten, war der einhellige Tenor der Kritik.

In den 1930er Jahren folgten einige schicksalhafte, wegweisende Begegnungen: 1932 debütierte Horowitz unter der italienischen Dirigenten-Legende Arturo Toscanini. Infolgedessen traf Horowitz zum ersten Mal Wanda Toscanini, die Tochter des gefürchteten Dirigenten, der durchaus schon Mal seine Stimme erheben konnte. Horowitz verliebte sich in das junge Mädchen, das anfangs nur Augen für das Klavierspiel des Virtuosen hatte. Die Liebe erwiderte Wanda erst später.

1933 folgte der Bund der Ehe. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die im Laufe der Jahre noch folgen sollten, wird Wanda bis zum Tod von Horowitz im Jahre 1989 treu an seiner Seite stehen. Noch im selben Jahr erblickte Töchterchen Sonya das Licht der Welt. Sie wird das einzige Kind aus dieser Ehe bleiben. 1975 verstirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Spekulationen und Gerüchte wurden natürlich laut, ob die große Bürde, Tochter und Enkeltochter zweier großer Persönlichkeiten zu sein, nicht Anlass gewesen sein könnten, sich das Leben zu nehmen.

Horowitz und Liszt

Aus dieser Zeit stammt auch die legendäre Plattenaufnahme der Liszt’ schen h-Moll Sonate (1932). Für viele bis heute eine unerreichte Referenzaufnahme, bei der Horowitz all seine Virtuosität und Dämonie in dieses ungeheuer schwierige Hauptwerk der Romantik geworfen hatte. Bis heute nährt sich davon der Ruf, der Horowitz noch immer vorauseilt: Von “Zauberer” bis “Hexenmeister” reichen die Synonyme, die seine Virtuosität gepaart mit einer immensen Ausdruckskraft vereinten. “Die ungeheuren Oktav-Läufe zu Ende der Sonate beschützen dieses Werk vor Dilettanten“, hatte Joachim Kaiser einmal über Liszts h-Moll Sonate gesagt.

Es liegen jedoch zwei weitere Horowitz-Einspielungen der h-Moll Sonate vor. Die eine aus dem Jahr 1949, die von 1977. Die zweite Aufnahme gerät zeitweise jedoch zu exaltiert, zu waghlsig und lässt dabei musikalisch ein wenig zu Wünschen übrig. Gewisse Oktavläufe verkommen zur halsbrecherischen Hexenmeister-Show. Zu viel Zirkus. Auf jeden Fall atemberaubend wild, aber vom Gesamteindruck sind die beiden anderen Einspielungen zu bevorzugen. Trotzdem darf man nicht vergessen – diese Kritik erfolgt auf Horowitz-Niveau.  Für solch ein Klavierspiel würde der ein oder andere Pianist seine Seele verkaufen.

Hingegen erlebt man in der späten Aufnahme den typischen “Spät-Horowitz”. Viel dunkler, tiefgehender und musikalisch wertvoller. Selbstverständlich nicht mehr ganz so virtuos wie in den 30er Jahren, aber noch immer schwer beeindruckend. Als Hörer spürt man richtig die Reife die der mittlerweile über 70-jährige Meister ins Spiel einfließen lässt. Bei Horowitz verhält es sich anscheinend wie beim Rotwein – je reifer, desto besser. Empfehlenswert!

Des Weiteren hat er die Ungarischen Rhapsodien Nr 2, 6, 13, 15 und 19 auf Schallplatte oder CD eingespielt. Großteils in eigenen Bearbeitungen. Selbstverständlich werden die Stücke in der Horowitz’ schen Bearbeitung um einiges schwieriger als die Originale es sowieso schon waren.


[Liszt | h-Moll Klaviersonate (1932)]

Die Tiefen der Seele

Der gefeierte Virtuoso erlebte jedoch auch seine bitteren Stunden, Tage, ja, sogar Jahre. Des öfteren musste er dem unfassbaren Druck, den eine Solistenkarriere mit sich bringt, Tribut zollen. Nur wenige Berufe, wenn man Musiker überhaupt derart banal bezeichnen darf, dürften einen derart gewaltigen Druck ausüben. Um der ungeheuren Erwartungshaltung, nicht nur des Publikums sondern auch des eigenen, stand zu halten, bedarf es beinahe eines Pakts mit überirdischen Kräften. Und wer weiß: Vielleicht verkauft ein gefeierter Solist einen teil seiner Seele.

Kurz vor einem Auftritt soll Vladimir Horowitz einmal zu seinem Klavierstimmer und engen Vertrauten Franz Mohr gesagt haben: „Franz, ich gehe jetzt auf den einsamsten Platz“. Oh du bitter-süßer Ruhm!

Vladimir Horowitz
Foto: Vladimir Horowitz im Concertgebouw in Amsterdam © Roland Gerrits / Anefo

Des öfteren zitterten Konzertveranstalter in der Sorge Horowitz könne vielleicht in letzter Minute seinen Auftritt sausen lassen. Bereits 1934 bis 1938 entsagte Horowitz jeglichen öffentlichen Auftritt und zog sich in Paris ins Privatleben zurück. Die längste Pause von den Konzertpodien der Welt erlaubte sich Vladimir Horowitz von 1953 bis 1965. Sage und schreibe zwölf lange Jahre lang betrat er keine einzige Konzertbühne – Depressionen, zu hoher Erwartungsdruck, private Probleme. Der größte Künstler seit Paganini und Franz Liszt, wie die Kritiken voller Lob posaunten, hatte nun endgültig seinen Tribut zu zollen.

In einer Zeit wo die Langspielplatte ihren großen Durchbruch erlebte, zog sich der faszinierendste Konzertpianist aus dem öffentlichen Leben völlig zurück. Dieser Rückzug entfachte den Mythos Horowitz jedoch nur noch mehr! Da war ein Pianist, von dem alle erzählten, der würde fantastischer spielen als man es je gehört habe, aber – er trete eben nicht mehr auf. Diejenigen die ihn noch nie live spielen gehört haben, konnten es kaum erwarten diese Lücke in ihrer Biografie zu schließen.

Das viel umjubelte Comeback

Am 9. Mai 1965 hatte das lange Warten ein Ende. Nicht nur das New Yorker Publikum konnte es kaum erwarten, auch Vladimir Horowitz schienen die Nerven etwas zu flattern: Er eröffnete sein Comeback Rezital mit der Bach’ schen Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni – gleich zu Beginn griff er ordentlich daneben. Doch keiner mochte es ihm übel nehmen! Nach zwölf sehr schwierigen und langen Jahren der Bühnenabstinenz darf auch ein Vladimir Horowitz nervös sein, selbst wenn dem gebürtigen Russen dämonische Superkräfte nachgesagt wurden. Das sagenumwobene Comeback wurde zum viel umjubelten Erfolg.

Das Bach/Busoni Adagio ist ein Tondokument, das deutlich macht, wem Horowitz’ oberste Prämisse galt – dem “singenden Ton”. Immer wieder hat er es gepredigt: Das Piano solle singen, obwohl es ein Percussion-Instrument sei. Und Horowitz konnte singen; wie kein anderer entlockte er dem Instrument einen kantilenen Ton, der bis heute verzaubert. Mit seinem außergewöhnlichen Legato-Spiel und einer besonders eigenwilligen (leichten) Einstellung der Tastatur war er in der Lage dieses Kunststück zu vollbringen. Horowitz der Magier!


[Bach/Busoni | Adagio in C-Dur (1965, Carnegie Hall)]

Horowitz und Chopin

Man kann keine Horowitz Biografie verfassen ohne auf den polnisch-französischen Komponisten Frederic Chopin zu verweisen. Zu wichtig war Chopin im Leben des Vladimir Horowitz. Man wird kein Horowitz Solo Rezital finden ohne dabei auch auf Chopin zu stoßen. Neben Franz Liszt ist und war er bestimmt der Komponist mit dem man Horowitz immer in Verbindung bringen wird. Seine Chopin Aufnahmen dürfen in keiner ordentlichen CD Sammlung fehlen.

Horowitz’ offensichtliche Liebe zu Chopin war immer unüberhörbar. Sie galt vor allem den kleinen Charakterstücken – den Mazurken, den Nocturnes und den Walzern. Laut Horowitz wird bei Chopin „die Kleinkunst zur Großkunst“. In den wenigen Minuten einer Chopin’ schen Mazurka fände man manchmal „mehr Tiefe als in einer Schostakowitsch Sinfonie, die mehr als eine Stunde dauere“.

Trotz all dem Lob am verehrten, polnischen Komponisten sparte Horowitz nicht mit Kritik: „Teilweise zu viel Ornamentierung. Vor allem in seinen Nocturnes. Phrasen werden zu oft wiederholt….aber nicht in seinen Mazurken. Die sind Gold wert!”. Vom außergewöhnlichen Mazurka Spiel des Vladimir Horowitz zeugen eine Menge an Plattenaufnahmen. Hervorgehoben werden, sollten die Mazurken in cis-Moll op 30 Nr. 4 und in  a-Moll op. 17 Nr. 4.

Von den längeren Werken zählten die g-Moll Ballade Nr. 1, die er auch anlässlich des CBS TV-Konzerts 1968 zum Besten gab, und die b-Moll Klaviersonate op. 35 zu Horowitz’ Steckenpferden.

Von Clementi über Scarlatti bis zu Mozart

Vladimir Horowitz vermied es nur ausgetrampelte Wege zu beschreiten. So widmete er seine Aufmerksamkeit den damals wenig beachteten Italienern Domenico Scarlatti und Muzio Clementi. Scarlatti hatte er zum Ende regelmäßig in seinen Konzertprogrammen. Clementi meines Wissens nur auf Studioaufnahmen – es existieren einige bemerkenswerte Aufnahmen der KlaviersonatenMuzio Clementi war laut Horowitz „der Vater des modernen Klavierspiels und der modernen Klavierform” und hätte enormen Einfluss auf Beethovens Klavier-Oeuvre gehabt.

Bewusst möchte ich nicht die Aufnahmen aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins oder des legendären Moskau Konzerts anlässlich seiner Rückkehr in seine Heimat hervorheben – nicht weil sie es nicht wert wären oder weil er in Wien auch keinen Scarlatti im Programm hatte – jedoch die Mozart’ sche B-Dur Sonate KV 333 und das D-Dur Rondo KV 485 –, sondern weil auch andere wertvolle Aufnahmen existieren. Welch zauberhaften Scarlatti er seinem Steinway Flügel entlocken konnte, kann jeder der unveröffentlichten Spät-Aufnahme des Jahres 1986 in Japan (siehe unten) entnehmen.

Die große Palette an Farben, die er malt, die perfekte Nuance an Sentimentalität, der zart-singende Ton – ein Traum, der die Zeit still stehen lässt. Eine Anschlagskunst, die wahrlich nur wenige Pianisten beherrschen. Das ist nur den Allergrößten seiner Zunft vorenthalten.

Viele sind der Meinung, Vladimir Horowitz habe nie besser musiziert als in seinen letzten Lebensjahren. Da habe Horowitz es einfach niemandem mehr beweisen müssen. Dass, er ein begnadeter Virtuose sei, der auf den Tasten seines Steinway & Sons Pianos Kuntsstücke vollbringen könnte, von denen andere nur träumen können. „Als ich jünger war, war ich effekthascherischer”, hat Horowitz einst geantwortet, als man hm die Frage stellte, warum er Mozart erst im hohen Alter ins Repertoire genommen habe. „Aber jetzt spiele ich mehr Musik, anstatt eine Show abzuziehen. Bevor du Vierzig bist, ziehst du immer ein wenig eine Show ab. Du willst beeindrucken, mit Oktaven – aber ich will niemanden mehr beeindrucken, ich spiele das, was in den Noten steht“.

Selbstverständlich war Horowitz in den 1980er-Jahren nicht mehr in der körperlichen Verfassung, wie in jungen Jahren. Um wie ein Tornado über die Klaviatur zu fegen. Ganz verkneifen konnte er es sich dennoch nicht. Selbst im hohen Alter, setze er noch Stücke aufs Programm, bei denen er mit seiner Technik brillieren konnte. Parade-Stücke, wie die enorm schwierige dis-Moll Etüde von Skrjabin oder die Chopin’ schen Polonaise in As-Dur, Op. 53. Virtuose Kunstwerke, mit denen er stets noch die Herzen der Zuhörer erobern konnte.

Vielleicht spielte er die dis-Moll Etüde nicht mehr ganz so halsbrecherisch, nicht mehr ganz so fulminant wie in jungen Jahren. Allerdings war nun eine gewisse Reife hinzugekommen. Ein gewisser Nachdruck zu spüren, eine etwas dunklere Tongebung, mit der Horowitz das Gewicht seines ganzen Lebens in dieses Werk gelegt hat.


[Live Rezital in Japan 1986 | Scarlatti, Mozart, Rachmaninow u.a]

Vladimir Horowitz ganz privat

Seine Frau Wanda Toscanini-Horowitz mag nicht immer den besten Ruf genossen haben, ja, wurde teilweise sogar als herrische und hysterische Tyrannin verteufelt, die an den vielen Bühnenpausen ihres Göttergatten einen erheblich Anteil an Schuld trage. Ganz wie ihr autokratischer Dirigenten-Vater sei sie gewesen, der Gerüchten zufolge Horowitz und Orchester bei den Proben zu der famosen Tschaikowsky b-Moll Konzert Aufnahme 1943 mit unzähligen Wiederholungen beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte.

Jedoch wich sie in schwierigen Zeiten, wie der zwölf-jährigen Konzertpause kein einziges Mal von seiner Seite. Selbst dann nicht als Horowitz in dieser prekären Lage ganze sechs lange Monate kein einziges Mal das Haus verlassen wollte.  Er werde nie wieder konzertieren, habe er Wanda in dieser schwierigen Zeit des Öfteren versichert. Unbeeindruckt habe sie mit “Okay, gut, kein Problem” gekontert, doch sei ihr bei diesem schrecklichen Gedanken beinahe das Herz in die Hose gerutscht. Denn mit Gewissheit war sie nicht nur die Angetraute des Maestros, sondern auch eine der treuesten Bewunderer des Pianisten Horowitz gewesen.

“Vladimir Horowitz wäre als Konzertpianist ohne Wanda nicht möglich gewesen”, sagt Franz Mohr. Der deutsche Klaviertechniker, der viele Jahre Cheftechniker bei Steinway & Sons in New York war, weiß, wovon er spricht. Von 1962 bis 1989 war Mohr dafür zuständig, dass Klavier von Vladimir Horowitz in Schuss zu halten. Nicht nur darüber, sondern auch über seine Erfahrungen mit anderen Größen des Klavierspiels, hat Mohr in seinem Buch Große Pianisten, wie sie keiner kennt niedergeschrieben. Neben Horowitz waren das unter anderen Giganten wie Arthur Rubinstein oder Glenn Gould. Alle haben sie ihm vertraut. Haben nur ihn an deren sensible Instrumente gelassen. Kein anderer durfte Hand anlegen. In diesem Buch, das für Horowitz-Fans sicherlich lesenswert ist, erfährt man so einiges über den “letzten Romantiker”. So habe Horowitz gerne TV-Serien gesehen. Am liebsten Bonanza, wie Mohr auch in einem TV Interview erzählt.

Vladimir Horowitz der König

Wenn ich auf der Bühne stehe, dann fühle ich mich wie ein König. Dann bin ich ein König!”

(Vladimir Horowitz)

Horowitz tourte auch wie ein König: ein eigener Koch, Zutaten und Trink-Wasser lies er aus der Heimat einfliegen. Er war der unangefochtene Gagenkönig, fürstlich entlohnt und ohne ernst zunehmende Konkurrenz. Ab den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts kassierte er 80 % der Konzert-Bruttoeinnahmen – dreimal so viel wie die nachfolgenden Klassik Musiker.

In den letzen vier Konzert-Jahren begleitete ihn sein privater Hausflügel auf jeder Konzertreise – der berühmt-berüchtigte Konzertflügel, Modell D-274, mit der Seriennummer 314 503. Ein nachträgliches Hochzeitsgeschenk des Traditionsunternehmens Steinway & Sons im Jahre 1942. Die Aufnahmen im „Letzten Romantiker” stammen von diesem Klavier.

Doch der Transport des Flügels gestaltete sich besonders schwierig – nur durch das Fenster konnte er verladen werden. Deshalb wurde der Konzertflügel am Firmengelände bei Steinway & Sons geparkt. Für sein Haus erstattete der renommierte Konzertflügel-Hersteller Horowitz mit dem Instrument mit der Nr. CD 443. Einige Aufnahmen der CD „The Last Recording“** wurden auf diesem Prachtstück eingespielt – für jeden Horowitz Fan ein Must Have! Ein hoch sentimentales Dokument, dessen Aufnahmen teilweise erst wenige Tage vor Horowitz’ Tod fertiggestellt wurden: das H-Dur Nocturne op. 62 Nr. 1 und auch “Isoldes Liebestod”.

Murray Perahia, kurzzeitig Schüler von Horowitz und selbst ein gefeierter Konzertpianist, hat Horowitz noch am Vortag dessen Todes besucht. Horowitz habe ihm “Isoldes Liebestod” (Wagner/Liszt) vorgespielt. Danach sei ungewöhnliches geschehen. Niemals zuvor habe Horowitz den Deckel der Klaviertastatur geschlossen. Doch anders an diesem Abend.

Am nächsten Tag, dem 5. November 1989, fand Wanda Toscanini-Horowitz ihren Mann tot in seinem Couch-Sessel. Die beiden hatten zuvor noch über das Mittagessen gesprochen gehabt. Der vielleicht größte – mit Sicherheit der faszinierendste – Pianist nach Franz Liszt war nicht mehr. Der letzte Romantiker war Geschichte.


CD Tipp


 

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