Yundi Li spielt Mozarts Sonatas Projekt 1 in das mehr als 500 Jahre alte Historische Kaufhaus auf dem zentralen Platz der sŸddeutschen Stadt Freiburg
Foto: Yundi Li © www.ots.at

Yundi plays Mozart: Der „King of Classic” feiert sein Comeback in Wien

Musikverein Wien, Großer Saal, 21. April 2024
Yundi Li, Klavier

Andere Länder, andere Sitten. Bei Yundi Li zücken im Musikverein Wien alle die Handys. Asiatische Volksfeststimmung, groß und viel klein, wohin das Auge blickt. Dass ein ernstzunehmender Mozart-Pianist auf der Bühne sitzt, geht dabei fast unter.

von Jürgen Pathy

„Lasst sie doch alle filmen!“, meint jemand. Immerhin hat Yundi Li seit Jahren nicht mehr vor Publikum in Europa gespielt. „Five years”, wenn der asiatische Starpianist meine Frage richtig verstanden hat. Im Foyer des noblen Hotels Imperial läuft er mir zufällig über den Weg. Nach dem Konzert, bei dem die Billeteure alle Hände voll zu tun gehabt haben.

„Sie sitzen hier!“, greift der 2-Meter große Platzanweiser resolut durch. Nachdem in Reihe 8, Parterre ganz vorne, etwas Uneinigkeit herrscht, wem nun der Platz in der goldenen Mitte zusteht. Nicht der einzige „Zwischenfall“, bei dem die Musik etwas in den Hintergrund rückt.

Mozart ist für Kinder nicht immer leicht

Mozarts Andante, das aus der a-Moll Klaviersonate KV 310, kämpft mit einer asiatischen Gruppe, die den Weg in den Saal mit erheblicher Verspätung findet. Yundi Li behält die Oberhand. Nicht immer der Fall vor der Pause, wo er beim Presto dieser Sonate nicht diesen leichten Zugang findet.

In den langsamen Sätzen aber, ebenso beim Variationssatz der berühmten „Alla turca”-Sonate K331: Was für ein weicher, sanfter Anschlag, mit dem er die Noten aus dem schwarzen Steinway-Flügel streichelt. Während ein Dreikäsehoch neben mir unruhig auf seinem Sitz hin – und herrutscht. Seine Mutter gibt sich Mühe. Der Knirps zeigt sich widerspenstig. Baam! – dieser Schlag des Aufmüpfigen hat gesessen. Macht nichts, versuche ich mein Glück nach der Pause einige Reihen weiter hinten.

Reihe 22, Parterre. Viele Plätze sind in dieser Preiskategorie noch frei geblieben. Rechts verzehrt ein asiatisches Mädchen genüsslich eine Snackgurke. Mit so viel Hingabe und Leidenschaft, wie unser Nachwuchs vermutlich nur an einer Milchschokolade nuckeln würde. Dass auf der Bühne ein ernstzunehmender Mozart-Interpret sein Comeback feiert, dürfte der Kleinen egal sein.

Mozart im Geiste von Beethoven

Mozart Klaviersonate No. 14 KV 457 und die Fantasie in c-Moll KV 475. Zwei Werke, die komplett im Kontrast stehen zur ersten Hälfte. Dynamisch, kräftig, klar. Was für ein schöner Ton erwische ich meine Gedanken in euphorischen Höhen schwelgen. Während Yundi Li diese 1785 veröffentlichten Werke in einer Atmosphäre erstrahlen lässt, als wäre man beim Spätwerk eines Beethoven angelangt. „The spirit of Beethovem comes from Mozart“, bestätigt Yundi Li diesen Eindruck. Bevor ich mich aus seiner filigranen Aura wieder zurückziehe. Und diese zerbrechlich-wirkende Persönlichkeit wieder seiner Privatsphäre im luxuriösen 5-Sterne-Hotel an der Wiener Ringstraße überlasse.

Ein bisschen Michael Jackson aus Asien. Genies sind sie beide. Der „King of Pop” wie der „King of Classic”. Fans hüben wie drüben. Hat alles was. Wo sonst die typische Klientel der Philharmoniker-Abonnement-Konzerte ein wenig in Biederkeit verharrt, bricht diese verstaubte Attitüde endlich auf.

So entspannt und gemütlich hatte ich im Musikverein Wien noch nie ein Konzert genossen. Trotz der vielen Kleinkinder, trotz der vielen Handys, die während der Zugabe alle auf Aufnahmemodus laufen. Yundi Li und eine Chopin Nocturne. Das will man für alle Ewigkeit auf „Band” behalten. Ist doch erst mit dem Sieg des Chopin Wettbewerbs 2000 in Warschau dessen Karriere so richtig ins Rollen gekommen.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 23. April 2024, für klassik-begeistert.de und klassik.begeistert.at

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Martin Sigmund

    Eine sehr treffende Kritik, umso wichtiger, als die Kritiker der Zeitungen diesen künstlerisch beeindruckenden Abend offenbar ausgelassen haben – unverständlich und unverzeihbar..
    Aber Jürgen Pathy hat offenbar einen Moment verdrängt, der mir gruselige Schauer über den Rücken gejagt hat. Als erste Zugabe – noch vor dem Chopin – hat Yundi eine abscheulich billige Nummer mit dem Titel “Yellow River” gespielt, eine Art inoffizielle Nationalhymne in China, eingeleitet von undeutlich genuschelten Worten über “große Nation, strahlende kommunistische Zukunft” usw. Das war ziemlich offensichtlich eine Pflichtübung im Auftrag der KPCh, die Yundi schon seit einigen Jahren kritisch beäugt. 2021 wurde er wegen “Prostitution” angeklagt. “Prostitution” ist eine traditionelle Anschuldigung der Kommunistischen Partei gegen politische Gegner.
    Nach dem Konzert wurden beim Ausgang chinesische Zeitungen verteilt. Eine (chinesische) Verteilerin gab mir erst ein Exemplar, riss es mir aber wieder aus der Hand, als sie mir ins Gesicht sah und bemerkte, dass ich kein Chinese bin. Seltsam.

    1. Klassikpunk

      Danke für den Input, Herr “Sigmund”. Das “Genuschel” ist mir verborgen geblieben. Zu viel Tumult im Publikum. Hatte schon befürchtet, die Kritik am politischen System, könnte nur ein Vorwand sein, um seine Reputation reinzuwaschen. Obwohl es ja nichts Verwerfliches dran gäbe, das älteste Gewerbe der Welt aufzusuchen. Ein lächerlicher Vorwurf. Wer völlig frei von Sünde, der werfe den ersten Stein. Ihre Informationen bringen allerdings mehr Licht ins Dunkel. Danke!

      Jürgen Pathy

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