Anna Netrebko
Foto: Anna Netrebko © Tim Osipov

Programm der Wiener Staatsoper 2020/21: Ein Spagat zwischen progressiven und zeitlosen Produktionen

Bogdan Roščić holt Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Elīna Garanča.

Die offizielle Präsentation des Programms der Saison 2020/21 ist zwar erst heute Abend in ORF III via LIVESTREAM (21:30 Uhr) zu verfolgen, die Verantwortlichen der Wiener Staatsoper haben jedoch die Spannung herausgenommen. Heute Nacht wurde der komplette Spielplan der Wiener Staatsoper auf deren Homepage veröffentlicht. Und der verspricht Großes! Zehn Premieren stehen auf dem Programm. Die sollen unter anderem dazu beitragen, dass die Staatsoper nicht mehr ein Hort der Konventionen, sondern ein Magnet spannender Entwicklungen werde, so Bogdan Roščić im Standard.

Dabei setzt der ehemalige Sony Classical Chef und promovierte Philosoph, der die Wiener Staatsoper ab der Saison 2020/21 leiten wird, auf große Namen. Sowohl was die Regie anbelangt, als auch Sänger und Dirigenten. Mit Regieurgestein Hans Neuenfels, Barrie Kosky, dem Duo Jossi Wieler & Sergio Morabito und “Skandalregisseur” Calixto Bieito, holt Roščić bedeutende Regisseure nach Wien.  Das verspricht frischen Wind. Anna Netrebko (“Tosca”, “Macbeth”) steht zweimal auf dem Programm, genauso wie Startenor Jonas Kaufmann (“Don Carlos”, “Parsifal”).

10 Premieren

Die erste Premiere, die am 7. September über die Bühne gehen soll, ist Puccinis “Madama Butterfly” gewidmet. In der Inszenierung von Anthony Minghella, der 2008 als Filmproduzent für den Oscar in der Kategorie “Bester Film” nominiert wurde, singt Asmik Grigorian die Cio-Cio-San. Leiten wird die Produktion Philippe Jordan, der ab der neuen Saison als Generalmusikdirektor die Geschicke an der Seite von Roščić leiten wird.

Hans Neuenfels wird Mozarts “Entführung aus dem Serail” aufleben lassen, Calixto Bieito “Carmen” (mit Erwin Schrott) und ein Jahr später “Tristan und Isolde”. Simon Stone inszeniert “La Traviata” (und in der zweiten Saison “Wozzeck”). Für die Neuproduktion des “Parsifal”, den ebenfalls Philippe Jordan leiten wird, wurde der russische Regisseur und Regimekritiker Kirill Serebrennikov engagiert. Die Besetzungsliste kann sich sehen lassen: In der Titelpartie kein Geringerer als Startenor Jonas Kaufmann, der auch in der französischen Urfassung von “Don Carlos” zu sehen sein wird. Daneben Georg Zeppenfeld als Gurnemanz, Ludovic Tézier als Amfortas, Wolfgang Koch als Klingsor und Elīna Garanča, die ihr weltweites Debüt als Kundry gibt. Als Titurel ein vielversprechender junger Sänger aus dem Ensemble, das Roščić besonders stark ins Licht rücken wolle: Peter Kellner.

Barrie Kosky wird “Macbeth” – mit Anna Netrebko als Lady Macbeth – gestalten, um dann in den nächsten Jahren alle drei Da-Ponte-Opern Mozarts zu inszenieren. Anna Netrebko wird außerdem mit ihrem Gatten Yusif Eyvazov in der bewährten Wallmann Inszenierung von “Tosca” zu sehen sein.

Die Dirigenten der Saison: Philippe Jordan, Franz Welser-Möst und Christian Thielemann

Generalmusikdirektor Philippe Jordan, der aus Paris nach Wien kommt, wird nicht nur drei Premieren dirigieren, sondern auch im Repertoire-Alltag zu sehen sein. Neben dem “Figaro” zum Beispiel auch im “Rosenkavalier”, mit dem sich der gebürtige Schweizer intensiver beschäftigen möchte.

Franz Welser-Möst ist wieder zurück im Haus. Seit den künstlerischen Diskrepanzen mit dem scheidenden Direktor Dominique Meyer, die dazu geführt haben, dass er das Haus 2014 als GMD verlassen hatte, hat Welser-Möst nicht mehr an der Wiener Staatsoper dirigiert. Leiten wird der gebürtige Österreicher Harry Kupfers Inszenierung von “Elektra”. Camilla Nylund singt die Chrysothemis, Michaela Schuster die Klytämnestra, Derek Welton den Orest, Jörg Schneider den Aegisth und Ausrine Stundyte die Elektra.

Ein weiterer Kapazunder wird das Haus wieder beehren. Nach dem Erfolg mit der Neuproduktion von “Die Frau ohne Schatten” in der Saison 2019, gibt sich Weltklasse-Dirigent Christian Thielemann wieder die Ehre. Am Programm: “Ariadne auf Naxos” von Richard Strauss. Mit dabei wieder Stephen Gould und Camilla Nylund.

Bertrand de Billy dirigiert gleich fünf Produktionen: “Faust” (mit Juan Diego Flórez), “Ariadne auf Naxos”,  “Tosca”, “Werther” und “Don Carlos”.

Weitere Höhepunkt der Saison: Piotr Beczala, Günther Groissböck und Klaus Florian Vogt

KS Piotr Beczala singt neben dem Prinzen in “Rusalka”, die Titelpartie in “Werther” und den Sänger in “Der Rosenkavalier”.

Roberto Alagna und Gattin Aleksandra Kurzak werden in “Cavalleria rusticana / Pagliacci” in der klassischen Jean-Pierre Ponnelle Inszenierung zu sehen sein.

Ebenso am Programm steht Weltstar Plácido Domingo. Der in vielen Häusern in Ungnade gefallene “Tenorissimo”, der seit geraumer Zeit als Bariton unterwegs ist, soll in zwei Produktionen mit dabei sein: In Verdis oftmals unterschätztem MeisterwerkSimon Boccanegra und in “Nabucco”. Ob der Altstar diese Engagements auch erfüllen kann, ist noch unklar. Mitte März hat Domingo via Social Media bekannt gegeben, er habe sich mit dem Coronavirus infiziert. Medienberichten zufolge soll Domingo seinen Klinikaufenthalt jedoch Ende März beendet haben und sich auf dem Weg der Besserung befinden.

Auch die Wagnerianer kommen auf ihre Kosten. Zwar gibt es in der kommenden Saison keinen kompletten “Ring” zu sehen, doch Günther Groissböck kann sein ins Wasser gefallene Debüt bei den Bayrether Festspielen nun in Wien nachholen. Neben Andreas Schager und Camilla Nylund wird der sympathische Österreicher in “Die Walküre” zu sehen sein. Publikumsliebling und Parade-Wotan Tomasz Konieczny wird unter Roščić – zumindest in der Saison 2020/21 – nicht mehr als Göttervater agieren. Konieczny wird nur als Jochanaan in “Salome” zu sehen sein.

Neben der bereits erwähnten Neuproduktion von “Parsifal”, steht mit “Lohengrin” noch Richard Wagners romantischte Oper am Spielplan. In der Titelpartie singt Klaus Florian Vogt, der bereits diese Saison als Einspringer für den kurzfristig erkrankten Piotr Beczala für Furore sorgte.

Wer auf “Die Meistersinger von Nürnberg” oder den “Tannhäuser” gehofft hat, wartet vergebens. Jedoch besteht die Hoffnung, dass “Tristan und Isolde” zumindest in der zweiten Saison von Bogdan Roscic zu sehen sein wird. Zumindest, wenn man dem operabase Eintrag von Martina Serafin glauben darf. Und wenn man der Gerüchteküche glauben möchte, dürfte der komplette “Ring” – in der bewährten Bechtolf-Inszenierung – ebenfalls wieder zurückkehren.

Ein weiterer Tipp: Die Kanadierin Jane Archibald, die einst im Ensemble der Wiener Staatsoper gewesen war, in “La Fille du regiment” und in “Arabella”.

Natürlich nicht zu vergessen: die “Tosca” mit Anja Harteros, Massimo Giordano und Luca Salsi.

Corona-Pandämie wirft einige Fragezeichen auf

Es stehen jedoch einige Fragen offen. Wie sollen die Finanzen des Hauses, das mit 45 Prozent einen sehr hohen Eigendeckungsgrad hat, geregelt werden. Immerhin senkt Roščić die Preise der Eintrittskarten. Und das in Zeiten von Corona, wo keiner wirklich weiß, wohin die Reise führen wird. Rund ein Drittel des Publikums sind Touristen. Wie die bei möglichen Reisebeschränkungen nach Wien reisen werden sollen, ist noch eine Unbekannte. Ebenso die Künstler. “Wir haben unsere Budgetszenarien abgegeben, im Juni muss entschieden werden”, so Roščić.

Ob die Spielzeit überhaupt wie geplant am 6. September beginnen kann, ist angesichts der Coronaviruskrise mit dem heutigen Datum jedoch fragwürdig.

Neuproduktionen im Überblick

OPER

7.9. Madama Butterfly (Regie: Anthony Minghella)

12.10. Entführung aus dem Serail (Regie: Hans Neuenfels)

25. 10. Eugen Onegin (Regie: Dmitri Tcherniakov)

13.12. Das verratene Meer (Regie: Jossi Wieler/Sergio Morabito)

6.2. 2021 Carmen (Inszenierung: Calixto Bieito)

4.3. 2021 Traviata (Regie: Simon Stone)

1.4. 2021 Parsifal (Regie: Kirill Serebrennikow)

23.4. 2021 Faust (Regie: Frank Castorf)

22. 5. 2021 L’incoronazione di Poppea (Regie: Ian Lauwers)

10.6. 2021 “Macbeth” – (Regie: Barrie Kosky)

BALLETT:

24.11. Mahler live

23.5. 2021 Suite of Dances

26.6. Tanz Bilder Sinfonien

 

Klassikpunk

Jürgen Pathy aka Klassikpunk, Baujahr: 1976, lebt in Wien. Von dort möchte der gebürtige Burgenländer auch nicht mehr so schnell weg. Der Grund: die kulturelle Vielfalt, die in dieser Stadt geboten wird. Seit 2017 bloggt und schreibt der Wiener für Klassik-begeistert. Sein musikalisches Interesse ist breit gefächert: Von Bach über Pink Floyd, Nick Cave und AC/DC bis zu Miles Davis und Richard Wagner findet man fast alles in seinem imaginären CD-Schrank.

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