Christian Gerhaher in Simon Stones Inszenierung von Wozzeck an der Wiener Staatsoper
Foto: Bei Regisseur Simon Stone landet Wozzeck (Christian Gerhaher) im Wiener Arbeiterbezirk Simmering © Michael Pöhn

Live aus der Wiener Staatsoper: Simon Stone transportiert “Wozzeck” ins Wien der Gegenwart

Die Wiener Staatsoper zeigt am Donnerstag, 31. März 2022, 20:00 Uhr, “Wozzeck” von Alban Berg im Livestream. Verantwortlich für die Neuproduktion: Simon Stone, der möglicherweise noch das ganze Jahrzehnt auf den Opernbühnen prägen wird. 

Oper im Livestream. Sicherlich nicht jedermanns Sache. Highlight der nächsten Tage ist aber die Neuproduktion, mit der die Wiener Staatsoper aufhorchen lässt: Für Alban Bergs “Wozzeck” hat Staatsoperndirektor Bogdan Roščić wieder den Shootingstar der Regie-Szene nach Wien geholt – innerhalb kurzer Zeit bereits zum zweiten Mal.

Nachdem Regisseur Simon Stone bereits Verdis “La Traviata” neu gedeutet hat, setzt er den Stift nun bei Alban Bergs 1925 uraufgeführtem Dreiakter ordentlich an.

Simon Stones Deutung eines Perspektivlosen

Dabei greift Stone zu seiner bewährten Methode. Mit seinen “Überschreibungen”, wie der gebürtige Schweizer seine Arbeiten auch selbst bezeichnet, transportiert er die Sujets der Werke in die Gegenwart. Bei “Wozzeck” heißt das: Statt in einer kleinen Garnisonsstadt zu Anfang des 19. Jahrhunderts, stolpert die Titelfigur der Oper im Prekariat des heutigen Wiens von einer Misere in die andere.

Simon Stone führt dabei in schauerlicher Weise durch das Leben eines Verlierers, der sich von einem Aushilfsjob zum anderen hantelt. Als ihn auch noch seine Frau mit einem Polizisten hintergeht, landet diese tot im Abwasserkanal.

Wozzeck ist eine bemitleidenswerte Figur. Gefangen im tristem Alltag, findet er einfach keinen Ausweg mehr. Simon Stone gelingt es mit seiner Arbeit, tief in das Leben eines Hoffnungslosen zu tauchen und dieses als beispiellose Sozialstudie auf die Bühne zu projizieren. Als Synonym von Wozzecks perspektivloser Lage lässt er dabei kaum ein Klischee außen vor. Lange Menschenschlangen vor dem Arbeitsmarkt oder Arbeiter, die sich vor einem Wiener Würstelstand zusammenhorten und im Alkohol oder kurzen Affären den Ausweg suchen.

hristian Gerhaher und Anja Kampe in "Wozzeck" an der Wiener Staatsoper
Foto: Christian Gerhaher und Anja Kampe in “Wozzeck” an der Wiener Staatsoper © Michael Pöhn

Dass Wozzeck dabei fast schon in die Unschuldsrolle gedrängt wird, lässt Simon Stone dennoch nicht gelten: „Wozzeck ist zweifellos ein vielfaches Opfer. Aber – und das ist wichtig – der Mord an Marie macht ihn zum Täter, und diese Tat ist nicht ableitbar aus seiner Opferrolle!”

Hervorragende Besetzung

Für die Titelpartie hat man mit Christian Gerhaher ein Adut aus dem Ärmel gezaubert. Normalerweise eher bekannt als Liedsänger verleiht er dem Antihelden Wozzeck, der alles andere als eine melodische Struktur zu singen hat, ein glaubwürdiges und in allen Belangen passendes Sprachrohr.

An seiner Seite als Marie eine stimmlich ebenso durchschlagende wie auch überzeugende Anja Kampe. Im Graben der Wiener Staatsoper sorgt mit Philippe Jordan der GMD höchstpersönlich für spannende Momente.

Hier ⇒ geht’s zum Livestream der Wiener Staatsoper: “Wozzeck” (Alban Berg), Donnerstag, 31. März 2022, 20:00 Uhr

Klassikpunk

Jürgen Pathy aka Klassikpunk, Baujahr: 1976, lebt in Wien. Von dort möchte der gebürtige Burgenländer auch nicht mehr so schnell weg. Der Grund: die kulturelle Vielfalt, die in dieser Stadt geboten wird. Seit 2017 bloggt und schreibt der Wiener für Klassik-begeistert. Sein musikalisches Interesse ist breit gefächert: Von Bach über Pink Floyd, Nick Cave und AC/DC bis zu Miles Davis und Richard Wagner findet man fast alles in seinem imaginären CD-Schrank.

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