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Foto: Andreas Ottensamer © Stefan Höderath

Andreas Ottensamer: „Wenn man so auch junges Publikum anspricht, dann ist das der beste Weg.”

Er zählt zur neuen Generation. Einer Zunft von Musikern, die mit der Zeit gehen. Neben anderen jungen Kollegen, zeigt sich Andreas Ottensamer auch oft von der „coolen” Seite: modisch, sportlich, mit gestähltem Sixpack. Via Social Media genehmigt der Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker viele Einblicke. Warum sich das nicht unbedingt mit dem Klischee des eher verstaubten Klassikbetriebs schneidet, erzählt er im Exklusiv-Interview.

von Jürgen Pathy / Klassikpunk

Andreas Ottensamer setzt den Termin für das Gespräch um 11:00 Uhr vormittags an. Einer Uhrzeit, um die so manch anderer Musiker vermutlich noch im Tiefschlaf verweilt. „Ich habe es gerade noch so geschafft”, entgegnet er schlagfertig, ob des Klischees, das ich natürlich gerne einwerfe, um die Stimmung zu lockern. Der 31-Jährige Feschak, der aus einer bekannten Musikerfamilie stammt, wirkt überrascht, als ihn mein Skype-Anruf ereilt. Wo er gerade weilt, erfahre ich nicht. Nur, dass er im Moment keine Möglichkeit habe, das Interview via Onlinetools wie Zoom oder Skype zu führen. Kein Problem. Papier und Stift liegen bereit.

Nur meinen „Schummelzettel” nimmt er so ein wenig aus dem Spiel. Spezialfragen, wie er zu den alten Meistern der Klarinette stehe. Insbesondere zur „vibratoarmen” Klangkultur, wie sie der Wiener Alfred Prinz oder der deutsche Karl Leister gepflegt haben. Diese Fragen habe ich bei einem anderen Skype-Kontakt gebunkert, der sie mir gesteckt hat. „Ich spiele selbst gerne Vibrato”, lautet die Quintessenz seiner ausführlichen Antwort. „Hauptsächlich aber dort, wo es stilistisch passt – Debussy, Poulenc, dort ist es deutlich passender, als bei der deutschen Romantik oder Mozart, wo es stilistisch weniger passt”. Für Mozarts Klarinettenkonzert übrigens, da hat er sich tatsächlich eine Bassetklarinette machen lassen.

Klangkultur in Wien und Berlin

Für alle, die es noch nicht wissen sollten: Andreas Ottensamer entstammt einer bekannten Musikerfamilie. Die Mutter spielt Cello, sein Vater Ernst Ottensamer, der 2017 verstorben ist, war Soloklarinettist bei den Wiener Philharmonikern. Der Bruder Daniel, um vier Jahre älter als Andreas, führt dort das Erbe fort.

Dass er ebenfalls zur Klarinette gegriffen hat, sei bei dieser Vorgeschichte sehr nahe gelegen. „Immerhin habe ich die Klarinette schon als Kind ständig gehört. Damit verbinde ich zu Hause. Es ist, wie der Geruch der Eltern – es ist einfach heimisch”, beschreibt Andreas Ottensamer seine Liebe zu diesem Instrument. Eines aus klassischem Holz übrigens. Die Frage, was er von Klarinetten aus Cocobolo oder anderen Materialien halte, erstickt er im Keim: „Habe ich noch nie probiert!”

Familie Ottensamer
Foto: Andreas Ottensamer (Mitte) mit seinem Bruder Daniel und Vater Ernst © The Clarinotts

Seine musikalische Heimat hat Andreas Ottensamer bisweilen in Deutschland gefunden. Bei den nicht minder weltberühmten Berliner Philharmonikern, wo er seit 2011 die Position des Soloklarinettisten besetzt. Ob es da irgendwelche Diskrepanzen gegeben hätte, weil er die Wiener Klarinette spielt, möchte ich wissen. „Das Orchester mag den Klang. Man pflegt bei den Berliner Philharmonikern schon seit Generationen die Kultur zum dunklen Klang und es geht weiter.” Bereits die nächste Generation stehe vor der Tür. Deshalb sei das jetzt nie ein Thema gewesen. In Dresden hingegen, betont er: „Da spielt man natürlich ganz anders!”

Zur Aufklärung: Generell spielt man entweder die deutsche oder die französische Klarinette. Im deutschsprachigen Raum, wie könnte es anders sein, vor allem die deutsche Klarinette. Der große Unterschied der Wiener Version: Sie unterscheidet sich von ihrer deutschen Schwester vor allem durch eine weitere Bohrung, sodass der Klang deutlich in „dunklere Gefilde” sinkt.

Neeme Järvi Preis der Gstaad Conducting Academy

Die Klarinette ist nicht die einzige Leidenschaft. Obwohl Andreas Ottensamer als Kind mit dem Klavier begonnen hat, Cello dazu, brennt auch eine andere Leidenschaft in seiner Brust. Bereits recht früh, habe er den Hang zum Dirigieren entdeckt. „Das schlummert schon lange in mir, sowas kommt natürlich nicht über Nacht”, betont er. Medial so wirklich in Erscheinung getreten, ist diese Leidenschaft aber erst, seitdem er 2021 den Neeme Järvi Preis gewonnen hat. Eine Auszeichnung, die das Gstaad Menuhin Festival seit 2015 jährlich an Nachwuchstalente verleiht.

Foto: Jaap van Zweden, der die Gstaad Conducting Academy seit 2017 leitet © Theresa Pewal

Das nötige Selbstbewusstsein für eine Laufbahn als Dirigent hätte Andreas Ottensamer auf jeden Fall. Das bestätigt er mit der Antwort, als ich von ihm wissen möchte, was er von den Größen der Gstaad Conducting Academy mitnehmen konnte. Immerhin wird die von Jaap van Zweden, Chefdirigent der New York Philharmonic und Johannes Schlaefli geleitet.

„Viel Wert hat die Academy vor allem, weil ich mit einem großen Orchester einige Erfahrungen sammeln konnte”, weicht er eher aus. Dass er dabei, „vielleicht andere Meinungen” erhalten habe, das wirkt mir eher beiläufig erwähnt. Immerhin sei es hauptsächlich die Erfahrung, die so wichtig ist beim Dirigieren. Etwas, was schwer zu erlangen sei. „Wenn ich üben will, benötige ich 70, 80 Menschen. Bei der Klarinette setze ich mich hin und spiele”.

Mit nacktem Oberkörper durch die Sozialen Medien

Auffallend ist Andreas Ottensamer nicht nur als Musiker. Auch sein recht lockeres und freizügiges Auftreten in den sozialen Medien sorgt für Gesprächsstoff. Dort präsentiert er sich als modischer, sportlicher Mann, der auch junges Publikum erreichen möchte. Gemeinsam mit einigen anderen jungen Musikern, die auf Instagram ebenso präsent sind, bedient er eine „neue Generation, wo mehr Offenheit besteht”. Das bestätigen einige seiner Bilder.

Was man vor wenigen Jahren noch für fast unmöglich gehalten hatte, scheint mittlerweile auch in der als verstaubt geltenden Klassik-Branche Fuß zu fassen: Mit nacktem Oberkörper präsentiert sich Andreas Ottensamer auf Instagram. Allerdings mit Stil und Anspruch. Ganz so weit, wie der südkoreanische Countertenor Kangmin Justin Kim, geht Ottensamer dabei nicht. Der lässt wirklich nackte Tatsachen sprechen.

Dass einen so etwas schockieren könne, hat Ottensamer noch nie verstanden. Genauso, wie mancherlei Lappalien, die vor kurzem noch für Stirnrunzeln sorgten: „Als ich gemeinsam mit Lorenzo Viotti in Sneakers aufgetreten bin, war die Aufregung groß”. Mittlerweile sei das aber ganz normal.

Ganz unschuldig daran, sei die Berichterstattung aber auch nicht, schießt er in Richtung der Journalisten. Die seien es nämlich, die diese verstaubte Mentalität noch mehr befeuern. „Die Zuschauer selbst vertragen mehr als man denkt”, da ist sich Andreas Ottensamer sicher. Einen Widerspruch sieht er in seinem Auftreten übrigens nicht. „Auch wenn man uns manchmal belächelt, das was bleibt, ist die Substanz. Wichtig ist nur, dass man die Materie (Anm.d.Red: Musik) nicht verändert”. Dann sei das alles überhaupt kein Problem.

„Außerdem ist Kunst nicht nur da, um zu gefallen”, gibt er sich rebellisch. „Die Zeiten, in denen man nur in einer Fachidiotenwelt habe leben dürfen, aber keine Lebenserfahrung sammeln und darin gezielt Einblicke zu geben”, die seien endgültig vorbei. Das Gute dabei, da stimme ich Andreas Ottensamer vollkommen zu: „Wenn man so auch junges Publikum anspricht, dann ist das der beste Weg.”

Klarinette oder Pult

Wo es ihn in Zukunft musikalisch hinziehen wird, ist offen. Sicher ist nur eines. Müsste er sich entscheiden, ob Klarinette oder Dirigentenpult: „Dann würde ich in den Sport gehen!” Immerhin hat Andreas Ottensamer, die Option Tennisprofi zu werden, bis in seine frühe Jugend in Erwägung gezogen. Eine klare Trennlinie möchte er bei der Musik einfach nicht ziehen. Das sei, wie wenn man andere dazu zwingen würde, sich zwischen ihren Kindern zu entscheiden.

Andreas Ottensamer
Foto: Andreas Ottensamer © Dan Carabas

Wirklich klar wirkt erstmal nur die nahe Zukunft. Da scheint noch eher die Klarinette im Mittelpunkt zu stehen. Dabei ist mir vor allem ein Programmpunkt wirklich ins Auge gestochen, mit dem er beim Gstaad Menuhin Festival diesen Sommer an den Start gehen wird: „Tauben vergiften im Park”, lautet da eines seiner Programme. Was es damit auf sich hat, möchte ich wissen. „Mein Hobby”, entgegnet er mit einem Lächeln. Natürlich nur ein Scherz. Der Hintergrund ist ein ganz anderer.

„Bei „Tauben vergiften im Park” geht es um Georg Kreisler”, erzählt Andreas Ottensamer. Der hat provokante Texte geschrieben. Eines davon ist eben dieses. Kreisler, der das musikalische Kabarett der Nachkriegszeit in Wien stark geprägt hat, war bekannt für seinen schwarzen, tiefsinnigen Humor.

Das Programm musiziert Ottensamer am 28. Juli 2022 in der Bar des Gstaader Hotel Le Grand Bellevue. Gemeinsam mit Béla Korény, der eine „Wiener Legende” sei. In dessen Wiener Broadway Bar, die mittlerweile dauerhaft geschlossen ist, traf sich ab den 1980er Jahren das „Who is Who” der Musikwelt. Udo Jürgens, Billy Joel und Leonard Bernstein, um nur einige zu erwähnen. Um Feste zu feiern und teils improvisierte Programme mit Klassik, Jazz und Weltmusik zu zelebrieren. Diese Tradition mag Ottensamer mit „Tauben vergiften im Park” nun wieder aufleben lassen. Bei dieser Late Night Show zumindest bei freiem Eintritt, wie dem Programm des Gstaad Menuhin Festivals zu entnehmen ist.

 

 

Klassikpunk

Jürgen Pathy aka Klassikpunk, Baujahr: 1976, lebt in Wien. Von dort möchte der gebürtige Burgenländer auch nicht mehr so schnell weg. Der Grund: die kulturelle Vielfalt, die in dieser Stadt geboten wird. Seit 2017 bloggt und schreibt der Wiener für Klassik-begeistert. Sein musikalisches Interesse ist breit gefächert: Von Bach über Pink Floyd, Nick Cave und AC/DC bis zu Miles Davis und Richard Wagner findet man fast alles in seinem imaginären CD-Schrank.

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