Samuel Marino und Michael Hofstetter bei den Gluck Festspielen 2021
Foto: Samuel Marino und Michael Hofstetter bei den Gluck Festspielen im letzten Jahr © Khrystyna Jalowa

Gluck Festspiele 2022 setzen auf außergewöhnliche Stimmen

Gluck Festspiele 2022,
Online-Pressekonferenz, 8. März 2022

Die ersten „großen” Gluck Festspiele unter der neuen Leitung finden von 29. April bis 22. Mai 2022 statt. Nach einer etwas abgespeckten Version im letzten Jahr, setzt Intendant Michael Hofstetter dabei auf zwei Neuproduktionen („Alceste”, „Orpheus und Eurydike”) und außergewöhnliche Stimmen.

von Jürgen Pathy

Jeder kennt Bayreuth. Vor allem des Festspielhauses wegen, das oben auf dem berühmten Grünen Hügel thront. Jeden Sommer verschlägt es eine eingeschworene Gemeinde dorthin, um Richard Wagners Opern zu huldigen. Dabei liegt in der oberfränkischen Stadt noch ein weiteres Juwel verborgen: Das Markgräfliche Opernhaus, das seit 2012 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Bei allen, denen es bislang kein Begriff war, sollte es ganz oben auf der Reiseliste stehen. Das hat mehrere Gründe.

Erstens, weil der barocke Prunkbau, der 2018 nach fünf Jahren Bauzeit wieder eröffnet wurde, sicherlich zu den prächtigsten Opernhäusern der Welt zählt. Und zweitens, weil es musikalisch dort einiges zu entdecken gibt. Dafür sorgen dieses Jahr wieder die Gluck-Festspiele.

Gluck, Beethoven und Mozart im Markgräfischen Opernhaus Bayreuth

Bereits 2018, bei der Wiedereröffnung des Hauses, hatte man auf eine Rarität gesetzt. Mit Johann Adolph Hasses “Artaserse” werden vermutlich nur die wenigsten etwas anfangen können. Bei der diesjährigen Neuauflage der Gluck-Festspiele, die letztes Jahr nur in abgespeckter Form stattgefunden hatten, gibt es wieder Ungewöhnliches zu sehen – zumindest für viele Opernfans und Musikliebhaber da draußen.

Auch wenn mit der Neuproduktion von „Alceste” (14. Mai) nicht alle Neuland betreten, für viele dürfte Glucks Oper in der italienischen Urfassung aus dem Jahr 1767 nicht so bekannt sein. Immerhin findet man Glucks Oeuvre heutzutage nur auf wenigen Spielplänen. Das werde sich in naher Zukunft aber ändern, wie Intendant Michael Hofstetter betont: „Wir erleben den Beginn einer Gluck Renaissance.” In den nächsten zehn Jahren, da ist sich Hofstetter sicher, werde Gluck denselben Stellenwert erreichen wie andere seiner Komponisten bereits vor ihm.

Die Stimme eines Engels

Den Aufwärtstrend befeuern könnte vielleicht auch Samuel Mariño. Mit dem jungen Venezolaner, auf den Hofstetter bei einem Vorsingen in Halle aufmerksam geworden ist, steht den Gluck-Festspielen ein außergewöhnlicher Künstler zur Verfügung. „Der singt wie eine Trompete…eine Erfahrung zwischen Prince und Cecilia Bartoli”, schwärmt Hofstetter von der einzigartigen Stimme, die man als Countertenor orten könnte.

Samuel Mariño
Foto: Samuel Mariño, der von Natur aus Sopran singt © Gluck Festspiele

Der große Unterschied: Mariño singt nicht nur Falsett – also mit der Kopfstimme –, so wie seine ähnlich klingenden Kollegen, ihm wurde ein äußerst seltenes Geschenk zuteil. Mariño darf eine echte Sopranstimme sein Eigen nennen. Etwas, das vielleicht noch am ehesten den berühmten Kastraten nahe kommt, deren göttlichen Stimmen im 18. Jahrhundert fast alle zu Füßen lagen.

Davon überzeugen kann man sich beim sogenannten Gipfeltreffen: Händel und Gluck (12. Mai, Historischer Rathaussaal Nürnberg; 13. Mai, Markgräfliches Opernhaus Bayreuth). Eine Überschrift, die nicht nur rein rhetorischer Natur entsprungen ist, sondern auf einer Tatsache basiert. 1746 haben Händel und Gluck gemeinsam in London musiziert. Ein Treffen, das von Glucks Stellung zeuge, sagt Hofstetter. Immerhin sei Händel damals bereits berühmt gewesen. Rund 30 Jahre später habe sich das Ereignis dann wiederholt, nur in anderer Konstellation. Gemeinsam mit Mozart habe Gluck in Wien musiziert.

Von da auch die Schnittstelle, die man finden kann, wenn einem nicht klar wird, warum auch Mozart Einzug ins Programm der Gluck Festspiele findet. Mit der Akademie für Alte Musik Berlin (6. Mai) singt Sopranistin Danae Kontora Mozarts Arie „Popoli di Tessaglia”. Wie Hofstetter betont, eine legendäre Konzertarie, die gleich mehrfach ein dreigestrichenes G fordere. Der höchste Ton, der jemals für eine Gesangsstimme notiert wurde. Unter der Leitung von Hofstetter erklingen auch Beethovens „Eroica” und die Ouvertüre von „Coriolan”.

Eröffnung im Stadttheater Fürth

Eröffnet werden die Gluck Festspiele mit einer weiteren Neuproduktion. Das Festival beginnt am 29. April 2022 im Theater Fürth mit einer spannenden Wiederbelebung – der Neuproduktion von Pina Bauschs legendärer Tanzoper „Orpheus und Eurydike” von 1975 mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Sie trifft damit auf Gluck im Klanggewand der historischen Aufführungspraxis. Die nämlich ist für Michael Hofstetter und das Händelfestspielorchester Halle als Orchester der Gluck Festspiele obligatorisch.

Tanztheater Pina Bausch bei den Gluck Festspielen
Foto: Tanztheater Pina Bausch © Helmut Drinhaus

Am selben Tag eröffnet Musik-Kabarettistin Lizzy Aumeier in Bad Windsheim die Festspiele mit einer humorvollen Gluck-Begegnung in der Oberpfalz des 18. Jahrhunderts: „Mein Nachbar Willy” heißt ihr neues Programm. Natürlich eine Anspielung auf Gluck, der 1714 in der Oberpfalz geboren wurde.

Eine Gegend, die übrigens nicht nur mit Musik zu trumpfen weiß. Der Großraum rund um Nürnberg bietet viel mehr. Neben weitreichenden Möglichkeiten für Fahrradtouren und historischen Gebäuden, sei die Gegend so etwas wie die „nordbayerische Toskana”, schwärmt Michael Hofstetter von seiner Heimat.

Alle weiteren Infos und das genau Programm gibt’s auf der Homepage der Gluck Festspiele.

Klassikpunk

Jürgen Pathy aka Klassikpunk, Baujahr: 1976, lebt in Wien. Von dort möchte der gebürtige Burgenländer auch nicht mehr so schnell weg. Der Grund: die kulturelle Vielfalt, die in dieser Stadt geboten wird. Seit 2017 bloggt und schreibt der Wiener für Klassik-begeistert. Sein musikalisches Interesse ist breit gefächert: Von Bach über Pink Floyd, Nick Cave und AC/DC bis zu Miles Davis und Richard Wagner findet man fast alles in seinem imaginären CD-Schrank.

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