Spät, aber doch ein Bericht: In Wien zieht eine neue Superstimme ihre Kreise. Neben Bariton Étienne Dupuis, der bei Staatsoperndirektor Bogdan Roščić zu Recht eine Dauerkarte besitzt, ragt die Stimme der Italienerin Anastasia Bartoli hervor. Ein doppelter Glücksgriff.
Macbeth, Giuseppe Verdi
Wiener Staatsoper, 4. Oktober 2026
Francesco Ivan Ciampa, Dirigent
Barrie Kosky, Inszenierung
Anastasia Bartoli: Eine Lady Macbeth mit Weltklasseformat
Anastasia Bartolis Timbre ist satt, dunkel, beinahe von einer Mezzofärbung wie jener Anna Netrebkos. Die Höhen sind klar, niemals schrill, und sie beherrscht die gesamte Tessitura wie im Schlaf. Dass sie als Lady Macbeth auch ein wenig rustikal klingen soll, hat sie ebenfalls im Repertoire. Giuseppe Verdi fordert das in seiner 1847 uraufgeführten ersten Shakespeare-Vertonung „Macbeth“ sogar ausdrücklich: Die Stimme der Lady soll herb, erstickt, düster und gerade nicht von makelloser Schönheit sein.
Das Staatsopernorchester zeigt Verdis Düsternis
Das Orchester unter der Führung von Francesco Ivan Ciampa zieht auf gleicher Wellenlänge durch diesen Abend. Schon im Vorspiel meint man das hämische Lachen der Hexen zu hören, das vor allem in den Streichern wahrzunehmen ist. Danach verlässt sich das Wiener Staatsopernorchester keineswegs auf seinen gewohnt seidenweichen Klang. Bei dieser Partitur greift es vielmehr in die Vollen. Alles richtig rustikal, leicht dreckig, vor allem in den Streicherfiguren. Die Tempi wählt der italienische Dirigent ausgewogen, ohne zu sehr auf die Bremse zu drücken.
Alles vom Feinsten und der radikalen Düsternis entsprechend, die Regisseur Barrie Kosky in einem Seelenspiegel verortet. Die Bühne ist schwarz, geprägt von einer kleinen, rund zwei Quadratmeter großen, von einem Lichtkegel erleuchteten Spielfläche. Darin erscheinen die Protagonisten wie in einem Ringkampf. Die Lady, bleich im Gesicht, mit schwarzem Haar, als wäre sie geradewegs der Familie Munster entsprungen.
Étienne Dupuis: Ein Macbeth mit feiner Klinge
Der König, ebenfalls in schwarzer Robe, ist stimmlich genauso hervorragend besetzt. Der Frankokanadier Étienne Dupuis beweist Durchhaltevermögen, verliert dabei nie die feine Klinge, besitzt genügend Ausdrucksstärke und bringt mit seinem weichen, geschmeidigen Timbre eine beinahe aristokratische Eleganz in diese düstere Partie. Ein Macbeth, der nicht bloß als stimmlicher Kraftakt, sondern vor allem mit Ausdruck überzeugt.
Das Böse kennt kein Geschlecht
Dass die Altersempfehlung „ab 16 Jahren“ nicht eingehalten wird, bemängelt ein Paar am Pausenbuffet. Stein des Anstoßes: eine Familie mit Kleinkind. Barrie Kosky lässt in seiner Regie nämlich Hexen als nackte, teils uneindeutige Zwitter-Wesen auftreten. Männer, Frauen und Körper jenseits der gewohnten Geschlechterordnung winden sich wie Schlangen um Macbeth.
Was anfangs vielleicht für Unverständnis sorgt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als kluger geradezu antisexistischer Kunstgriff. Verdis „Macbeth“ zeichnet eine Welt, in der Frauen als Hexen auftreten und Männer zu Mördern werden. Ein düsteres Bild traditioneller Geschlechterrollen, das Kosky in seiner Inszenierung bricht. Die Länge des Applaus zum Ende spiegelt leider nicht die außerordentliche Qualität dieser Vorstellung wider.

Jürgen Pathy lebt in Wien und berichtet seit 2017 über Oper, klassische Musik und Kultur. Seine Kritiken erscheinen unter anderem bei klassik-begeistert.de. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Musiktheater, Interpretation und der Wirkung von Kunst auf das Publikum.



