Ein Currentzis Moment in Toblach: Dirk Kaftan entfesselt Mahlers Erste

Dirk Kaftan gelingt in Toblach ein selten intensiver Mahler-Moment. Seit Teodor Currentzis hat mich keine Mahler-Aufführung mehr so gepackt.

Gustav Mahler Musikwochen 2026 in Toblach (11. Juli bis 5. September 2026)

Gustav Mahler Saal, Toblach, 18. Juli 2026
Dirk Kaftan, Dirigent
Beethoven Orchester Bonn

von Jürgen Pathy

Kann man Mahler eindringlicher spielen, als es in Toblach geschehen war? Ja, aber nur selten. Was das Beethoven Orchester Bonn bei den Gustav Mahler Musikwochen aus Mahlers Erster rausholt, entbehrt jeglichen Vergleichs. Es gibt drei Aufführungen, die mir als Highlights hängen geblieben sind: Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester mit Mahler Drei; Omer Meir Wellber und die Wiener Symphoniker mit Mahler Fünf – und nun im Kulturzentrum Toblach: Dirk Kaftan mit dem Beethoven Orchester Bonn mit Mahlers Erster.

Außergewöhnlich auffallend ist dabei eines: die unbeschreibliche Harmonie im Orchester, besonders in der Streichersektion, und der schöne Klang. Einen deutschen Klang hat es am Tag zuvor jemand genannt. Da hatte das Orchester Mozarts Violinkonzert Nr. 3 gespielt, mit Jonian Ilias Kadesha als Solist. Beinahe Barockmusik. Hätte ich keine Augen im Kopf, wäre ich überzeugt gewesen, es wären historische Instrumente gewesen. Aber nein: Das in Bonn angesiedelte Orchester spielt auf modernen Instrumenten. Die Harmonie war auch vom ersten Takt an spürbar. Dirk Kaftan sagt, es liege durchaus in der Hand des Dirigenten, ob das passe oder nicht. Diese Frage hatte ich ihm tags darauf gestellt, zwischen Tür und Angel bei „Klang & Natur“, hoch oben in den Bergen.

Bei Mahlers Einstieg in die Welt seiner zehn Sinfonien berauscht das Orchester mit einer unglaublichen Klarheit, mit der alle Motive und Themen hervorstechen. Dass das Orchester das kann, war nach Mozart sowieso klar. Worin ich aber Zweifel hatte, war, ob es zusätzlich auch das Gewicht gewisser Sätze transportieren könnte. Dass es das kann, haben die Musiker klar im Schlusssatz bewiesen. Der war derart schmerzhaft und innig vorgetragen, als wäre diese Sinfonie bereits eines – die „kleine Dritte“. Mit der Dritten hatte Teodor Currentzis einen einst im Adagio gefühlt mit einer Kraft von vier Tonnen in die Sitze des Wiener Konzerthauses gedrückt.

So schwer scheint Mahler es bei seiner Ersten nicht gemeint zu haben, aber die Melancholie, das Ende, hat er bereits hier in gewisser Weise geahnt. Ob unterbewusst oder bewusst, das tut nichts zur Sache – so, wie es unter Dirk Kaftan interpretiert wurde, spürt man diese Vorahnung bereits ganz deutlich. Mahler schien schon zu Beginn das Ende vor Augen zu haben.

Nach rund 60 Minuten also: eine gefühlte Ewigkeit Stille, nachdem Kaftan die Hand langsam senkt. Dann, eh klar: ein Ausbruch der Emotionen und ein Publikum, das bei den Gustav Mahler Musikwochen zurecht beinahe Kopf steht.

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