Meister der Verschleppung und Beschleunigung | Salzburger Festspiele (2017)

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
Williard White (Publio), Russel Thomas (Tito Vespasiano), Christina Gansch (Servilia), Golda Schultz (Vitellia), Jeanine De Bique (Annio), Marianne Crebassa (Sesto) |
(© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Salzburger Festspiele 2017, „La Clemenza di Tito“, Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Regie: Peter Sellars
Bühne: Georg Tsypin
Kostüme: Robby Duivemann
Licht: James F. Ingals
Dramaturgie: Antonio Cuenca Ruiz

Tito: Russel Thomas (Tenor)
Sesto: Marianne Crebassa (Mezzo-Sopran)
Vitellia: Golda Schultz (Sopran)
Servilia: Christina Gansch (Sopran)
Annio: Jeanine de Bique (Mezzo-Sopran)
Publio: Williard White (Bass)


Mit einer Neuinszenierung von „La Clemenza di Tito“, der letzten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, fordern die Salzburger Festspiele weiterhin eine führende Rolle in der Klassik-Szene. Das kann und muss in Salzburg auch der Anspruch sein. Für Mittelmaß darf hier kein Platz sein. Und diese Neuinszenierung hat es in sich!

Für dieses Unterfangen wagte der neue Festspielintendant Markus Hinterhäuser gleich in seiner ersten Saison Mutiges. Zwei etwas ungewöhnliche aber auch außergewöhnliche Persönlichkeiten zusammen zu führen, die mit Sicherheit über das Gewöhnliche hinausgehen würden. Bereits 2012 arbeiteten der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis und der us-amerikanische Star-Regisseur Peter Sellars – ein ausgewiesener Mozartspezialist – gemeinsam an einem Projekt. Mit „La Clemenza di Tito“ brachten diese beiden extravaganten Künstlerpersönlichkeiten jedoch ihre erste gemeinsame Salzburger Festspiel Inszenierung auf die Bühne.

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017, Hinterhäuser, Currentzis, Peter Sellars | Klassikpunk
Intendant Hinterhäuser, Dirigent Currentzis und Regisseur Peter Sellars (© Salzburger Festspiele / Anne Zeuner)

„Mozart ist der große Komponist der Versöhnung“

Laut Regisseur Peter Sellars passt „La Clemenza di Tito“ perfekt in unsere heutige Zeit.  Es ist eine hochdramatische Oper die von Macht, Liebe, Freundschaft, Verrat, Gewalt, Intrige, Güte und letztendlich auch Vergebung erzählt.  Und Gnade und Versöhnung seien heutzutage wichtiger als je zuvor. „Wie können wir in einer Zeit des Konflikts zusammenleben?“ fragt sich Sellars. Nur durch Vergebung sei es möglich die Welle der Gewalt zu beenden und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. „Mozart ist der große Komponist der Versöhnung“ erzählt Sellars. „Jede Mozart Oper, nicht nur ‚La Clemenza di Tito‘ endet mit Vergebung und Versöhnung“ fügt er weiters hinzu.

Sellars thematisiert und verarbeitet zwei brandaktuelle und hoch brisante Themen, die uns medial tagtäglich verfolgen – Flüchtlingswelle und Terrorismus.

All das schafft er und sein Team mit einem Bühnenbild, das minimalistischer kaum sein könnte. Lediglich einige wenige Säulen dienen als regelmäßiger Bestandteil der Bühne, werden jedoch bei Bedarf automatisiert in den Boden versenkt und wieder hochgefahren. Mal stellen sie Reste von Aleppo dar, mal zeigen sie moderne Hochhäuser. Ein Gitterzaun, einige Kerzen, ein modernes Krankenbett, Sprengstoff und Goldbarren dienen des weiteren als Requisiten. Für die restliche Bühnen-Dramaturgie sorgen die Hauptdarsteller und der MusicAeterna Chor, der gesanglich und schauspielerisch zu überzeugen vermag.

MusicAeterna

Teodor Currentzis hat das Ensemble MusicAeterna eigens im Jahr 2004 aus der Taufe gehoben. Es besteht nicht nur aus dem Chor sondern auch einem Orchester, welches bei dieser Inszenierung für die musikalische Beschallung der Felsenreitschule sorgt. Im russischen Perm, 1100 km östlich von Moskau , wo er seit 2011 die musikalische Leitung der Oper übernommen hat, schart er das Ensemble um sich, um akribisch und detailversessen an seinen musikalischen Ideen zu feilen. Fast schon obsolet zu erwähnen – auf historischen Instrumenten des 18. Jahrhundert. Denn Currentzis ist in allem außergewöhnlich. Nicht nur musikalisch sondern auch in seinem Auftreten, das eher an einen Rock-Star als an einen Dirigenten Klassischer Musik erinnert.

Gleich zu Beginn der Aufführung macht Currentzis eines klar – die Tempi werden bei dieser Inszenierung alles andere als gemäßigt und „normal“ ausfallen. Denn bereits mit der Ouvertüre begeben sich er und sein MusicAeterna musikalisch auf die Überholspur, und jagen sie in einem Höllentempo durch die Salzburger Felsenreitschule. Es bleibt nicht das einzige mal wo die Tempi beschleunigt oder beinahe schon zum Stehen gebracht werden.

Die Szenerie zu Beginn des 1. Akts wird dem regelmäßigen TV-Seher bekannt erscheinen. Eine größere Menschenmenge, Frauen und Männer, wird von zwei Polizei-Beamten hinter Absperrgittern in Zaum gehalten. Beide das Maschinengewehr im Anschlag. Viele Frauen mit Kopftuch. Tito, der milde (La Clemenza), befreit eigenhändig zwei der Flüchtlinge. Es sind dies „Servilia“ und „Sesto“. Dem Kenner der Oper wird womöglich eine Redewendung vor dem geistigen Auge erscheinen, und für den Rest der Vorstellung wie ein Damoklesschwert über der Szenerie hängen: „Beiße nicht die Hand die dich füttert!“ Denn Letzterer wird später eigenhändig seinen gütigen Retter ermorden.

Nicht nur der „Tito“, gespielt vom US Amerikaner Russel Thomas, sondern weitere drei Hauptakteure haben schwarz-afrikanische Wurzeln. Golda Schultz als „Vitellia“, Jeanine de Bique als „Annio“ und Williard White, der mit seiner enormen Bühnenpräsenz einen sehr glaubwürdigen Geheimdienstchef „Publio“ gibt. Jedoch konnten nicht alle Sänger und Sängerinnen gänzlich überzeugen.

Russel Thomas gibt einen guten aber keinen glänzenden „Tito“. Ein sehr schönes Timbre inBei seinen im Krankenbett liegenden Arien wird klar ersichtlich dass er im hohen Register zu kämpfen hat. An einen Michael Schade oder andere Tenöre, die in dieser Rolle schon brillieren konnten, kommt er nicht ganz heran. Golda Schultz als „Vitellia“ zeigt keine Schwächen. Ein gelungener Auftritt der erst 34 jährigen Südafrikanerin.

Eine sehr gute „Servilia“ gibt die Österreicherin Christina Gansch, die mit Currentzis und seinem MusicAeterna bereits an der Permer Oper einen viel umjubelten konzertanten „Don Giovanni“ auf CD eingespielt hat. Eine Sängerin mit sehr viel Ausstrahlungskraft und einer enormen Bühnenpräsenz. Gesanglich ist sie gut, aber noch nicht ganz auf dem Niveau ihrer grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten. Noch nicht! Jedoch stehen dieser blutjungen Sängerin – Jahrgang 1990 – alle Wege offen. Über Currentzis‘ viel zitierte Detailversessenheit und Akribie sagt sie: „Es kann sein dass er manchmal zwanzig, dreißig mal den selben Takt neu aufnehmen lässt. Doch genau das macht dann aber auch seinen besondern Ton aus!“

Zwei Mezzos rocken den Abend

Die junge Mezzo-Sopranistin Jeanine de Bique feiert als „Annio“ einen Erfolg. Zwar geht ihre Stimme im Duett mit dem“Sesto“ gänzlich unter, jedoch darf man sie nicht nur an der Lautstärke messen. Im Kyrie der Großen c-Moll Messe, welches Currentzis zu Beginn des 2. Akts frei einbaut, singt sie die Solopartie. Gleich darauf folgend überzeugt sie auch mit der Arie „Torna di Tito al Lato“. Zwar zeigt sie kleine Schwächen im unteren Register und bei den Koloraturen, jedoch bietet sie insgesamt trotzdem eine ergreifende Vorstellung. Wer hier schwindelerregende  Koloraturen und „schrille“ Töne erwartet, der wird enttäuscht werden. Ihre Stimme klingt jedoch sehr warm und angenehm. Ein etwas dunklerer Mezzo. Ausbaufähig aber mit dem gewissen Etwas.

Die beste Vorstellung des Abends liefert jedoch eindeutig die junge französische Mezzo-Sopranistin Marianne Crebassa als „Sesto“. Ihre Stimme ist kräftig, sicher und sehr klar in allen Registern. Es wirkt niemals so als müsste sie an ihre Grenzen gehen. Ihr Timbre geht unter die Haut. Die Koloraturen sind ein Genuss.

Ihre Arie „Parto, ma tu, ben mio“ wird auch zum Höhepunkt des Abends. Nicht nur gesanglich und musikalisch sondern auch von der optischen Umsetzung. Ein erheblicher Teil des frenetischen Szenenapplaus‘ gilt mit Sicherheit auch der Regie und der musikalischen Leitung, denn Sellars und Currentzis holen die Klarinette aus der optischen Anonymität des Orchestergrabens, hoch auf die Bühne. Jedem Zuseher wird klar dass er gerade einem speziellen Moment folgen darf. Dem musikalischen Dialog zwischen Gesangsstimme und Klarinette. Mozart hat diesen besonderen Moment bestimmt auch seinem Lieblings-Klarinettisten Anton Stadler gewidmet, dem er auch schon sein Klarinettenkonzert auf den Leib schneiderte. Mit dem extrem langsamen Tempo inklusive einigen Generalpausen, schaffen Currentzis und sein Orchester eine atemberaubende Atmosphäre. Eine großartige Idee!

Als gescholtener Konzertbesucher kommt in mir jedoch schon eine gewisse Angst hoch. Die Angst ein unqualifiziertes Publikum könnte die langen Atem-Pausen missverstehen, könnte jeden Augenblick beginnen loszuklatschen und diese knisternde Atmosphäre zu nichte machen. Es wäre nicht das erste mal. Doch nicht in der Salzburger Felsenreitschule. Nicht an diesem Abend. Chapeau! Vielleicht sind Kartenpreise bis zu jenseits der 400€ auch viel zu viel, als dass  hier Unmengen an gelangweilten unerfahrenen Zusehern mitgeschleppt werden.

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
Ein Höhepunkt – Die Sesto Arie „Parto, ma tu, ben mio“ | Marianne Crebassa (Sesto), Florian Schuele (Klarinette) | (© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Ein neuer Stern am Klassikhimmel

In Russland schon länger ein gefeierter Star, avanciert Teodor Currentzis mit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen nun auch außerhalb des „russischen Bären“ zum umjubelten Publikumsliebling. Neben „La Clemenza di Tito“ konnte er in diesem Festspielsommer das Salzburger Publikum bereits mit seiner Aufführung des  Mozart „Requiem“ begeistern (bis 22. August 2017 noch in der 3sat Mediathek zu sehen und hören – Empfehelnswert!).

Diese letzte Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, eine Opera Seria,  wird im Vergleich zu den „Da Ponte Opern“ jedoch relativ wenig aufgeführt. Zu unrecht! Selbst an der Wiener Staatsoper wurde der „Tito“ bis jetzt nur ungefähr zwei Dutzend mal aufgeführt.

An diesem Abend machen Currentzis und Sellars sofort klar welche Message sie mit dieser Inszenierung vermitteln wollen. Der „Titus“ ist in der westlichen Welt der Gegenwart angekommen. Einer Zeit die geprägt wird von Flüchtlingen und Terroranschlägen. Man merkt dass die beiden sich intensiv mit Mozart und dieser Oper auseinandergesetzt haben. Mit ihrer Inszenierung ein gewaltiges Statement setzen wollten. Der Zuseher soll nicht nur oberflächlich unterhalten werden. Nein! Auf dem Heimweg soll ihm eine gehörige Portion Gehirnschmalz abverlangt werden. Diese Inszenierung soll ihn soll schnell nicht in Ruhe lassen.

Realpolitisch konnte die Kunst zwar noch nie viel verändern. Trotzdem ist und war es immer wieder ihre Aufgabe zumindest zum Nachdenken zu animieren. Dieses Unterfangen ist mit diesem „La Clemenza di Tito“ gelungen!

Zwischen Grenzgang und Selbstinszenierung

Es werden jedoch einige Fragen laut. Ist es erlaubt so stark in das Libretto und in die Partitur einzugreifen? Darf man so stark mit den Tempi spielen? Darf man andere Werke des Komponisten frei nach eigener Vorstellung, man könnte auch böswillig sagen nach Lust und Laune, in eine Oper einbauen? Denn neben dem Kyrie und Benedictus der Großen c-Moll Messe (KV 427) verarbeiten die beiden auch noch das Adagio und Fuge in c-Moll (KV 546),  welches bei der Vorbereitung für „Sestos“ Sprengstoffgürtel herhalten muss. Zum Schluss, als sich „Tito“, in der Absicht des Suizids, die Schläuche aus dem Leibe reißt, erklingt noch die Maurerische Trauermusik.

Des weiteren streichen Currentzis und Sellars einen erheblichen Teil der Secco-Rezitative, mit der Begründung, Mozart habe sie im Zeitstress an seinen Schüler Franz Xaver Süßmayr delegiert, weshalb sie der Meister wegen qualitativen Mängeln höchstwahrscheinlich selbst wieder hätte gestrichen, hätte er nur die Zeit gefunden. Neben dem „Titus“ war Mozart mit der Arbeit am Requiem, der Zauberflöte und dem Klarinettenkonzert beschäftigt. Aber nur drei Monate nach der Uraufführung des „Titus“ war Mozart bereits tot.

Die Antwort auf diese Fragen ist eine einfache zweifache. Grundsätzlich ist in der Kunst vieles erlaubt. Sie ist frei. Und letztendlich entscheidet noch immer das Publikum. Jedoch besteht immer die Gefahr dass solche Grenzgänge, und ein Grenzgang ist diese Inszenierung mit Sicherheit, zu weit führen. Wenn die Selbstinszenierung Überhand gewinnt und das Originalwerk in den Hintergund rückt, dann ist die Geschmacklosigkeit nicht mehr weit. Zwischen Kitsch und Genialität ist es oftmals nur ein kleiner Sprung.

Gewinner des Abends sind dennoch sicherlich Teodor Currentzis und sein MusicAeterna Ensemble. Sie sind in der „Champions League“ angelangt, denn mit diesen erfolgreichen Auftritten in Salzburg haben sie nun endgültig den Ritterschlag erhalten. Des weiteren Marianne Crebassa als „Sesto“ und die dunkelhäutige Jeanine de Bique als „Annio“. Vereinzelt gibt es Schwächen bei den Sängern, doch in Summe ist dies ein sehr erfrischender „Titus“. Auch die farbenfrohe Besetzung der teilweise jungen Hauptcharaktere war ein etwas gewagtes weil ungewohntes Unterfangen, gilt doch gerade das Salzburger Festspiel Publikum als ziemlich konservativ. Doch letztendlich ist alles aufgegangen.

Das ein oder andere Buh ist zu hören, als Peter Sellars sich dem Publikum stellt. Ansonsten werden jedoch alle Künstler mit tosendem Applaus und „Bravo“ Rufen verabschiedet. „Bravo“ Rufe gibts vor allem für Teodor Currentzis und sein MusicAeterna. Ein riesengroßer Erfolg! Spiel, Satz und Sieg Currentzis/Sellars.

 

Von den „Geistervariationen“ in den Wahnsinn | R. Schumann (1854)

[Robert Schumann,“Geistervariationen“ WoO 24 Thema in Es-Dur mit Variationen (Anny Chen)]

Ein allerletztes musikalisches Vermächtnis

Robert Schumann vor 1856 zur Zeit der Geistervariationen
Robert Schumann vor 1856 (Foto: Wikimedia Commons/Adolf von Wenzel)

Im Frühjahr 1854 beginnt Robert Schumann die Arbeit an seinem letzten veröffentlichten Stück, bevor er sich selbst, zum Schutz seiner geliebten Frau Clara Schumann, in die Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn einliefern lässt. Das Thema mit Variationen Geistervariationen“ wird sein musikalisches Vermächtnis werden. Und was für eines.

Jedoch noch vor der Fertigstellung dieser herzzerbrechenden, verzaubernden Miniaturen, stürzt er sich am 27. Februar 1854, einem Rosenmontag, getrieben von bösen Geistern, mit der Absicht seinem Leben ein Ende zu setzen, in den kalten Rhein. Mitten während seiner Arbeit an diesem Thema samt Variationssätzen. Jedoch retten Passanten ihm das Leben, sodass er bereits am folgenden Tag mit dem Komponieren fortfahren wird. Der „Knick“ zwischen den ersten Stücken (Thema und 4 Variationen) und der letzten Variation (Nr. 5) wird deutlich hörbar, und zeugt höchstwahrscheinlich vom Zeitpunkt des schrecklichen Suizidversuchs.

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen

Schon seit geraumer plagen Robert Schumann schauderhafte Seelenqualen. Es erscheinen ihm Geister. Böse als auch gute. Darunter auch so Musiker Größen wie Franz Schubert und Mendelssohn-Bartholdy. Die beiden sollen laut Schumanns Angaben die wundervollsten Melodien mit im Gepäck haben. Jedoch genauso wird er von grässlichen Tönen zur Verzweiflung gebracht. Bereiten ihm Höllenqualen. Treiben ihn in den Wahnsinn. Clara Schumann notiert am 17. Februar 1854 in ihr Tagebuch:

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen, und über welches er für mich ebenso rührende wie ergreifende Variationen machte.

Doch bereits Tage zuvor verzeichnet Schumann regelmäßig Notiz von seinen stärker werdenden psychischen Leiden. Am 10. Februar notiert er in sein Tagebuch “Abends sehr starke und peinliche Gehöraffektion”.  Bereits zwei Tage darauf am 12. Februar “Noch schlimmer, aber auch wunderbar”. Gefolgt von je einem Eintrag an den nächsten beiden Tagen “wunderbare Leiden” und “Gegen Abend sehr stark (wunderschöne Musik)

Erste Anzeichen des Irrsinns zeigen sich jedoch schon viel früher. Denn bereits in jungen Jahren kämpft Robert Schumann mit seinem Schicksal. Als 1825 seine jüngere Schwester Emilie im Alter von nur 25 Jahren ihrem noch jungen Leben ein Ende setzt, und kurz darauf 1826 der Vater verstirbt, wähnt sich Schumann bereits der Gefahr recht nahe. Entkommt damals jedoch nochmals dem Schrecken. Doch immer wieder zeigen sich gewisse Anzeichen. Vermutlich Zeitlebens bewegt sich Robert Schumann immer wieder nahe dem Abgrund, an der Grenze des Irrsinns.

Dem Wahnsinn nahe ein verständlicher Irrtum?

Doch das von Schuberts Geist vorgesungene Thema der „Geistervariationen“ verwendet Schumann bereits im Jahr zuvor. Im langsamen 2. Satz seines einzigen Violinkonzerts in d-Moll, WoO 23, verarbeitet er dieselbe Melodie.

Am 7. Oktober 1853 spielt er Clara dieses Werk zum ersten mal am Klavier vor. Aber Clara und später auch Johannes Brahms scheinen nicht überzeugt, und so kommt es dass das Violinkonzert erst Jahrzehnte später 1937 unter widrigen Umständen uraufgeführt wird.

Seitdem wird es jedoch weiterhin nur sehr selten dargeboten. Zu Unrecht. „Ein emotional unglaublich tiefschichtiges Werk„, sagt der Violinist Thomas Zehetmair. Hochromantisch. Schwer klagend. Geht unheimlich stark unter die Haut. Schumann wie er leibt und lebt.

[Robert Schumann, Violinkonzert in d-Moll WoO 1, 2. Satz (Joshua Bell)]

 

Mit seinen „Geistervariationen“ schenkt Robert Schumann der Nachwelt einen allerletzten Gruß. Lässt Schumann uns unheimlich nahe am Geschehen dabei sein. Ähnlich einer TV Live-Übertragung. Viel näher noch. Näher können wir einem knapp 160 Jahre alten Ereignis nicht kommen. Mit einer bereits verstorbenen Person viel enger in Verbindung treten , als durch dieses erschütternde aber dennoch bezaubernde Tondokument, ist unmöglich. Nur die Musik ist in der Lage uns dieses Wunder zu bescheren. Im Besonderen die Schumann’sche. Keine noch so intellektuell perfekt geformten Worte mögen dem auch nur annähernd nahe kommen. Keine andere Kunstform diese tiefe emotionale Verbindung herstellen. Zwischen der Schumann’schen Seele und dem Hörer.

Du arme verzweifelte Seele. Du armer getriebener Geist. Welch Qualen musstest du erleiden, um uns mit dieser berührenden Musik zu beschenken. Tausend Dank.

Klassikpunk

 

 

Ein denkwürdiges Ereignis (I) | Grigory Sokolov Konzert (2016)

[ Mozart, Klaviersonate Nr. 14 in c-Moll KV 457 (Grigory Sokolov)]

Grigory Sokolov – ein lebender Gigant

Heute möchte ich euch gerne teilhaben lassen am ersten Teil eines Grigory Sokolov (* 18. April 1950 in Leningrad) Konzertberichts. Den ich schon vor einiger Zeit anderswo in einem Forum verfasst hatte. Einige Tage nachdem Wien Konzert vom 7.12.2016 im Großen Saal des Wiener Konzerthaus. Ich übernehme den Bericht beinahe 1 zu 1. Jedoch beginnt er wie folgt er mit einer Antwort auf die Frage eines Users:

Grigory Sokolov
Grigory Sokolov (Foto: WIkimedia Commons/ Martin Fleck [CC BY-SA 4.0] )

Ich wollte dir schon früher antworten bin aber ziemlich eingespannt. Und mit einem einfachen „Super“ will ich dieses einzigartige Erlebnis nicht abtun und der Belanglosigkeit preisgeben. Hierfür ist dieser Pianist einfach zu einzigartig! Ich stelle ihn auf ein Plateau neben Evgeny Kissin und Arcadi Volodos. Auch wenn sie alle völlig unterschiedliche Qualitäten haben möchten, entspringen sie doch alle der russischen Schule. Wenn ich die schon verstorbenen Giganten dieser Schule hinzuzähle dann kann ich definitiv behaupten dass mich irgendetwas an deren Art das Klavier zu spielen schwer beeindruckt.

Sokolov und Mozart – ein zwiespältiges Erlebnis

Zu viel getrödelt und erst zum offiziellen Beginn im Konzerthaus eingetrudelt. Deshalb samt Jacke und Schal in den Saal gehetzt, nur um zu erkennen, dass ein erheblicher Teil der Besucher noch nicht einmal Platz genommen hatte. Der große Saal des Wiener Konzerthaus war selbstverständlich ausverkauft. Bis zum letzten Platz haben sie den Saal vollgerammelt. Sogar Stühle auf dem Konzertpodium. Das konnte ich zuvor der homepage entnehmen.

Die erste Hälfte des Rezitals widmet er Wolfgang Amadeus Mozart. Der Meister betritt das Podium. Keine Lust über Belanglosigkeiten wie Aussehen und Auftreten zu schreiben. Die ersten Töne erklingen und ich denke mir nur: „Heilige Scheiße ist das leise. Bin ich froh in Reihe 6 zu sitzen“. Nie wieder mache ich den Fehler mir ein Klavier Rezital in einem der beiden großen Wiener Säle aus den hinteren Reihen anzuhören. Wenn möglich! Um ehrlich zu sein eine eigene, gewöhnungsbedürftige Interpretation! Vor allem in den schnelleren Sätzen. Für meinen Geschmack vertragen Mozarts schnelle Sätze etwas mehr Humor. Zusätzlich herrscht sehr viel Unruhe im Saal. Wie immer zu anfangs. Einige stechen besonders negativ hervor und husten um die Wette. Ich möchte sie alle am liebsten eigenhändig vor die Tür setzen. Und um ehrlich zu sein, würde ich durch diese Aktion nicht den Pianisten stören, würde ich es auch machen! Ich hab die Nase voll von egoistischen Besuchern und/oder Langweilern, die nur von ihren Partnern mitgeschleppt werden, weil diese aufgrund von sozialen Zwängen nicht in der Lage sind einem solchen Ereignis alleine beizuwohnen. Krank lass ich noch eher gelten. Diesen Unterschied hört man jedoch.

Es zeigt aber auch wieder ganz deutlich wie schwer es ist einem Mozart zu folgen, vor allem wenn er noch dazu humorlos vorgetragen wird. Zusätzlich setzt mitten drin in einer kurzen Atempause, ich weiß nicht mehr genau wo, Applaus ein, weil einige Besucher denken das Werk sei zu Ende. So vergehen im Grunde zwei Mozart’sche Werke (Sonate KV 545 „Facile“ & Fantasie KV 475) ohne diese wirklich fassen zu können. Ist aber oft so. Ich denke dem Pianisten geht es da oft nicht anders.

Ein denkwürdiges Zusammentreffen

Erst bei der c – Moll Sonate KV 457 fängt er mich. Dann überhöre ich auch gelegentliches Husten. Es rückt weit aus meinem Focus. Genau diese Moment suche ich. Immer. Für mich besteht solch ein Rezital nicht aus belanglosem Zuhören, sondern im besten Fall aus einem Ganzkörpererlebnis. Merkwürdiges ereignet sich. Während dem Adagio verändert sich plötzlich das Licht im Saal (das Licht wird bei Sokolov Konzerten generell stark verdunkelt). Im nächsten Augenblick sehe ich Mozart vor meinem geistigen Auge über dem Flügel. Ein etwas kitschiges Bild. Denn auf der rechten Körperseite liegend, den Ellbogen der rechten Hand vor sich am Boden, den Kopf auf die Hand gestützt, schwebt er wie auf einem von einer leichten Windbrise getragenen Blatt hin und her, von oben nach unten und wiederum zurück. Jedoch mit sehr sanften und langsamen Bewegungen. Ein Lächeln auf seinen Lippen lässt ihn beinahe kindlich glücklich erscheinen.

Ich vermag mit Worten nur schwer zu beschreiben wie der Pianist nun spielt, aber wenn er mich zu solchen Erlebnissen führen kann, dann könnt ihr euch vorstellen wie beeindruckt und ergriffen ich gerade von seinem Klavierspiel sein muss. Und Nein, keine Drogen. Total nüchtern. Völlig seltsames aber geniales Erlebnis. Sein Anschlag ist einzigartig. Sein Piano+ ist nur schwer zu umschreiben. So sanft habe ich noch nie einen Ton aus dem Klangkörper des Flügels entweichen hören. Seine Triller sind unerreicht. Er hat eine sehr markante Anschlagtechnik. Seine Hände/Finger federn regelmäßig extrem in die Höhe. Weg von der Klaviatur. Als würden sie immer und immer wieder auf einem Trampolin landen.

[Fortsetzung folgt………]

Sokolov spielt Bach

Folgendes Video hat nicht viel mit leisen sanften Tönen am Hut, aber beobachtet mal seine Hände. Nur zur Veranschaulichung seiner Technik. Einfach atemberaubend dieser Grigory Sokolov! Hier spielt er energisch aber auch bei leisen Tönen federn seine Finger genauso regelmäßig hoch in die Luft.

Sokolov CD – Mozart und Rachmaninow Konzerte

Dieser Grigory Sokolov ist medial nur schwer greifbar. Er gibt generell sehr wenig Interviews, veröffentlicht extrem selten CDs und betreibt auch sonst kein großes Marketing. Im März 2017 veröffentlichte die Deutsche Grammophon eine der seltenen CDs des Künstlers Sokolov: Mozart / Rachmaninov Concertos. Diese beinhaltet Mozarts Klavierkonzert in A-Dur, KV 488 als auch Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert. Einer seiner seltenen Auftritte samt Orchester. Zusätzlich eine DVD mit einem Porträt von Grigory Sokolov „A Conversation That Never Was“.

Grigory Sokolov spielt Mozart und Rachmaninow

 

„Heiligenstädter Testament“ – Taubheit und Selbstmordgedanken | Ludwig van Beethoven (1802)

[Musik: Adagio Cantabile der Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2 (1802)]

Das Heiligenstädter Testament

Das Heiligenstädter Testament ist ein resignativer Monolog von Ludwig van Beethoven (getauft 17. Dezember 1770 in BonnKurköln; † 26. März 1827 in WienKaisertum Österreich). Zu Blatt gebracht am 6. und 10. Oktober 1802. Mit hoher Wahrscheinlichkeit im Haus der Probusgasse 6 im 19. Wiener Gemeindebezirk (Beethoven-Museum). Damals jedoch noch Herrengasse 6 im Wiener Vorort Heiligenstadt. Der Grund seines Aufenhalts in Heiligenstadt war eine bekannte Heilquelle. Beethoven erhoffte sich nicht nur Besserung seines Gehörleidens sondern auch seiner ständigen Magen-Darm Probleme samt heftigen Koliken. Obwohl gefaltet und versiegelt wurde der Brief dennoch niemals abgeschickt. Gerichtet ist das Heiligenstädter Testament an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann van Beethoven. Ein wahrlich ergreifendes Dokument. Über Schwächen und den Tod sprechen wir selten. Als gäbe es diese treuen Begleiter des Menschen nicht.  Genauso wird Beethoven nur all zu gern heroisch und wild dargestellt. Wer kennt sie denn nicht, die Bilder mit zersaustem, zu Berge stehendem Haar?!

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Beethoven Wohnung/Museum Heiligenstadt, Probusgasse 6 (Foto: Clemens/CC BY-SA 3.0 at , via Wikimedia Commons)

Widersprüchlich jedoch das Heiligenstädter Testament. Das Zeugnis eines von Selbstzweifel geplagten Menschen. Aufgrund des fortschreitenden Gehörleidens von der Gesellschaft isoliert. Dem Wunschbild der Öffentlichkeit nicht entsprechend. Von Gottes Gnaden im Stich gelassen. Der drohende Gehörverlust schien unaufhaltbar. „O ihr Menschen die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret, wie Unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen„. Mit diesen Worten beginnt Beethoven seinen Monolog. Wie wir diesen ersten Zeilen entnehmen können begannen die ersten Gehörprobleme bereits im Jahr 1796. Das Gehörleiden zeigte sich um 1802 durch ein ständiges Rauschen (Tinnitus) und Hörprobleme im hohen Frequenzbereich.

„Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück“

Und so kam es, bestimmt auch geplagt von Depressionen, dass Ludwig van Beethoven, der große Revolutionär, mit dem Gedanken spielte seinem Leben ein Ende zu setzen. „Aber welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte und ich auch nichts hörte. Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung: es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.“ schreibt er am 6. Oktober 1802 im an seine beiden Brüder gerichteten Heiligenstädter Testament.

Jedoch mögen wir es ihm verübeln? Versetzen wir uns doch mal in seine Lage. Als Klaviervirtuose gefeiert und auf seinem Höhepunkt. Als Komponist auf bestem Wege dahin. Die ersten Skizzen seiner revolutionären 3. Sinfonie (Eroica) sind bereits im Entstehen. Zwanzig seiner insgesamt 32 Klaviersonaten hatte er zu diesem Zeitpunkt schon komponiert. Darunter bereits so bekannte Werke wie die Klaviersonaten Nr. 8 „Pathetique“, Nr. 14 „Mondscheinsonate“ und Nr. 17 „Der Sturm“. Später einmal wird der deutsche Klaviervirtuose, Dirigent und Komponist Hans von Bülow diese 32 Klaviersonaten als das „Neue Testament der Klavierliteratur“ bezeichnen. Im Wiener Gesellschaftsleben bestens integriert. In Fürst Lichnowsky hat er nicht nur einen Förderer sondern auch einen Freund gefunden. Dies jedoch schien das Ende. Denn sollte das jemals an die Öffentlichkeit gelangen wäre womöglich seine ganze Existenz gefährdet. Ein Pianist, Klavierlehrer und Komponist der sein Gehör verliert. Wie würde die Öffentlichkeit auf so etwas reagieren? Deshalb bat Beethoven alle Eingeweihten seines engsten Freundeskreis‘ um allergrößte Diskretion. Vorerst sollte so wenig wie nur irgendwie möglich an die Öffentlichkeit gelangen.

Heiligenstädter Testament (Ludwig van Beethoven, 1802) | Klassikpunk
Das Heiligenstädter Testament (Original Seite 1)
Heiligenstädter Testament (kompletter Text)
für meine Brüder Carl und {Leerraum} Beethowen

 

O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels <das> (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch zuweilen mich einmal über alles das hinaussezen, o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör’s dann zurückgestoßen, und doch war’s mir noch nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub, ach wie wär es möglich daß ich <da> die Schwäche eines Sinnes angeben sollte, der bey mir in einem Vollkommenern Grade als bey andern seyn sollte, einen Sinn denn ich einst in der grösten Vollkommenheit besaß, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben – o ich kann es nicht, drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte, doppelt Wehe thut mir mein unglück, indem ich dabey verkannt werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesellschaft, feinere unterredungen, Wechselseitige Ergießungen nicht statt haben, ganz allein fast nur so viel als es die höchste Nothwendigkeit fodert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen, wie ein Verbannter muß ich leben, nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit, indem ich befürchte in Gefahr gesezt zu werden, meine[n] Zustand merken zu laßen – so war es denn auch dieses halbe Jahr, was ich auf dem Lande zubrachte, von meinem Vernünftigen Arzte aufgefodert, so viel als möglich mein Gehör zu schonen, kamm er <mir> fast meiner jezigen natürlichen Disposizion entgegen, obschon, Vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen, ich mich dazu verleiten ließ, aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben – wahrhaft elend, einen so reizbaren Körper, daß eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem Besten Zustande in den schlechtesten versezen kann –Geduld – so heist es, Sie muß ich nun zur führerin wählen, ich habe es – daurend hoffe ich, soll mein Entschluß seyn, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen, vieleicht geht’s besser, vieleicht nicht, ich bin gefaßt – schon in meinem 28 Jahre gezwungen Philosoph zu werden, es ist nicht leicht, für den Künstler schwere[r] als für irgend jemand – Gottheit du siehst herab auf mein inneres, du kennst es, du weist, dasß menschenliebe und neigung zum Wohlthun drin Hausen, o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht gethan, und der unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden, der troz allen Hindernissen der Natur, doch noch alles gethan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden – ihr meine Brüder Carl und , sobald ich Tod bin und Professor schmid lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, daß er meine Krankheit beschreibe, und dieses hier geschriebene Blatt füget ihr dieser meiner Krankengeschichte bey, <zu> damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde – zugleich erkläre ich euch beyde hier für <meine> die Erben des kleinen Vermögens, (wenn man es so nennen kann) von mir, theilt es redlich, und vertragt und helft euch einander, was ihr mir zuwider gethan, das wist ihr, war euch schon längst verziehen, dir Bruder Carl danke ich noch in’s besondre für deine in dieser leztern spätern Zeit mir bewiesene Anhänglichkeit, Mein Wunsch ist, daß <ich> euch ein bessers sorgen<volleres>loseres Leben, als mir, werde, emphelt euren <nach> Kindern Tugend, sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung, sie war es, die mich selbst im Elende gehoben, ihr Danke ich nebst meiner Kunst, daß ich durch keinen selbstmord mein Leben endigte – lebt wohl und liebt euch; – allen Freunden danke ich, besonders fürst Lichnovski und P[r]ofessor schmidt – die Instrumente von fürst L.[ichnowsky] wünsche ich, daß sie doch mögen aufbewahrt werden bey einem von euch, doch entstehe deswegen kein Streit unter euch, sobald sie euch aber zu was nüzlicherm dienen können, so verkauft sie nur, wie froh bin ich, wenn ich auch noch unter meinem Grabe euch nüzen kann – so wär’s geschehen – mit freuden eil ich dem Tode entgegen – kömmt er früher als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunst-Fähigkeiten zu entfalten, so wird er mir troz meinem Harten Schicksaal doch noch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen – doch auch dann bin ich zufrieden, befreyt er mich nicht von einem endlosen Leidenden Zustande? – Komm, wann du willst, ich gehe dir muthig entgegen – lebt wohl und Vergeßt mich nicht ganz im Tode, ich habe es um euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an euch gedacht, euch glücklich zu machen, seyd es –

 

Ludwig van Beethowen

 

Heiglnstadt am 6ten october 1802

 

für meine Brüder Carl und nach meinem Tode zu lesen und zu vollziehen –

 

Heiglnstadt am 10ten oktober 1802 – so nehme ich den Abschied von dir – und zwar traurig – ja dir geliebte Hofnung – die ich mit hieher nahm, wenigstens bis zu einem gewissen Punkte geheilet zu seyn – sie muß mich nun gänzlich verlassen, wie die blätter des Herbstes herabfallen, gewelkt sind, so ist – auch sie für mich dürr geworden, fast wie ich hieher kamm – gehe ich fort – selbst der Hohe Muth – der mich oft in den Schönen Sommertägen beseelte – er ist verschwunden – o Vorsehung – laß einmal einen reinen Tag der Freude mir erscheinen – so lange schon ist der wahren Freude inniger widerhall mir fremd – o wann – o Wann o Gottheit – kann ich im Tempel der Natur und der Menschen ihn wider fühlen – Nie? – nein – o es wäre zu hart

Violinsonate Nr. 7 in c-Moll (1802)

Zur musikalischen Untermalung dient uns der 2.Satz dieser um 1802 fertig gestellten Violinsonate Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2. Es ist die mittlere von insgesamt drei Violinsonaten die mit der Opuszahl 30 herausgegeben wurden. Die Schaffensphase dieser Sonate dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeit des Heiligenstädter Testaments fallen. Dieser wunderschöne und etwas melancholische 2.Satz, ein Adagio Cantabile, gibt meines Erachtens bestens diese Stimmung wider.

Für mich ist Beethoven sowieso der Meister der langsamen Sätze. Jedoch möchte ich das nicht so in den Raum werfen ohne natürlich auch seinen berühmten Vorgänger Wolfgang Amadeus Mozart zu erwähnen. Mozart, der große Meister der Melodien, steht hier selbstverständlich um nichts hinten nach. Diese beiden größten Komponisten der Wiener Klassik und der Geschichte miteinander zu vergleichen ist jedoch fast unmöglich. Zu verschieden sind sie. Dennoch rühren mich Beethovens langsame Sätze nicht selten beinahe zu Tränen. Hierbei unbedingt erwähnen möchte ich das Largo des Klavierkonzerts Nr. 3 in c-Moll, op. 37 und des Tripelkonzert in C-Dur, op. 56. Oder das Adagio des Klavierkonzerts Nr. 5 in Es-Dur, op. 73. Die Tiefe und Schönheit dieser Musik in Worte zu fassen ist jedoch nur sehr schwer möglich. Einfach an – und vor allem wirklich zuhören! Denn es ist keine verlorene Zeit sondern eine wahre Wohltat für jede menschliche Seele.

Ludwig van Beethoven – Der Revolutionär

Selbstverständlich ist Beethoven auch oder besser vor allem als Revolutionär in die Musikgeschichte eingegangen. Denn er hat ständig neue Tore aufgestoßen. Immerfort wollte er ausbrechen aus dem Gefängnis der alten musikalischen Sitten und Gebräuche. Die Regeln brechen. Mit der 3. Sinfonie „Eroica“ (1803) wird er in neue Bahnen aufbrechen. Mit seinen Sinfonien Nr. 5 und Nr. 9 „Ode an die Freude“ (1824) letztendlich völlig mit der Tradition brechen. Der bisherigen Form und Zusammensetzung einer Sinfonie den Rücken weisen. Mit dem „Fidelio“ (1805), seiner einzigen Oper, wird er für Sänger mit die schwierigste Oper komponieren.

Weitere 12 Klaviersonaten werden noch folgen. Darunter Giganten wie die „Appassionata“, die „Waldsteinsonate“ op. 106  (1818) gefolgt von den letzen drei Klaviersonaten op.  109, op. 110 (1821) und op. 111 (1822) . Er wird den Liederkreis „An die ferne Geliebte“ (1816), die feierliche Messe „Missa Solemnis“ (1823) und seine letzen fünf Streichquartette op. 127, op. 130, op. 131, op. 132 und op. 135 (das letzte Werk) veröffentlichen. Er wird die Tür noch sehr weit aufstoßen und seinen Nachfolgern den Weg zur Romantik ebnen. Schubert und seinen Klaviersonaten. Den großen Instrumentalisten Berlioz, Brahms und Mahler Inspiration für deren Sinfonien sein. Ohne Beethoven unvorstellbar.

Vor allem ist er ein großer Rhythmiker. Nehmen wir nur seine 5. Sinfonie. Das berühmte „Ta, ta, ta, taaaa!!“ Das ist doch keine Melodie. Das sind einfach 4 Noten. Und auf diesen 4 Noten baut er den ganzen 1. Satz auf. Selbst wenn er eine romantische Melodie einstreut erinnert er uns ständig an diese 4 Noten. Reibt sie uns latent immer wieder unter die Nase. Bedrohlich aber leise im Hintergrund. Ta ta ta ta. Damit wir sie unter keinen Umständen vergessen. Und fährt uns dann überraschend mit voller Lautstärke wieder drüber wie mit einer Dampflok – Ta, ta, ta, taaaa!!

Warum erwähne ich all das? All das hätten wir heute nicht zur Verfügung hätte er bereits vor 1802 den frühzeitigen Freitod gewählt. Ganz zu schweigen wie sich die Musik nach ihm entwickelt hätte. Gäbe es Brahms und Mahlers Sinfonien in der uns bekannten Form? Zu wissen woher all diese Energie und schöpferische Kraft kam sollte uns doch etwas ehrfürchtig werden lassen. Vor einem Mann der seinem Leben bereits früh ein Ende setzen wollte. Vom Schicksal mehr als schwer gebeutelt. Zum Ende hin völlig taub. Die meisten seiner großen späten Meisterwerke hat er uns in völliger Taubheit geschenkt. So etwas konnte er nur weil er geschult war und alles im „inneren Ohr hören“ konnte. Seinem Geist. In seiner Vorstellungskraft.

Im Angesicht des großen Meister und dessen himmlischen Töne verbleibe ich in Demut-

Euer Klassikpunk

Sechs französische Suiten | Johann Sebastian Bach

[Musik: Allemande aus der Französischen Suite Nr. 2 in c-Moll, BWV 813]

Johann Sebastian Bach – der musikalische Großmeister

Seid gegrüßt meine lieben Freunde der wundervollen Musik. Im heutigen Eintrag beschäftigen wir uns mit einem Komponisten, der für viele der bedeutendste aller Zeiten ist – Johann Sebastian Bach ( 31. März 1685 in Eisenach; † 28. Juli 1750 in Leipzig). Das Bach’sche Werk steht da wie ein Monument. Es negativ zu kritisieren getraut sich im Grunde kein Mensch der sich ernsthaft mit Musik auseinandersetzt. Derjenige der etwas zu kritisieren hätte schweigt vermutlich lieber. Denn für viele stünde diese Kritik bestimmt nicht unweit der Gotteslästerung. Bach ist einfach Bach. Er ist im Grunde unantastbar.

Selbstverständlich hat jeder von uns seinen persönlichen Musikgeschmack. Dennoch sollten wir unterscheiden zwischen persönlichen Vorlieben und der Genialität eines Komponisten. Auch wenn etwas nicht unserem Geschmack entspricht sollten wir dennoch die Großartigkeit einer Komposition erkennen, oder besser noch, anerkennen. Selbst wenn wir nicht in der Lage wären sollten wir einfach dem Urteil so vieler Musiker und Fachleute Glauben schenken. Es sind deren einfach zu viele um sich zu irren!

Sechs Französische Suiten von Johann Sebastian Bach | Klassikpunk
Johann Sebastian Bach

Sechs Französische Suiten für Cembalo oder Clavichord

Seine 6 französischen Suiten (BWV 812 – 817) komponierte Johann Sebastian Bach in den Jahren 1722 bis 1724 in Köthen. Gewidmet seiner zweiten Ehefrau Anna Magdalena Bach. Die beiden hatten erst Ende des Jahres 1721 geheiratet. Neben den 6 Französischen Suiten entstanden während Bachs Zeit in Köthen (1717-1723) das Wohltemperierten Klavier als auch seine Violinsonaten – und Partiten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden die Suiten fürs Clavichord geschrieben, denn das heute weit verbreitete Piano-Forte gab es zur Zeit Bachs noch nicht.

Die ersten drei Suiten stehen in einer Moll Tonart, die letzten drei in einer Dur Tonart. Jede der Suiten besteht aus einer Sammlung sogenannter instrumentaler Tanzstücke. Jedes einzelne Tanzstück (Satz) innerhalb einer Suite steht jedoch in derselben Tonart. Andras Schiff bringt den sehr anschaulichen Vergleich „wie lauter unterschiedliche Blumen (Rosen, Tulpen, Nelken etc) aber alle in der gleichen (Ton) Farbe“. Am Anfang jeder der franz. Suiten steht eine Allemande (deutscher Tanz), gefolgt von einer Courante (franz. Tanz) und der Sarabande (festlicher spanischer Tanz). Dann schiebt Bach verschiedene Tänze ein. Eine Gavotte, Bourree oder ein Menuett. Jedoch endet jede der sechs Suiten wieder mit einer Gigue (lebhafter britischer Seemanns Tanz).

Clavichord zur Zeit Johann Sebastian Bach
Clavichord aus der Zeit von J. S. Bach (Foto: archive.org/Jeff Kaplan)

 

Französische Suite Nr. 5 – mein persönlicher Favorit

Die Französische Suite Nr 5 in G-Dur, BWV 816 ist ein besonders idyllisches Stück Musik. Die herzergreifende Sarabande (siehe spotify unten) zählt zu meinen liebsten. Vielleicht erging es Bach genauso? Denn immerhin ist es die längste aller Sarabanden. Während die anderen um die 24 Takte lang sind, zählt die der fünften franz. Suite ganze 40 Takte. Ob dies jedoch auf einen besonderen Stellenwert hinweisen soll weiß ich nicht. Zumindest bietet es Spielraum für Spekulationen.

„In Bachs Musik spürt man immer einen gewissen Schmerz“

Weise Worte eines Techno DJs

Ich muss immer an die Worte eines mir flüchtig bekannten DJ elektronischer Musik denken, der neben seinem Techno und House auch gerne Bach hört: „In Bachs Musik spürt man immer einen gewissen Schmerz“. Wie Recht er doch hat. Wenn wir Bachs Lebenslauf etwas näher betrachten jedoch auch kein Wunder. Mit dem Tod hatte Johann Sebastian Bach einen getreuen wenn auch unliebsamen Begleiter gefunden. Denn bereits in jungen Jahren verlor er beide Elternteile. Bach war gerade 10 Jahre alt als zuerst seine Mutter und kurz darauf auch sein Vater verstarb. 1720 ereilte seine erste Ehefrau Maria Barbara Bach im Alter von nur 35 Jahren dasselbe Schicksal. Von einer vier-wöchigen Reise heimkehrend erfuhr Bach erst in seinem Haus von der Tragödie. Er konnte sich nicht einmal standesgemäß verabschieden, denn die sterblichen Überreste seiner geliebten Maria Barbara waren bereits beigesetzt. Zehn seiner insgesamt zwanzig Kinder schafften es nicht übers Kindesalter hinaus.

Wir sollten beim Hören der großen Altmeister immer versuchen die Lebensumstände des Komponisten in Erinnerung zu rufen. Den Zeitgeist der damals vorherrschte. Dann wird einiges klarer. Das Leben Bachs war alles andere als geradlinig und problemlos. Ganz im Gegenteil. Regelmäßig wurde er vom Schicksal auf die Probe gestellt. Dennoch hinterließ er uns dieses sagenhafte Oeuvre. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen?!

Im Vergleich zu den anderen klingt die Sarabande der Suite Nr. 5 beinahe richtig fröhlich. Die meisten anderen jedoch weniger. Ich empfehle euch sowieso die anderen Suiten genauso anzuhören. Empfehlen kann ich neben Andras Schiff, Murray Perrahia (Franz. Suite Nr. 1), Tatjana Nikolayeva (Franz. Suite Nr. 2) auch die neue CD von Vladimir Ashkenazy.

CD Tipp – Brandneue Einspielung des russischen Altmeister Vladimir Ashkenazy

Der mittlerweile 80 jährige Russe mit isländischer Staatsbürgerschaft zählt seit Jahrzehnten zu den weltbesten Pianisten. Gefeiert für seinen Chopin, Schumann und Rachmaninow. Bereits 1955, mit dem 2. Platz des renommierten Warschauer Chopin Wettbewerbs, begann seine steile Karriere. Sein Repertoire reicht jedoch von Bach (Wohltemperiertes Klavier, Sechs Partiten) über Beethoven bis hin zu Bartok und Prokofjew. Seit 1978 ist er auch als Dirigent aktiv.

 

 

Enden möchte ich mit den Worten eines bekannten österr. Kabarettisten „Gehabt euch wohl“.