Der letzte Romantiker | Vladimir Horowitz (1904-1989)


[The Last Romantic | Liszt – Consolation Nr. 3 S.172]

So heißt die eindrucksvolle TV Konzert-Dokumentation aus dem Frühjahr 1985 mit dem gefeierten und bedeutendsten Pianisten aller Zeiten: Vladimir Horowitz. Der Klavierliebhaber erfährt wie himmlisch, der bereits greise aber dennoch bestens gelaunte „Priester der Kunst“ auf seinem Klavier predigen konnte. Franz Liszts Consolations Nr. 2 und das ein oder andere Virtuosen-Stück verdeutlichen, weshalb die Begeisterung um den 1989 verstorbenen Künstler ungebrochen anhält – seine Fähigkeit die schwierigsten Oktav-Passagen kinderleicht aussehen zu lassen, seine Art und Weise das Klavier perlend zum „Singen“ zu bringen, seine einzigartige Kunstfertigkeit mehrere zugleich gespielte Stimmen ungleich zu phrasieren, sind bis heute unerreicht. Das Gesamtkunstwerk Horowitz wird mit Sicherheit weitere Generationen überdauern und Jung und Alt in seinen magischen Bann ziehen.

Diese wertvollen Bild – und Tonaufnahmen sind einem Heim-Rezital in New York City, 14 East 94th Street, Manhattan entsprungen. Von 1944 bis zu seinem Tod im jahr 1989 bewohnte er mit seiner Ehefrau Wanda Toscanini-Horowitz, der Tochter des weltberühmten und berüchtigten Dirigenten Arturo Toscanini, ein Stadt-Haus in der noblen Upper East Side. Einem der vornehmsten und teuersten Viertel des „Big Apple“.

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

Doch alles nach der Reihe. Davor liegt ein langes, bemerkenswertes Künstler-Leben, gepflastert von enormen Höhen aber auch von bitterlichen Tiefen. Am 1. Oktober 1904 in Berdychiv, in der heutigen Ukraine, in einem gut behüteten, bourgeoisen Umfeld geboren – der Vater ein angesehener Ingenieur und Unternehmer, die Mutter Hausfrau und eine solide Amateurpianistin. Von ihr erhielt der junge „Volodja“ seinen ersten Klavierunterricht. Später einmal wird der weltweit umjubelte Tasten-Star erzählen, er habe schon im zarten Kindesalter, beim Imitieren des Klavierspiels, das Glas der heimischen Fensterscheiben zum Zerbrechen gebracht. Im Scherz hatten seine Eltern und Verwandte prophezeit, er werde bestimmt einmal ein großer Pianist werden.

Bereits im zarten Alter von  9 Jahren wurde er am angesehenen Kiewer-Konservatorium als Klavier-Student aufgenommen. Zu seinen Klavierlehrern zählte unter anderem der Pianist und anerkannte Musikpädagoge Felix Blumenfeld. In einem Interview schwärmte Horowitz nicht ganz uneitel, er habe die schwere Abschluss-Prüfung „im Handumdrehen“ gemeistert und das anwesende Publikum in Begeisterungsstürme versetzt – zum ersten Mal in der langen Geschichte der renommierten Ausbildungsstätte hat man mit standing-ovations resümiert.

Ein fruchtbares Umfeld

Die geografische Lage aus der Horowitz entsprungen war, bot den idealen Nährboden für ehrgeizige Musiker. Aus dieser Gegend stammt eine Vielzahl an großartigen Instrumentalisten:  Emil Gilels, Swjatoslaw Richter, Igor und David Oistrakh, Leonid Kogan, Mstislaw Rostropowitsch, Nathan Milstein, Jascha Heifetz, Mischa Elman und Isaac Stern – um nur einige der erfolgreichsten ihrer Zunft zu nennen. Oftmals aus jüdischen, großbürgerlichen Familien, aber auch aus einfachen bürgerlichen. Denn die Musik war inmitten eines Umfeldes vieler jüdischer Ressentiments, die Chance,  diesem trostlosen Leben den Rücken zu kehren. Für dieses Ziel ließen ehrgeizige Eltern ihren Nachwuchs bereits im zarten Kindesalter ein Instrument erlernen und forcierten das notwendige fleißige Üben und den teuren Unterricht. Außerdem gehörte es zum guten Ton ein Instrument zu beherrschen, sodass aus den Fenstern vieler russischer Ortschaften der Klang von mehr oder weniger wohlklingenden Tönen entwich.

Vladimir Horowitz wollte zeitlebens Komponist werden – bis zu seinem 13. Lebensjahr hat er den Großteil seiner Zeit dieser Passion gewidmet. Die Umstände zwangen ihn jedoch dazu, seine Brötchen als Pianist verdienen zu müssen: in den Wirren der Oktoberrevolution 1917 verlor die Familie fast gänzlich deren Hab und Gut, sodass der junge Horowitz mit einem enorm breit aufgestellten Repertoire durch die Konzerthallen der Sowjetunion touren musste.

Vladimir Horowitz und Jascha Heifetz
Jascha Heifetz und V. Horowitz

Selbst mit dem jungen Geiger-Gott Jascha Heifetz gab er während dieser Zeit regelmäßig Kammermusik zum Besten. Später einmal wird Heifetz auf die Frage, wie denn sein Verhältnis zu Horowitz sei, antworten: „Wissen Sie – Horowitz ist mein Milchbruder„. Das Ergebnis dieser fruchtbaren Partnerschaft ist  auf einer der seltenen Kammermusik-Aufnahmen von Horowitz aus dem Jahr 1959 festgehalten worden: Brahms d-Moll Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 op. 108.

Der internationale Durchbruch

Mitte der 1920er Jahre wollte Horowitz sein Glück im Ausland versuchen und landete mit seinem Freund und Manager in Deutschland. Über die Flucht aus der Sowjetunion wird er im hohen Alter einmal berichten, es sei ein außerordentlich gefährliches Unterfangen gewesen, als er mit im Schuh versteckten USD die russische Grenze überquert habe. Der Grenzwärter habe ihm jedoch freundlich hinterher gewinkt und baldige Rückkehr gewünscht – Horowitz wird den heimatlichen Boden erst Jahrzehnte später 1986 wieder betreten.

In Hamburg sollte der große internationale Durchbruch folgen. Horowitz weilte für Welte-Mignon Aufnahmen in der nord-deutschen Hansestadt. Die folgenden Ereignisse mögen fast schon etwas kitschig klingen, jedoch verleihen sie dem Ganzen einen gewissen theatralischen Hauch von Hollywood und auch ein bisschen Märchenwelt.

Eines späten Nachmittags kam der müde und hungrige Horowitz von einem Zoo Besuch zurück in sein Hotel und wurde von seinem Manager mit der Bitte überrascht, ob er denn nicht am Abend für eine erkrankte Pianistin einspringen könne. Die große Chance erkennend zögerte Horowitz nicht lange – rasierte sich, trank ein Glas Milch und gab nur zwei Stunden später das Tschaikowsky b-Moll Klavierkonzert zum Besten. Das virtuose Werk zählte zu seinem Standard-Repertoire das er zu jeder Tages – und Nacht-Zeit hätte im Schlaf abrufen können. Dieser Umstand alleine sagt schon sehr viel über die ungeheuren Fähigkeiten eines Pianisten, zählt es doch mit zu den schwierigsten Werken der gesamten Klavierliteratur. Dirigiert hatte an diesem wegbereitendem Abend ein gewisser Eugen Papst. Das Hamburger Publikum war dem Magier Horowitz auf der Stelle verfallen und kurzerhand angesetzte Folge-Konzerte waren in Windeseile ausverkauft gewesen. Horowitz kam, sah und siegte!

Der Rest ist glorreiche Pianisten-Geschichte. Danach tourte er durch Frankreich, Italien und die Schweiz. Die regelmäßig ausverkaufte Tour wurde selbstverständlich zum kolossalen Siegeszug. Immerhin sprechen wir von Vladimir Horowitz, dem Vladimir Horowitz, und nicht von irgendeinem dahergelaufenem zweitklassigem Barpianisten.

Im Mekka der Instrumentalisten

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

In der New Yorker Carnegie Hall debütierte Horowitz 1928. Weitere legendäre Auftritte im Mekka der Klassischen Musik sollten folgen.

Zum Debüt trumpfte er jedoch mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Sir Thomas Beecham mit bereits bestens erprobtem Virtuosen-Konzert: Tschaikowsky b-Moll. Dem Dirigenten wollte sich ein Vladimir Horowitz an diesem Abend jedoch beim besten Willen nicht unterordnen. So geschah es dass er den letzten Satz so rasch ins Ziel donnerte, dass Beecham und sein Orchester dieses mit ein wenig Verspätung erreichten. Zwar nicht Sinn der Sache geriet der Auftritt bei Kritik und Publikum trotzdem zum weiteren viel umjubelten Ereignis. Ein junger „Tornado der Steppe“ sei in der Stadt und alle hätten sich warm anzuziehen. Vor allem Pianisten.

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten einige schicksalhafte, wegweisende Begegnungen – 1932 debütierte Horowitz unter der italienischen Dirigenten-Legende Arturo Toscanini, traf infolgedessen die Tochter des Maestros, Wanda Toscanini, verliebte sich, und schloss 1933 den Bund der Ehe. Sie wird trotz  der vielen Schwierigkeiten bis zu seinem Lebensende 1989 treu an seiner Seite bleiben.

Noch im selben Jahr erblickte Töchterchen Sonya das Licht der Welt. Sie wird das einzige Kind aus dieser Ehe bleiben. 1975 verstirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Weshalb sie ihrem Leben ein Ende setzte, ist reine Spekulation: vielleicht waren die Fußstapfen einfach zu groß. Vater und Großvater waren immerhin gefeierte Weltstars.

Horowitz und Liszt

Aus dieser Zeit stammt auch die legendäre Plattenaufnahme der Liszt‘ schen h-Moll Sonate (1932). Für viele bis heute die Referenzaufnahme dieses ungeheuer schwierigen Hauptwerks der Romantik. Diese Aufnahme und Horowitz‘ beinahe dämonisches Liszt Spiel allgemein sind unter anderem auch mit verantwortlich für die vielen Synonyme des Vladimir Horowitz – von „Zauberer“ bis „Hexenmeister“. Joachim Kaiser drückte es mal so aus: „Die ungeheuren Oktav-Läufe zu Ende der Sonate beschützen dieses Werk vor Dilettanten„.

Es liegen jedoch zwei weitere Horowitz-Einspielungen der h-Moll Sonate vor. Die eine aus dem Jahr 1949, die von 1977.

Die zweite Aufnahme gerät zeitweise jedoch zu exaltiert virtuos und lässt dabei musikalisch ein wenig zu Wünschen übrig. Gewisse Oktavläufe verkommen zur halsbrecherischen Hexenmeister-Show. Zu viel Zirkus. Auf jeden Fall atemberaubend wild, aber vom Gesamteindruck sind die beiden anderen Einspielungen zu bevorzugen. Trotzdem darf man nicht vergessen – diese Kritik erfolgt auf Horowitz-Niveau.  Für solch ein Klavierspiel würde der ein oder andere Pianist seine Seele verkaufen.

Hingegen erlebt man in der späten Aufnahme den typischen „Spät-Horowitz“. Viel dunkler, tiefgehender und musikalisch wertvoller. Selbstverständlich nicht mehr ganz so virtuos wie in den 30er Jahren, aber noch immer schwer beeindruckend. Als Hörer spürt man richtig die Reife die der mittlerweile über 70-jährige Meister ins Spiel einfließen lässt. Bei Horowitz verhält es sich anscheinend wie beim Rotwein – je reifer, desto besser. Empfehlenswert!

Des Weiteren hat er die Ungarischen Rhapsodien Nr 2, 6, 13, 15 und 19 auf Schallplatte oder CD eingespielt. Großteils in eigenen Bearbeitungen. Selbstverständlich werden die Stücke in der Horowitz‘ schen Bearbeitung um einiges schwieriger als die Originale es sowieso schon waren.


[Liszt | h-Moll Klaviersonate (1932)]

Die Tiefen der Seele

Der gefeierte Virtuoso erlebte jedoch auch seine bitteren Stunden, Tage, ja, sogar Jahre. Des öfteren musste er dem unfassbaren Druck der Solisten-Karriere Tribut zollen. Es gibt bestimmt nicht viele „Berufe“, wenn man die Tätigkeit des gefeierten Solisten-Stars überhaupt so banal benennen darf, die so einsam und nervenaufreibend sein dürften. Dem ungeheuren Erwartungsdruck stand zu halten, nicht nur des Publikums sondern auch des eigenen, bedarf beinahe einen Pakt mit dem Teufel. Wer weiß. Vielleicht verkauft man als gefeierter Solist doch ein wenig seine Seele.

Kurz vor einem Auftritt sagte Vladimir Horowitz einmal zu seinem persönlichen Klavierstimmer und engen Vertrauten Franz Mohr „Franz, ich gehe jetzt auf den einsamsten Platz„. Oh du bitter-süßer Ruhm!

Vladimir Horowitz
Horowitz am einsamsten Platz der Welt

Des öfteren zitterten Konzertveranstalter in der Sorge Horowitz könne vielleicht in letzter Minute seinen Auftritt sausen lassen. Bereits 1934 bis 1938 entsagte Horowitz jeglichen öffentlichen Auftritt und zog sich in Paris ins Privatleben zurück. Die längste Pause von den Konzertpodien der Welt erlaubte sich Vladimir Horowitz von 1953 bis 1965. Sage und schreibe zwölf lange Jahre lang betrat er keine einzige Konzertbühne. Depressionen. Zu hoher Erwartungsdruck. Private Probleme. Der größte Künstler seit Paganini und Franz Liszt, wie die Kritiken voller Lob posaunten, musste nun endgültig eine Menge an Tribut zollen.

In einer Zeit wo die Langspielplatte ihren großen Durchbruch erlebte, zog sich der faszinierendste Konzertpianist völlig aus dem öffentlichen Leben zurück. Dieser Rückzug entfachte den Mythos Horowitz jedoch nur noch mehr. Da war ein Pianist, von dem alle erzählten, der würde fantastischer spielen als man es je gehört habe, aber er trete eben nicht mehr auf. Diejenigen die ihn noch nie live gehört haben konnten es kaum erwarten diese musik-historische Lücke ihrer Biografie zu schließen.

Das viel umjubelte Comeback

Am 9. Mai 1965 hatte das lange Warten ein Ende. Nicht nur das New Yorker Publikum konnte es kaum erwarten, auch Vladimir Horowitz schienen die Nerven etwas zu flattern. Horowitz eröffnete sein Comeback Rezital mit der Bach‘ schen Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni.

Gleich zu Beginn greift er ordentlich daneben. Wer mag es ihm verübeln? Nach zwölf sehr schwierigen und langen Jahren der Bühnenabstinenz darf man schon einmal nervös sein. Selbst wenn man Vladimir Horowitz heißt und einem dämonische Superkräfte nachgesagt werden. Das sagenumwobene Comeback wird zum viel umjubelten Erfolg.

Das Bach/Busoni Adagio ist ein Tondokument das deutlich macht wem Horowitz‘ oberste Prämisse galt – dem „singenden Ton“. Immer wieder hat er es gepredigt. Das Piano solle, obwohl ein Percussion-Instrument, singen. Mit seinem außergewöhnlichen Legato-Spiel und einer besonders eigenwilligen (leichten) Einstellung der Klavier-Tastatur war er auch in der Lage dieses Kunststück zu vollbringen. Dem Instrument einen kantilenen Ton zu entlocken wie es ihm in dieser Art und Weise eigentlich fast keiner nachmachen konnte.


[Bach/Busoni | Adagio in C-Dur (1965, Carnegie Hall)]

Horowitz und Chopin

Man kann keine Horowitz Biografie verfassen ohne auf den polnisch-französischen Komponisten Frederic Chopin zu verweisen. Zu wichtig war Chopin im Leben des Vladimir Horowitz. Man wird kein Horowitz Solo Rezital finden ohne dabei auch auf Chopin zu stoßen. Denn neben Franz Liszt ist und war er bestimmt der Komponist mit dem man Horowitz immer in Verbindung bringen wird. Seine Chopin Aufnahmen dürfen heute in keiner ordentlichen CD Sammlung fehlen.

Horowitz offensichtliche Liebe zu Chopin ist immer unüberhörbar gewesen. Sie galt vor allem den kleinen Charakterstücken – den Mazurken, Nocturnes und Walzern. Laut Horowitz wird bei Chopin „die Kleinkunst zur Großkunst„. In den wenigen Minuten einer Chopin‘ schen Mazurka fände man manchmal mehr Tiefe als in einer über eine Stunde dauernden Schostakowitsch Sinfonie.

Trotz allem Lob sparte Horowitz dennoch nicht mit Kritik am verehrten Komponisten: „Teilweise zu viel Ornamentierung. Vor allem in seinen Nocturnes. Phrasen werden zu oft wiederholt….aber nicht in seinen Mazurken. Die sind Gold wert!“. Vom außergewöhnlichen Mazurka Spiel des Vladimir Horowitz zeugen eine Menge an Plattenaufnahmen. Hervorheben möchte ich die Mazurken in cis-Moll op 30 Nr. 4 und in  a-Moll op. 17 Nr. 4.

Von den längeren Werken zählten mit Sicherheit die g-Moll Ballade Nr. 1, die er auch anlässlich des CBS TV-Konzerts 1968 spielte, und die b-Moll Klaviersonate op. 35 zu Horowitz‘ Steckenpferden.

Von Clementi über Scarlatti bis zu Mozart

Vladimir Horowitz vermied es nur ausgetrampelte Wege zu beschreiten. So widmete er seine Aufmerksamkeit auch den damals wenig beachteten Italienern Domenico Scarlatti und Muzio Clementi. Scarlatti hatte er zum Ende regelmäßig in seinen Konzertprogrammen. Clementi meines Wissens nur auf Studioaufnahmen, aber davon gibt es einige bemerkenswerte Klaviersonaten. Laut Horowitz war Muzio Clementider Vater des modernen Klavierspiels und der modernen Klavierform“ und hätte auch enormen Einfluss auf Beethoven gehabt.

Bewusst möchte ich nicht die viel strapazierten Aufnahmen aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins oder des legendären Moskau Konzerts anlässlich seiner Rückkehr in seine Heimat hervorheben. Jedoch nicht weil sie es nicht wert seien, oder weil er in Wien auch keinen Scarlatti spielte, jedoch die B-Dur Sonate KV 333 und das D-Dur Rondo KV 485 von Mozart, sondern weil es eben auch andere wertvolle aber nicht so weit verbreitete Aufnahmen gibt. Welch zauberhaften Scarlatti er seinem Steinway Flügel entlocken konnte, kann man auf folgender unveröffentlichter Spät-Aufnahme aus dem Jahr 1986 in Japan (siehe unten) hören.

Die Farben die er im Stande ist zu malen, die gerade zu passende Menge an Sentimentalität ohne dabei aber zu kitschig zu wirken, dieser zarte, sanfte Ton – ein musikalischerTraum der in Lage ist die Zeit zum still stehen zu bringen. Diese Anschlagskunst beherrschen wahrlich nur sehr wenige Pianisten. Nur den Allergrößten mag dieses Geschenk zu Teile werden.

Viele sind der Meinung Vladimir Horowitz habe nie besser musiziert als in seinen letzten Lebensjahren. Als er nicht mehr zeigen musste, welch ungeheurer Tastenakrobat er sei, sondern die Musik aufgeführt hat die ihm wirklich am Herzen lag. Auf die Frage warum er Mozart erst im hohen Alter vor Publikum spielte, antwortete er ehrlich und offenbahrend: „Als ich jünger war, war ich effekthascherischer. Aber jetzt spiele ich mehr Musik anstatt eine Show abzuziehen. Bevor du vierzig bist, ziehst du immer ein wenig eine Show ab. Du willst beeindrucken, mit Oktaven….aber ich will niemanden mehr beeindrucken, ich spiele das, was in den Noten steht“.

Selbstverständlich ist ein Pianist in seinen Achtzigern nicht mehr in der körperlichen Verfassung um überwiegend mit Showstücken die Tastatur zum Glühen zu bringen. Eine gewisse Koketterie konnte sich der greise Vladimir Horowitz dennoch nicht verkneifen, wenn er dem Publikum aber auch sich selbst beweisen wollte, dass er noch immer in der Lage war technisch zu brillieren. Regelmäßig faszinierte er bei Live-Auftritten mit der enorm schwierigen dis-Moll Etüde von Skrjabin oder der Chopin‘ schen Polonaise in As-Dur, Op. 53. Vielleicht spielte er die dis-Moll Etüde nicht mehr ganz so halsbrecherisch wie in jüngeren Jahren – nun verlieh er dem Stück Reife, Nachdruck, einen emotionalen Touch und dunkle Wärme. Der Pianist Horowitz war als Musiker gereift. Viele die ihn in seinen letzten Jahren hörten, behaupten, er wäre musikalisch besser denn je zuvor gewesen – Platten und CDs zeugen davon.


[Live Rezital in Japan 1986 | Scarlatti, Mozart, Rachmaninow u.a]

Vladimir Horowitz ganz privat

Seine Frau Wanda Toscanini-Horowitz mag nicht immer den besten Ruf genossen haben, ja, wurde teilweise sogar als herrische und hysterische Tyrannin verteufelt, die an den vielen Bühnenpausen ihres Göttergatten einen erheblich Anteil an Schuld trage. Ganz wie ihr autokratischer Dirigenten-Vater sei sie gewesen, der Gerüchten zufolge Horowitz und Orchester bei den Proben zu der famosen Tschaikowsky b-Moll Konzert Aufnahme 1943 mit unzähligen Wiederholungen beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte.

Jedoch wich sie in schwierigen Zeiten wie der zwölf-jährigen Konzertpause kein einziges mal von seiner Seite. Selbst dann nicht als Horowitz in dieser  prekären Lage ganze sechs lange Monate kein einziges mal das Haus verlassen wollte.  Er werde nie wieder konzertieren habe er Wanda in dieser beschwerlichen Zeit des Öfteren versichert. Unbeeindruckt habe sie mit „Okay, gut, kein Problem“ gekontert, doch sei ihr bei diesem schrecklichen Gedanken beinahe das Herz in die Hose gerutscht. Denn mit Gewissheit war sie nicht nur die Angetraute des Maestros, sondern auch eine der treuesten Bewunderer des Pianisten Horowitz gewesen.

„Der Konzertpianist Horowitz wäre ohne Wanda nicht möglich gewesen“ verkündet Franz Mohr, seines Zeichens langjähriger Cheftechniker bei Steinway & Sons New York und von 1962 bis 1989 Horowitz‘ persönlicher „Klavier-Tuner“. Mohr, der auch in „The Last Romantic“ zu sehen ist, hat das Buch „Große Pianisten, wie sie keiner kennt „(amazon) verfasst, in dem er dem neugierigen Leser auch Einblicke in das Privatleben der großen Pianisten gewährt. Denn nicht nur Vladimir Horowitz, sondern weitere Klavier-Giganten wie ein Arthur Rubinstein oder auch ein Glenn Gould zählten zu denjenigen, die nur ihm alleine das Vertrauen schenkten, an deren hochsensiblem Instrument Hand anlegen zu dürfen. Für die Fan-Gemeinde mit Sicherheit ein lohnenswertes Manuskript. So habe Horowitz gerne TV-Serien gesehen – am liebsten sei ihm „Bonanza“ gewesen, erzählt Mohr in einem TV Interview.

Vladimir Horowitz der König

Wenn ich auf der Bühne stehe, dann fühle ich mich wie ein König. Dann bin ich ein König! Niemand hat mich zu stören, denn ich habe etwas zu tun und muss das beste aus mir herausholen. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger gut. Das ist ganz menschlich„, Horowitz anlässlich eines TV Interviews 1977.

Horowitz tourte auch wie ein König: ein eigener Koch; Zutaten und Trink-Wasser wurden aus der Heimat eingeflogen. Horowitz war der Gagen-König ohne ernst zunehmende Konkurrenz. Ab den 1970er Jahren kassierte er 80 % der Konzert-Bruttoeinnahmen – dreimal so viel wie die nachfolgenden Klassik Musiker.

In den letzen vier Konzert-Jahren war sein privater Flügel ständiger Begleiter. Der berühmt-berüchtigte Konzertflügel, Modell D-274, mit der Seriennummer 314 503. Jener Flügel, den ihm das Traditionshaus Steinway & Sons, 1942, nachträglich als Hochzeitsgeschenk zukommen ließ. Auf diesem Instrument wurden die Aufnahmen „Der letzte Romantiker“ gefilmt.

Der Transport des Flügels aus Horowitz‘ Haus gestaltete sich sehr mühsam –nur durch das Fenster. Für die letzten Konzertreisen wurde der Flügel deshalb bei Steinway & Sons am Firmengelände „geparkt“. Als Ersatz für sein Haus erhielt Horowitz den Flügel mit der Nr. CD 443, auf dem er einige Aufnahmen seiner allerletzten CD „Horowitz – The Last Recording“ (amazon) eingespielt hat. Für jeden Horowitz Fan ein Must Have! Jedoch hoch sentimental, wenn man beim Hören bedenkt, dass einige Aufnahmen erst wenige Tage vor seinem Tod fertiggestellt wurden. Das H-Dur Nocturne op. 62 Nr. 1 und auch „Isoldes Liebestod“.

Murray Perahia, kurzzeitig Schüler von Horowitz und selbst ein gefeierter Konzertpianist, hat Horowitz noch am Vortag dessen Todes besucht. Horowitz habe ihm „Isoldes Liebestod“ (Wagner/Liszt) vorgespielt. Danach sei ungewöhnliches geschehen. Niemals zuvor habe Horowitz den Deckel der Klaviertastatur geschlossen. Doch anders an diesem Abend.

Am nächsten Tag, dem 5. November 1989, fand Wanda Toscanini-Horowitz ihren Mann tot in seinem Couch-Sessel. Die beiden hatten zuvor noch über das Mittagessen gesprochen gehabt. Der vielleicht größte, aber mit Sicherheit der faszinierendste Pianist nach Franz Liszt war nicht mehr. Der letzte Romantiker war Geschichte.


CD Tipp

 


 

Currentzis riskiert und gewinnt | Salzburger Festspiele (2017)

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
(© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Salzburger Festspiele 2017, „La Clemenza di Tito“, Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Regie: Peter Sellars

Tito Russel Thomas
Sesto Marianne Crebassa
Vitellia Golda Schultz
Servilia Christina Gansch
Annio Jeanine de Bique
Publio Williard White


Mit einer Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts letzter Oper „La Clemenza di Tito“ fordern die Salzburger Festspiele weiterhin ihre führende Rolle in der Klassischen Musik-Welt. Das muss im erfolgsverwöhnten Salzburg auch der Anspruch sein – für Mittelmaß darf hier kein Platz sein. Mit diesem „Titus“ sorgt die renommierte Festspielstadt für Aufsehen!

in seiner ersten Saison wagte der neue Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser Mutiges. Mit dem glorreichen Engagement von zwei außergewöhnlichen Persönlichkeiten, war von vornherein klar: diese Inszenierung wird mit Sicherheit weit über das Gewöhnliche hinausschießen. Bereits 2012 arbeiteten der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis und der us-amerikanische Star-Regisseur und ausgewiesene Mozart-Spezialist Peter Sellars gemeinsam an einem Projekt. In Salzburg inszeniert das extravagante Duo jedoch zum ersten mal.

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017, Hinterhäuser, Currentzis, Peter Sellars | Klassikpunk
Intendant Hinterhäuser, Dirigent Currentzis und Regisseur Peter Sellars (© Salzburger Festspiele / Anne Zeuner)

„Mozart ist der große Komponist der Versöhnung“

Laut Regisseur Peter Sellars passt „La Clemenza di Tito“ perfekt in die gegenwart: das dramatische Werk handelt von Macht, Liebe, Freundschaft, Verrat, Gewalt, Intrige, Güte und  Vergebung. „Gnade und Versöhnung sind heutzutage wichtiger denn je zuvor. Wie können wir in einer Zeit des Konflikts zusammenleben?„, wirft Sellars die Frage in den Raum und beantwortet sie zugleich: nur durch Vergebung sei es möglich die Welle der Gewalt zu beenden und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. „Mozart ist der große Komponist der VersöhnungJede Mozart Oper, nicht nur „La Clemenza di Tito“, endet mit Vergebung und Versöhnung“, fügt er des weiteren hinzu.

In seiner sozialkritischen Regie thematisiert und verarbeitet Sellars zwei brandaktuelle und brisante Themen, die uns in der Medienlandschaft täglich verfolgen: Flüchtlingswelle und Terrorismus.

All das schaffen er und sein Team mit einem minimalistischen Bühnenbild. Lediglich einige Säulen dienen als optischer Hingucker und werden bei Bedarf automatisiert in den Bühnenboden versenkt oder hochgefahren. Mal sind sie ein Abbild der zerstörten, syrischen Stadt Aleppo, mal funkeln sie im Stil moderner Hochhaus-Glasfassaden. Weitere Requisiten: zwei Absperrgitter, einige Kerzen, ein bereits Festspiel erprobtes Krankenbett, eine Sprengstoff-Attrappe  und Goldbarren. Für die restliche Bühnen-Dramaturgie sorgen teils junge Hauptdarsteller und der brillante MusicAeterna Chor, der gesanglich und schauspielerisch mit einer Glanzleistung überzeugen kann.

MusicAeterna

Teodor Currentzis hat das Ensemble MusicAeterna eigens im Jahr 2004 aus der Taufe gehoben. Es besteht nicht nur aus dem fabelhaften Chor, sondern auch einem grandiosen Orchester, das bei dieser mutigen Inszenierung für die erstklassige Beschallung der Felsenreitschule sorgt. Im weit entfernten russischen Perm, 1100 km östlich von Moskau , wo Currentzis seit 2011 die musikalische Leitung der Oper innehat, schart er das Ensemble um sich, um akribisch und detail-versessen an seinen klar definierten Ideen und Zielen zu feilen – mit historischen Instrumenten des 18. Jahrhunderts. Der gebürtige Grieche mit russischem Pass ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich – nicht nur in seiner künstlerischen Interpretation und seiner ausufernden Arbeitsmoral, sondern auch in seinem Auftreten, das einem Indie-Rock-Star eher gleicht als einem Dirigenten Klassischer Musik.

Gleich zu Beginn der infernalen Aufführung macht Currentzis eines klipp und klar: die Tempi werden bei dieser Inszenierung alles andere als gewöhnlich ausfallen. Bereits mit der nervös dargebotenen Ouvertüre, peitscht er sein Ensemble in einem Höllentempo durch die Salzburger Felsenreitschule, als gäbe es kein morgen mehr. Es wird nicht das einzige mal bleiben, dass er die Tempi entweder hurtig beschleunigt oder beinahe zum Stillstehen bringt. Damit sorgt der gebürtige Grieche für atemberaubende Momente, ungeheure Spannung als auch entspannende Erleichterung. Eine Wellen-Ritt der Gefühle.

Die Szenerie zu Beginn des 1. Akts wird dem regelmäßigen TV-Seher bestimmt bekannt sein: eine größere Menschenmenge, Frauen als auch Männer, wird von zwei Polizei-Beamten, hinter Absperrgittern in Zaum gehalten. Das Maschinengewehr drohend im Anschlag. Viele Frauen mit Kopftuch. Tito, der Milde (La Clemenza), schenkt zwei Flüchtlingen die Freiheit: Servilia und Sesto. Dem Kenner der Oper schießt eine Redewendung in den Kopf, die den Rest der Vorstellung wie ein Damoklesschwert über der Szenerie hängen wird: Beiße nicht die Hand, die dich füttert! Denn Sesto wird am Ende des 1. Akts seinen wohlwollenden und gütigen Retter eigenhändig ermorden.

Nicht nur die Titelpartie des Tito, gespielt vom US-Amerikaner Russel Thomas, sondern weitere drei Hauptakteure haben schwarz-afrikanische Wurzeln: Golda Schultz als Vitellia, Jeanine de Bique als Annio und Williard White, der mit seiner enormen Bühnenpräsenz einen glaubwürdigen Geheimdienstchef Publio gibt. Nicht alle 4 Sänger überzeugen zur Gänze.

Russel Thomas gibt einen soliden aber keinen glänzenden Tito. Bei den Arien, die er im Krankenbett liegend vortragen muss,  wird klar ersichtlich, dass er im hohen Register schwer zu kämpfen hat. An einen Michael Schade oder andere Tenöre, die in dieser Rolle brillieren konnten, kommt er nicht heran. Golda Schultz als Vitellia zeigt keine Schwächen – ein gelungener Auftritt der 34-jährigen Südafrikanerin.

Eine sehr gute Servilia gibt die Österreicherin Christina Gansch, die mit Currentzis und seinem MusicAeterna bereits an der Permer Oper einen viel umjubelten, konzertanten „Don Giovanni“ auf CD eingespielt hat. Enorme Bühnenpräsenz, unbekümmertes Auftreten und ein solider Gesang, der noch nicht ganz auf dem Niveau ihrer grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten angelangt ist. Noch nicht! Der 27 Jährigen stehen jedoch alle Türen offen. Über Currentzis‘ viel zitierte Detailversessenheit und Akribie sagt sie mit strahlendem Gesicht: „Es kann sein dass er manchmal zwanzig, dreißig mal den selben Takt neu aufnehmen lässt. Doch genau das macht auch seinen besondern Ton aus!“

Zwei Mezzos rocken den Abend

Die junge Mezzo-Sopranistin Jeanine de Bique feiert als Annio einen großen Erfolg. Im Duett mit Sesto ist ihre Stimme kaum zu hören, jedoch darf man sie nicht nur an der Lautstärke messen. Im Kyrie der Großen c-Moll Messe, welches Currentzis zu Beginn des 2. Akts frei einbaut, singt sie die Solopartie. Darauf folgend überzeugt sie mit der Arie „Torna di Tito al Lato“. Zwar zeigt die, in Trinidad und Tobago geborene Künstlerin, kleine Schwächen im unteren Register und bei den Koloraturen, insgesamt bietet sie dennoch eine ergreifende Vorstellung. Wer schwindelerregende  Koloraturen und schrille Töne erwartet, der wird enttäuscht werden – ihre Stimmfarbe klingt jedoch sehr warm, weich und angenehm. Ein etwas dunklerer Mezzo. Ausbaufähig aber mit dem gewissen Etwas.

Die beste Vorstellung des Abends liefert jedoch eindeutig die junge französische Mezzo-Sopranistin Marianne Crebassa als Sesto. Ihre Stimme ist kräftig, sicher und sehr klar – sowohl im unteren als auch im oberen Register. Niemals hat man das Gefühl als müsse sie an ihre Grenzen gehen. Ihr Timbre geht unter die Haut. Die Koloraturen sind ein Genuss.

Ihre Arie „Parto, ma tu, ben mio“ wird zum Höhepunkt des Abends. Nicht nur gesanglich, sondern auch in der optischen Umsetzung. Ein erheblicher Teil des frenetischen Szenenapplaus‘ gilt mit Sicherheit der Regie und der musikalischen Leitung, denn Sellars und Currentzis holen die Klarinette aus der Anonymität des Orchestergrabens, hoch auf die Bühne. Jedem Zuseher wird klar, dass er einem speziellen Moment erleben darf: den musikalischen Dialog zwischen Gesangsstimme und Klarinette. Wolfgang Amadeus Mozart hat diesen besonderen Moment seinem Lieblings-Klarinettisten Anton Stadler gewidmet, dem er auch sein Klarinettenkonzert auf den Leib schneiderte. Mit dem extrem langsamen Tempo inklusive einiger Generalpausen, erschaffen Currentzis und sein Ensemble eine atemberaubende Atmosphäre. Eine großartige Idee! Gänsehaut!

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
Ein Höhepunkt – Die Sesto Arie „Parto, ma tu, ben mio“ | Marianne Crebassa (Sesto), Florian Schuele (Klarinette) | (© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Ein neuer Stern am Klassikhimmel

In Russland schon länger ein gefeierter Star, avanciert Teodor Currentzis, mit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen, auch in Mittel-Europa zum umjubelten Publikumsliebling. Neben „La Clemenza di Tito“ konnte er das Salzburger Publikum in diesem Festspielsommer bereits mit dem Mozart „Requiem“ begeistern.

„La Clemenza di Tito“, die letzte Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, eine Opera Seria,  wird im Vergleich zu den „Da Ponte Opern“ relativ selten auf die Bühne gebracht – zu unrecht! Selbst an der ehrwürdigen Wiener Staatsoper wurde der „Tito“ bis jetzt nur ungefähr zwei Dutzend mal aufgeführt.

An diesem Abend machen Currentzis und Sellars sofort klar welche Message sie mit dieser Inszenierung vermitteln wollen: „Titus“ ist in der westlichen Welt der Gegenwart angekommen. Einer Zeit, geprägt von Flüchtlingen und Terroranschlägen. Die beiden haben sich intensiv mit Mozart und dieser Oper auseinandergesetzt. Mit ihrer Inszenierung wollen sie ein gewaltiges Statement setzen. Der Zuseher soll nicht nur oberflächlich unterhalten werden, nein, nach dem der letzte Ton verklungen ist, soll dieser „Titus“ noch lange in seinen Gedanken herumgeistern. Diese Inszenierung soll den Besucher so schnell nicht in Ruhe lassen.

Realpolitisch konnte die Kunst zwar noch nie viel verändern, trotzdem ist und war es ihre Aufgabe zumindest zum Nachdenken zu animieren. Dieses Unterfangen ist mit diesem „La Clemenza di Tito“ gelungen!

Zwischen Grenzgang und Selbstinszenierung

Es werden jedoch einige Fragen laut. Ist es erlaubt so stark in das Libretto und in die Partitur einzugreifen? Ist es erlaubt die Tempi dermaßen zu verändern? Dürfen andere Werke in die Oper eingebaut werden? Neben dem Kyrie und Benedictus der Großen c-Moll Messe (KV 427) verarbeiten die beiden noch das Adagio und Fuge in c-Moll (KV 546),  das während Sestos Vorbereitungen des Anschlags als musikalische Untermalung dient. Zum Schluss, bei Titos Suizidversuch, erklingt die Maurerische Trauermusik

Des weiteren streichen Currentzis und Sellars einen erheblichen Teil der Secco-Rezitative. Die Begründung: Mozart habe sie im Zeitstress an seinen Schüler Franz Xaver Süßmayr delegiert und deren Qualität seien unbefriedigend, weshalb der Meister höchstpersönlich genau so verfahren würde.

Die Antwort auf diese Fragen ist eine einfache zweifache. Grundsätzlich ist in der Kunst vieles erlaubt. Sie ist frei. Letztendlich entscheidet noch immer das Publikum. Es besteht jedoch immer die Gefahr, dass solche Grenzgänge, zu weit gehen. Die Selbstinszenierung Überhand gewinnt und das Originalwerk in den Hintergund rückt. Dann ist die Grenze zur Geschmacklosigkeit nicht mehr weit. Zwischen Kitsch und Genialität liegt oftmals nur ein kleiner Schritt.

Gewinner des Abends sind dennoch Teodor Currentzis und sein MusicAeterna Ensemble. Mit diesen erfolgreichen Auftritten in Salzburg wurden sie endgültig in den Ritterstand gehoben – sie sind in der Champions-League angelangt.

Des weiteren Marianne Crebassa als „Sesto“ und die dunkelhäutige Jeanine de Bique als „Annio“.

Vereinzelt gibt es Schwächen bei den Sängern, doch in Summe ist dies ein sehr erfrischender „Titus“. Die farbenfrohe Besetzung, der teilweise jungen Hauptcharaktere, war ein etwas gewagtes Unterfangen, gilt das Salzburger-Festspiel-Publikum doch als besonders konservativ. Letztendlich ist jedoch alles aufgegangen. Das ein oder andere Buh ist zu hören, als Peter Sellars sich dem Publikum stellt. Alle anderen Künstler werden mit tosendem Schluss-Applaus und Bravo-Rufen verabschiedet – die meisten dürfen Teodor Currentzis und sein MusicAeterna einstreichen. Diese Inszenierung ist ein riesengroßer Erfolg! Spiel, Satz und Sieg Currentzis/Sellars.


CD/DVD Tipp

Currentzis & Mozart


Der amerikanische Theaterregisseur Peter Sellars zeigt bei den Salzburger Sommerfestspielen 2017 seine Neuinszenierung von Mozarts Oper “La Clemenza di Tito” – jedoch mit einer Besetzung, die es so noch nie gab. Gemeinsam mit vier Weltklasse-Sängern der Hauptrollen drehte Peter Sellars einen Film für „Square“: Jeanine de Bique aus Trinidad-Tobago, Golda Schultz aus Südafrika, Sir Willard White aus Jamaika und Russell Thomas aus den USA. Ein Zeitdokument, entstanden in Mozarts Geburts-Stadt, im 21. Jahrhundert!


 

Von den „Geistervariationen“ in den Wahnsinn | R. Schumann (1854)

[Robert Schumann,“Geistervariationen“ WoO 24 Thema in Es-Dur mit Variationen (Anny Chen)]

Ein allerletztes musikalisches Vermächtnis

Robert Schumann vor 1856 zur Zeit der Geistervariationen
Robert Schumann vor 1856 (Foto: Wikimedia Commons/Adolf von Wenzel)

Im Frühjahr 1854 beginnt Robert Schumann die Arbeit an seinem letzten veröffentlichten Stück, bevor er sich selbst, zum Schutz seiner geliebten Frau Clara Schumann, in die Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn einliefern lässt. Das Thema mit Variationen Geistervariationen“ wird sein musikalisches Vermächtnis werden. Und was für eines.

Jedoch noch vor der Fertigstellung dieser herzzerbrechenden, verzaubernden Miniaturen, stürzt er sich am 27. Februar 1854, einem Rosenmontag, getrieben von bösen Geistern, mit der Absicht seinem Leben ein Ende zu setzen, in den kalten Rhein. Mitten während seiner Arbeit an diesem Thema samt Variationssätzen. Jedoch retten Passanten ihm das Leben, sodass er bereits am folgenden Tag mit dem Komponieren fortfahren wird. Der „Knick“ zwischen den ersten Stücken (Thema und 4 Variationen) und der letzten Variation (Nr. 5) wird deutlich hörbar, und zeugt höchstwahrscheinlich vom Zeitpunkt des schrecklichen Suizidversuchs.

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen

Schon seit geraumer plagen Robert Schumann schauderhafte Seelenqualen. Es erscheinen ihm Geister. Böse als auch gute. Darunter auch so Musiker Größen wie Franz Schubert und Mendelssohn-Bartholdy. Die beiden sollen laut Schumanns Angaben die wundervollsten Melodien mit im Gepäck haben. Jedoch genauso wird er von grässlichen Tönen zur Verzweiflung gebracht. Bereiten ihm Höllenqualen. Treiben ihn in den Wahnsinn. Clara Schumann notiert am 17. Februar 1854 in ihr Tagebuch:

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen, und über welches er für mich ebenso rührende wie ergreifende Variationen machte.

Doch bereits Tage zuvor verzeichnet Schumann regelmäßig Notiz von seinen stärker werdenden psychischen Leiden. Am 10. Februar notiert er in sein Tagebuch “Abends sehr starke und peinliche Gehöraffektion”.  Bereits zwei Tage darauf am 12. Februar “Noch schlimmer, aber auch wunderbar”. Gefolgt von je einem Eintrag an den nächsten beiden Tagen “wunderbare Leiden” und “Gegen Abend sehr stark (wunderschöne Musik)

Erste Anzeichen des Irrsinns zeigen sich jedoch schon viel früher. Denn bereits in jungen Jahren kämpft Robert Schumann mit seinem Schicksal. Als 1825 seine jüngere Schwester Emilie im Alter von nur 25 Jahren ihrem noch jungen Leben ein Ende setzt, und kurz darauf 1826 der Vater verstirbt, wähnt sich Schumann bereits der Gefahr recht nahe. Entkommt damals jedoch nochmals dem Schrecken. Doch immer wieder zeigen sich gewisse Anzeichen. Vermutlich Zeitlebens bewegt sich Robert Schumann immer wieder nahe dem Abgrund, an der Grenze des Irrsinns.

Dem Wahnsinn nahe ein verständlicher Irrtum?

Doch das von Schuberts Geist vorgesungene Thema der „Geistervariationen“ verwendet Schumann bereits im Jahr zuvor. Im langsamen 2. Satz seines einzigen Violinkonzerts in d-Moll, WoO 23, verarbeitet er dieselbe Melodie.

Am 7. Oktober 1853 spielt er Clara dieses Werk zum ersten mal am Klavier vor. Aber Clara und später auch Johannes Brahms scheinen nicht überzeugt, und so kommt es dass das Violinkonzert erst Jahrzehnte später 1937 unter widrigen Umständen uraufgeführt wird.

Seitdem wird es jedoch weiterhin nur sehr selten dargeboten. Zu Unrecht. „Ein emotional unglaublich tiefschichtiges Werk„, sagt der Violinist Thomas Zehetmair. Hochromantisch. Schwer klagend. Geht unheimlich stark unter die Haut. Schumann wie er leibt und lebt.

[Robert Schumann, Violinkonzert in d-Moll WoO 1, 2. Satz (Joshua Bell)]

 

Mit seinen „Geistervariationen“ schenkt Robert Schumann der Nachwelt einen allerletzten Gruß. Lässt Schumann uns unheimlich nahe am Geschehen dabei sein. Ähnlich einer TV Live-Übertragung. Viel näher noch. Näher können wir einem knapp 160 Jahre alten Ereignis nicht kommen. Mit einer bereits verstorbenen Person viel enger in Verbindung treten , als durch dieses erschütternde aber dennoch bezaubernde Tondokument, ist unmöglich. Nur die Musik ist in der Lage uns dieses Wunder zu bescheren. Im Besonderen die Schumann’sche. Keine noch so intellektuell perfekt geformten Worte mögen dem auch nur annähernd nahe kommen. Keine andere Kunstform diese tiefe emotionale Verbindung herstellen. Zwischen der Schumann’schen Seele und dem Hörer.

Du arme verzweifelte Seele. Du armer getriebener Geist. Welch Qualen musstest du erleiden, um uns mit dieser berührenden Musik zu beschenken. Tausend Dank.

Klassikpunk

 

 

Ein denkwürdiges Ereignis (I) | Grigory Sokolov Konzert (2016)

[ Mozart, Klaviersonate Nr. 14 in c-Moll KV 457 (Grigory Sokolov)]

Grigory Sokolov – ein lebender Gigant

Heute möchte ich euch gerne teilhaben lassen am ersten Teil eines Grigory Sokolov (* 18. April 1950 in Leningrad) Konzertberichts. Den ich schon vor einiger Zeit anderswo in einem Forum verfasst hatte. Einige Tage nachdem Wien Konzert vom 7.12.2016 im Großen Saal des Wiener Konzerthaus. Ich übernehme den Bericht beinahe 1 zu 1. Jedoch beginnt er wie folgt er mit einer Antwort auf die Frage eines Users:

Grigory Sokolov
Grigory Sokolov (Foto: WIkimedia Commons/ Martin Fleck [CC BY-SA 4.0] )
Ich wollte dir schon früher antworten bin aber ziemlich eingespannt. Und mit einem einfachen „Super“ will ich dieses einzigartige Erlebnis nicht abtun und der Belanglosigkeit preisgeben. Hierfür ist dieser Pianist einfach zu einzigartig! Ich stelle ihn auf ein Plateau neben Evgeny Kissin und Arcadi Volodos. Auch wenn sie alle völlig unterschiedliche Qualitäten haben möchten, entspringen sie doch alle der russischen Schule. Wenn ich die schon verstorbenen Giganten dieser Schule hinzuzähle dann kann ich definitiv behaupten dass mich irgendetwas an deren Art das Klavier zu spielen schwer beeindruckt.

Sokolov und Mozart – ein zwiespältiges Erlebnis

Zu viel getrödelt und erst zum offiziellen Beginn im Konzerthaus eingetrudelt. Deshalb samt Jacke und Schal in den Saal gehetzt, nur um zu erkennen, dass ein erheblicher Teil der Besucher noch nicht einmal Platz genommen hatte. Der große Saal des Wiener Konzerthaus war selbstverständlich ausverkauft. Bis zum letzten Platz haben sie den Saal vollgerammelt. Sogar Stühle auf dem Konzertpodium. Das konnte ich zuvor der homepage entnehmen.

Die erste Hälfte des Rezitals widmet er Wolfgang Amadeus Mozart. Der Meister betritt das Podium. Keine Lust über Belanglosigkeiten wie Aussehen und Auftreten zu schreiben. Die ersten Töne erklingen und ich denke mir nur: „Heilige Scheiße ist das leise. Bin ich froh in Reihe 6 zu sitzen“. Nie wieder mache ich den Fehler mir ein Klavier Rezital in einem der beiden großen Wiener Säle aus den hinteren Reihen anzuhören. Wenn möglich! Um ehrlich zu sein eine eigene, gewöhnungsbedürftige Interpretation! Vor allem in den schnelleren Sätzen. Für meinen Geschmack vertragen Mozarts schnelle Sätze etwas mehr Humor. Zusätzlich herrscht sehr viel Unruhe im Saal. Wie immer zu anfangs. Einige stechen besonders negativ hervor und husten um die Wette. Ich möchte sie alle am liebsten eigenhändig vor die Tür setzen. Und um ehrlich zu sein, würde ich durch diese Aktion nicht den Pianisten stören, würde ich es auch machen! Ich hab die Nase voll von egoistischen Besuchern und/oder Langweilern, die nur von ihren Partnern mitgeschleppt werden, weil diese aufgrund von sozialen Zwängen nicht in der Lage sind einem solchen Ereignis alleine beizuwohnen. Krank lass ich noch eher gelten. Diesen Unterschied hört man jedoch.

Es zeigt aber auch wieder ganz deutlich wie schwer es ist einem Mozart zu folgen, vor allem wenn er noch dazu humorlos vorgetragen wird. Zusätzlich setzt mitten drin in einer kurzen Atempause, ich weiß nicht mehr genau wo, Applaus ein, weil einige Besucher denken das Werk sei zu Ende. So vergehen im Grunde zwei Mozart’sche Werke (Sonate KV 545 „Facile“ & Fantasie KV 475) ohne diese wirklich fassen zu können. Ist aber oft so. Ich denke dem Pianisten geht es da oft nicht anders.

Ein denkwürdiges Zusammentreffen

Erst bei der c – Moll Sonate KV 457 fängt er mich. Dann überhöre ich auch gelegentliches Husten. Es rückt weit aus meinem Focus. Genau diese Moment suche ich. Immer. Für mich besteht solch ein Rezital nicht aus belanglosem Zuhören, sondern im besten Fall aus einem Ganzkörpererlebnis. Merkwürdiges ereignet sich. Während dem Adagio verändert sich plötzlich das Licht im Saal (das Licht wird bei Sokolov Konzerten generell stark verdunkelt). Im nächsten Augenblick sehe ich Mozart vor meinem geistigen Auge über dem Flügel. Ein etwas kitschiges Bild. Denn auf der rechten Körperseite liegend, den Ellbogen der rechten Hand vor sich am Boden, den Kopf auf die Hand gestützt, schwebt er wie auf einem von einer leichten Windbrise getragenen Blatt hin und her, von oben nach unten und wiederum zurück. Jedoch mit sehr sanften und langsamen Bewegungen. Ein Lächeln auf seinen Lippen lässt ihn beinahe kindlich glücklich erscheinen.

Ich vermag mit Worten nur schwer zu beschreiben welche Töne der 66 jährige Russe seinem Instrument zu entlocken vermag. Jemand, der mit seinem Klavierspiel in der Lage ist für derart einzigartige Erlebnisse zu sorgen, ist mit Worten nicht annähernd zu umschreiben: beeindruckend, ergreifend, phänomenal. Um es doch zu versuchen. Nein, keine Drogen. Total nüchtern. Seltsam geniales Erlebnis.

Sein Anschlag ist einzigartig. Sein Piano ist nur schwer zu umschreiben. So sanft habe ich noch nie einen Ton aus dem Klangkörper des Flügels entweichen hören. Seine Triller sind unerreicht. Seine Anschlag-Technik sehr markant. Seine magischen Hände federn regelmäßig extrem in die Höhe. Weg von der Klaviatur. Als würden sie auf einem Trampolin turnen.

[Fortsetzung folgt………]

Sokolov spielt Bach

Folgendes Video hat nicht viel mit leisen sanften Tönen am Hut, aber beobachtet mal seine Hände. Nur zur Veranschaulichung seiner Technik. Einfach atemberaubend dieser Grigory Sokolov! Hier spielt er energisch aber auch bei leisen Tönen federn seine Finger genauso regelmäßig hoch in die Luft.

Sokolov CD – Mozart und Rachmaninow Konzerte

Dieser Grigory Sokolov ist medial nur schwer greifbar. Er gibt generell sehr wenig Interviews, veröffentlicht extrem selten CDs und betreibt auch sonst kein großes Marketing. Im März 2017 veröffentlichte die Deutsche Grammophon eine der seltenen CDs des Künstlers Sokolov: Mozart / Rachmaninov Concertos. Diese beinhaltet Mozarts Klavierkonzert in A-Dur, KV 488 als auch Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert. Einer seiner seltenen Auftritte samt Orchester. Zusätzlich eine DVD mit einem Porträt von Grigory Sokolov „A Conversation That Never Was“.

Grigory Sokolov spielt Mozart und Rachmaninow

 

„Heiligenstädter Testament“ – Taubheit und Selbstmordgedanken | Ludwig van Beethoven (1802)

[Musik: „Adagio Cantabile“ der Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2, (1802)]

Das Heiligenstädter Testament

Das Heiligenstädter Testament ist ein resignativer Monolog des noch relativ jungen Ludwig van Beethoven (getauft 17. Dezember 1770 in Bonn, Kurköln; † 26. März 1827 in Wien, Kaisertum Österreich). Zu Blatt gebracht am 6. und 10. Oktober 1802. Mit hoher Wahrscheinlichkeit im Haus der Probusgasse 6 im 19. Wiener Gemeindebezirk (Beethoven-Museum). Damals jedoch noch Herrengasse 6 im Wiener Vorort Heiligenstadt. Der Grund seines Aufenhalts in Heiligenstadt war eine bekannte Heilquelle. Beethoven erhoffte sich nicht nur Besserung seines Gehörleidens sondern auch seiner ständigen Magen-Darm Probleme samt heftigen Koliken. Obwohl gefaltet und versiegelt wurde der Brief dennoch niemals abgeschickt. Gerichtet ist das Heiligenstädter Testament an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann van Beethoven. Ein wahrlich ergreifendes Dokument. Über Schwächen und den Tod sprechen wir selten. Als gäbe es diese treuen Begleiter des Menschen nicht.  Genauso wird Beethoven nur all zu gern heroisch und wild dargestellt. Wer kennt sie denn nicht, die Bilder mit zersaustem, zu Berge stehendem Haar?!

HHT2
Beethoven Wohnung/Museum Heiligenstadt, Probusgasse 6 (Foto: Clemens/CC BY-SA 3.0 at , via Wikimedia Commons)

Widersprüchlich jedoch das Heiligenstädter Testament. Das Zeugnis eines von Selbstzweifel geplagten Menschen. Aufgrund des fortschreitenden Gehörleidens von der Gesellschaft isoliert. Dem Wunschbild der Öffentlichkeit nicht entsprechend. Von Gottes Gnaden im Stich gelassen. Der drohende Gehörverlust schien unaufhaltbar. „O ihr Menschen die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret, wie Unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen„. Mit diesen Worten beginnt Beethoven seinen Monolog. Wie wir diesen ersten Zeilen entnehmen können begannen die ersten Gehörprobleme bereits im Jahr 1796. Das Gehörleiden zeigte sich um 1802 durch ein ständiges Rauschen (Tinnitus) und Hörprobleme im hohen Frequenzbereich.

„Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück“

Und so kam es, bestimmt auch geplagt von Depressionen, dass Ludwig van Beethoven, der große Revolutionär, mit dem Gedanken spielte seinem Leben ein Ende zu setzen. „Aber welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte und ich auch nichts hörte. Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung: es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.“ schreibt er am 6. Oktober 1802 im an seine beiden Brüder gerichteten Heiligenstädter Testament.

Jedoch mögen wir es ihm verübeln? Versetzen wir uns doch mal in seine Lage. Als Klaviervirtuose gefeiert und auf seinem Höhepunkt. Als Komponist auf bestem Wege dahin. Die ersten Skizzen seiner revolutionären 3. Sinfonie (Eroica) sind bereits im Entstehen. Zwanzig seiner insgesamt 32 Klaviersonaten hatte er zu diesem Zeitpunkt schon komponiert. Darunter bereits so bekannte Werke wie die Klaviersonaten Nr. 8 „Pathetique“, Nr. 14 „Mondscheinsonate“ und Nr. 17 „Der Sturm“. Später einmal wird der deutsche Klaviervirtuose, Dirigent und Komponist Hans von Bülow diese 32 Klaviersonaten als das „Neue Testament der Klavierliteratur“ bezeichnen. Im Wiener Gesellschaftsleben bestens integriert. In Fürst Lichnowsky hat er nicht nur einen Förderer sondern auch einen Freund gefunden. Dies jedoch schien das Ende. Denn sollte das jemals an die Öffentlichkeit gelangen wäre womöglich seine ganze Existenz gefährdet. Ein Pianist, Klavierlehrer und Komponist der sein Gehör verliert. Wie würde die Öffentlichkeit auf so etwas reagieren? Deshalb bat Beethoven alle Eingeweihten seines engsten Freundeskreis‘ um allergrößte Diskretion. Vorerst sollte so wenig wie nur irgendwie möglich an die Öffentlichkeit gelangen.

Heiligenstädter Testament (Ludwig van Beethoven, 1802) | Klassikpunk
Das Heiligenstädter Testament (Original Seite 1)
Heiligenstädter Testament (kompletter Text)
für meine Brüder Carl und {Leerraum} Beethowen

 

O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels <das> (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch zuweilen mich einmal über alles das hinaussezen, o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör’s dann zurückgestoßen, und doch war’s mir noch nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub, ach wie wär es möglich daß ich <da> die Schwäche eines Sinnes angeben sollte, der bey mir in einem Vollkommenern Grade als bey andern seyn sollte, einen Sinn denn ich einst in der grösten Vollkommenheit besaß, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben – o ich kann es nicht, drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte, doppelt Wehe thut mir mein unglück, indem ich dabey verkannt werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesellschaft, feinere unterredungen, Wechselseitige Ergießungen nicht statt haben, ganz allein fast nur so viel als es die höchste Nothwendigkeit fodert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen, wie ein Verbannter muß ich leben, nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit, indem ich befürchte in Gefahr gesezt zu werden, meine[n] Zustand merken zu laßen – so war es denn auch dieses halbe Jahr, was ich auf dem Lande zubrachte, von meinem Vernünftigen Arzte aufgefodert, so viel als möglich mein Gehör zu schonen, kamm er <mir> fast meiner jezigen natürlichen Disposizion entgegen, obschon, Vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen, ich mich dazu verleiten ließ, aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben – wahrhaft elend, einen so reizbaren Körper, daß eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem Besten Zustande in den schlechtesten versezen kann –Geduld – so heist es, Sie muß ich nun zur führerin wählen, ich habe es – daurend hoffe ich, soll mein Entschluß seyn, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen, vieleicht geht’s besser, vieleicht nicht, ich bin gefaßt – schon in meinem 28 Jahre gezwungen Philosoph zu werden, es ist nicht leicht, für den Künstler schwere[r] als für irgend jemand – Gottheit du siehst herab auf mein inneres, du kennst es, du weist, dasß menschenliebe und neigung zum Wohlthun drin Hausen, o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht gethan, und der unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden, der troz allen Hindernissen der Natur, doch noch alles gethan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden – ihr meine Brüder Carl und , sobald ich Tod bin und Professor schmid lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, daß er meine Krankheit beschreibe, und dieses hier geschriebene Blatt füget ihr dieser meiner Krankengeschichte bey, <zu> damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde – zugleich erkläre ich euch beyde hier für <meine> die Erben des kleinen Vermögens, (wenn man es so nennen kann) von mir, theilt es redlich, und vertragt und helft euch einander, was ihr mir zuwider gethan, das wist ihr, war euch schon längst verziehen, dir Bruder Carl danke ich noch in’s besondre für deine in dieser leztern spätern Zeit mir bewiesene Anhänglichkeit, Mein Wunsch ist, daß <ich> euch ein bessers sorgen<volleres>loseres Leben, als mir, werde, emphelt euren <nach> Kindern Tugend, sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung, sie war es, die mich selbst im Elende gehoben, ihr Danke ich nebst meiner Kunst, daß ich durch keinen selbstmord mein Leben endigte – lebt wohl und liebt euch; – allen Freunden danke ich, besonders fürst Lichnovski und P[r]ofessor schmidt – die Instrumente von fürst L.[ichnowsky] wünsche ich, daß sie doch mögen aufbewahrt werden bey einem von euch, doch entstehe deswegen kein Streit unter euch, sobald sie euch aber zu was nüzlicherm dienen können, so verkauft sie nur, wie froh bin ich, wenn ich auch noch unter meinem Grabe euch nüzen kann – so wär’s geschehen – mit freuden eil ich dem Tode entgegen – kömmt er früher als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunst-Fähigkeiten zu entfalten, so wird er mir troz meinem Harten Schicksaal doch noch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen – doch auch dann bin ich zufrieden, befreyt er mich nicht von einem endlosen Leidenden Zustande? – Komm, wann du willst, ich gehe dir muthig entgegen – lebt wohl und Vergeßt mich nicht ganz im Tode, ich habe es um euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an euch gedacht, euch glücklich zu machen, seyd es –

 

Ludwig van Beethowen

 

Heiglnstadt am 6ten october 1802

 

für meine Brüder Carl und nach meinem Tode zu lesen und zu vollziehen –

 

Heiglnstadt am 10ten oktober 1802 – so nehme ich den Abschied von dir – und zwar traurig – ja dir geliebte Hofnung – die ich mit hieher nahm, wenigstens bis zu einem gewissen Punkte geheilet zu seyn – sie muß mich nun gänzlich verlassen, wie die blätter des Herbstes herabfallen, gewelkt sind, so ist – auch sie für mich dürr geworden, fast wie ich hieher kamm – gehe ich fort – selbst der Hohe Muth – der mich oft in den Schönen Sommertägen beseelte – er ist verschwunden – o Vorsehung – laß einmal einen reinen Tag der Freude mir erscheinen – so lange schon ist der wahren Freude inniger widerhall mir fremd – o wann – o Wann o Gottheit – kann ich im Tempel der Natur und der Menschen ihn wider fühlen – Nie? – nein – o es wäre zu hart

Violinsonate Nr. 7 in c-Moll (1802)

Zur musikalischen Untermalung dient uns der 2.Satz dieser um 1802 fertig gestellten Violinsonate Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2. Es ist die mittlere von insgesamt drei Violinsonaten die mit der Opuszahl 30 herausgegeben wurden. Die Schaffensphase dieser Sonate dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeit des Heiligenstädter Testaments fallen. Dieser wunderschöne und etwas melancholische 2.Satz, ein Adagio Cantabile, gibt meines Erachtens bestens diese Stimmung wider.

Für mich ist Beethoven sowieso der Meister der langsamen Sätze. Jedoch möchte ich das nicht so in den Raum werfen ohne natürlich auch seinen berühmten Vorgänger Wolfgang Amadeus Mozart zu erwähnen. Mozart, der große Meister der Melodien, steht hier selbstverständlich um nichts hinten nach. Diese beiden größten Komponisten der Wiener Klassik und der Geschichte miteinander zu vergleichen ist jedoch fast unmöglich. Zu verschieden sind sie. Dennoch rühren mich Beethovens langsame Sätze nicht selten beinahe zu Tränen. Hierbei unbedingt erwähnen möchte ich das Largo des Klavierkonzerts Nr. 3 in c-Moll, op. 37 und des Tripelkonzert in C-Dur, op. 56. Oder das Adagio des Klavierkonzerts Nr. 5 in Es-Dur, op. 73. Die Tiefe und Schönheit dieser Musik in Worte zu fassen ist jedoch nur sehr schwer möglich. Einfach an – und vor allem wirklich zuhören! Denn es ist keine verlorene Zeit sondern eine wahre Wohltat für jede menschliche Seele.

Ludwig van Beethoven – Der Revolutionär

Selbstverständlich ist Beethoven auch oder besser vor allem als Revolutionär in die Musikgeschichte eingegangen. Denn er hat ständig neue Tore aufgestoßen. Immerfort wollte er ausbrechen aus dem Gefängnis der alten musikalischen Sitten und Gebräuche. Die Regeln brechen. Mit der 3. Sinfonie „Eroica“ (1803) wird er in neue Bahnen aufbrechen. Mit seinen Sinfonien Nr. 5 und Nr. 9 „Ode an die Freude“ (1824) letztendlich völlig mit der Tradition brechen. Der bisherigen Form und Zusammensetzung einer Sinfonie den Rücken weisen. Mit dem „Fidelio“ (1805), seiner einzigen Oper, wird er für Sänger mit die schwierigste Oper komponieren.

Weitere 12 Klaviersonaten werden noch folgen. Darunter Giganten wie die „Appassionata“, die „Waldsteinsonate“ op. 106  (1818) gefolgt von den letzen drei Klaviersonaten op.  109, op. 110 (1821) und op. 111 (1822) . Er wird den Liederkreis „An die ferne Geliebte“ (1816), die feierliche Messe „Missa Solemnis“ (1823) und seine letzen fünf Streichquartette op. 127, op. 130, op. 131, op. 132 und op. 135 (das letzte Werk) veröffentlichen. Er wird die Tür noch sehr weit aufstoßen und seinen Nachfolgern den Weg zur Romantik ebnen. Schubert und seinen Klaviersonaten. Den großen Instrumentalisten Berlioz, Brahms und Mahler Inspiration für deren Sinfonien sein. Ohne Beethoven unvorstellbar.

Vor allem ist er ein großer Rhythmiker. Nehmen wir nur seine 5. Sinfonie. Das berühmte „Ta, ta, ta, taaaa!!“ Das ist doch keine Melodie. Das sind einfach 4 Noten. Und auf diesen 4 Noten baut er den ganzen 1. Satz auf. Selbst wenn er eine romantische Melodie einstreut erinnert er uns ständig an diese 4 Noten. Reibt sie uns latent immer wieder unter die Nase. Bedrohlich aber leise im Hintergrund. Ta ta ta ta. Damit wir sie unter keinen Umständen vergessen. Und fährt uns dann überraschend mit voller Lautstärke wieder drüber wie mit einer Dampflok – Ta, ta, ta, taaaa!!

Warum erwähne ich all das? All das hätten wir heute nicht zur Verfügung hätte er bereits vor 1802 den frühzeitigen Freitod gewählt. Ganz zu schweigen wie sich die Musik nach ihm entwickelt hätte. Gäbe es Brahms und Mahlers Sinfonien in der uns bekannten Form? Zu wissen woher all diese Energie und schöpferische Kraft kam sollte uns doch etwas ehrfürchtig werden lassen. Vor einem Mann der seinem Leben bereits früh ein Ende setzen wollte. Vom Schicksal mehr als schwer gebeutelt. Zum Ende hin völlig taub. Die meisten seiner großen späten Meisterwerke hat er uns in völliger Taubheit geschenkt. So etwas konnte er nur weil er geschult war und alles im „inneren Ohr hören“ konnte. Seinem Geist. In seiner Vorstellungskraft.

Im Angesicht des großen Meister und dessen himmlischen Töne verbleibe ich in Demut-

Euer Klassikpunk