„Heiligenstädter Testament“ – Taubheit und Selbstmordgedanken | Ludwig van Beethoven (1802)

[Musik: „Adagio Cantabile“ der Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2, (1802)]

Das Heiligenstädter Testament

Das Heiligenstädter Testament ist ein resignativer Monolog des noch relativ jungen Ludwig van Beethoven (getauft 17. Dezember 1770 in Bonn, Kurköln; † 26. März 1827 in Wien, Kaisertum Österreich). Zu Blatt gebracht am 6. und 10. Oktober 1802. Mit hoher Wahrscheinlichkeit im Haus der Probusgasse 6 im 19. Wiener Gemeindebezirk (Beethoven-Museum). Damals jedoch noch Herrengasse 6 im Wiener Vorort Heiligenstadt. Der Grund seines Aufenhalts in Heiligenstadt war eine bekannte Heilquelle. Beethoven erhoffte sich nicht nur Besserung seines Gehörleidens sondern auch seiner ständigen Magen-Darm Probleme samt heftigen Koliken. Obwohl gefaltet und versiegelt wurde der Brief dennoch niemals abgeschickt. Gerichtet ist das Heiligenstädter Testament an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann van Beethoven. Ein wahrlich ergreifendes Dokument. Über Schwächen und den Tod sprechen wir selten. Als gäbe es diese treuen Begleiter des Menschen nicht.  Genauso wird Beethoven nur all zu gern heroisch und wild dargestellt. Wer kennt sie denn nicht, die Bilder mit zersaustem, zu Berge stehendem Haar?!

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Beethoven Wohnung/Museum Heiligenstadt, Probusgasse 6 (Foto: Clemens/CC BY-SA 3.0 at , via Wikimedia Commons)

Widersprüchlich jedoch das Heiligenstädter Testament. Das Zeugnis eines von Selbstzweifel geplagten Menschen. Aufgrund des fortschreitenden Gehörleidens von der Gesellschaft isoliert. Dem Wunschbild der Öffentlichkeit nicht entsprechend. Von Gottes Gnaden im Stich gelassen. Der drohende Gehörverlust schien unaufhaltbar. „O ihr Menschen die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret, wie Unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen„. Mit diesen Worten beginnt Beethoven seinen Monolog. Wie wir diesen ersten Zeilen entnehmen können begannen die ersten Gehörprobleme bereits im Jahr 1796. Das Gehörleiden zeigte sich um 1802 durch ein ständiges Rauschen (Tinnitus) und Hörprobleme im hohen Frequenzbereich.

„Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück“

Und so kam es, bestimmt auch geplagt von Depressionen, dass Ludwig van Beethoven, der große Revolutionär, mit dem Gedanken spielte seinem Leben ein Ende zu setzen. „Aber welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte und ich auch nichts hörte. Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung: es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.“ schreibt er am 6. Oktober 1802 im an seine beiden Brüder gerichteten Heiligenstädter Testament.

Jedoch mögen wir es ihm verübeln? Versetzen wir uns doch mal in seine Lage. Als Klaviervirtuose gefeiert und auf seinem Höhepunkt. Als Komponist auf bestem Wege dahin. Die ersten Skizzen seiner revolutionären 3. Sinfonie (Eroica) sind bereits im Entstehen. Zwanzig seiner insgesamt 32 Klaviersonaten hatte er zu diesem Zeitpunkt schon komponiert. Darunter bereits so bekannte Werke wie die Klaviersonaten Nr. 8 „Pathetique“, Nr. 14 „Mondscheinsonate“ und Nr. 17 „Der Sturm“. Später einmal wird der deutsche Klaviervirtuose, Dirigent und Komponist Hans von Bülow diese 32 Klaviersonaten als das „Neue Testament der Klavierliteratur“ bezeichnen. Im Wiener Gesellschaftsleben bestens integriert. In Fürst Lichnowsky hat er nicht nur einen Förderer sondern auch einen Freund gefunden. Dies jedoch schien das Ende. Denn sollte das jemals an die Öffentlichkeit gelangen wäre womöglich seine ganze Existenz gefährdet. Ein Pianist, Klavierlehrer und Komponist der sein Gehör verliert. Wie würde die Öffentlichkeit auf so etwas reagieren? Deshalb bat Beethoven alle Eingeweihten seines engsten Freundeskreis‘ um allergrößte Diskretion. Vorerst sollte so wenig wie nur irgendwie möglich an die Öffentlichkeit gelangen.

Heiligenstädter Testament (Ludwig van Beethoven, 1802) | Klassikpunk
Das Heiligenstädter Testament (Original Seite 1)
Heiligenstädter Testament (kompletter Text)
für meine Brüder Carl und {Leerraum} Beethowen

 

O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels <das> (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch zuweilen mich einmal über alles das hinaussezen, o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör’s dann zurückgestoßen, und doch war’s mir noch nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub, ach wie wär es möglich daß ich <da> die Schwäche eines Sinnes angeben sollte, der bey mir in einem Vollkommenern Grade als bey andern seyn sollte, einen Sinn denn ich einst in der grösten Vollkommenheit besaß, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben – o ich kann es nicht, drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte, doppelt Wehe thut mir mein unglück, indem ich dabey verkannt werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesellschaft, feinere unterredungen, Wechselseitige Ergießungen nicht statt haben, ganz allein fast nur so viel als es die höchste Nothwendigkeit fodert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen, wie ein Verbannter muß ich leben, nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit, indem ich befürchte in Gefahr gesezt zu werden, meine[n] Zustand merken zu laßen – so war es denn auch dieses halbe Jahr, was ich auf dem Lande zubrachte, von meinem Vernünftigen Arzte aufgefodert, so viel als möglich mein Gehör zu schonen, kamm er <mir> fast meiner jezigen natürlichen Disposizion entgegen, obschon, Vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen, ich mich dazu verleiten ließ, aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben – wahrhaft elend, einen so reizbaren Körper, daß eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem Besten Zustande in den schlechtesten versezen kann –Geduld – so heist es, Sie muß ich nun zur führerin wählen, ich habe es – daurend hoffe ich, soll mein Entschluß seyn, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen, vieleicht geht’s besser, vieleicht nicht, ich bin gefaßt – schon in meinem 28 Jahre gezwungen Philosoph zu werden, es ist nicht leicht, für den Künstler schwere[r] als für irgend jemand – Gottheit du siehst herab auf mein inneres, du kennst es, du weist, dasß menschenliebe und neigung zum Wohlthun drin Hausen, o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht gethan, und der unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden, der troz allen Hindernissen der Natur, doch noch alles gethan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden – ihr meine Brüder Carl und , sobald ich Tod bin und Professor schmid lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, daß er meine Krankheit beschreibe, und dieses hier geschriebene Blatt füget ihr dieser meiner Krankengeschichte bey, <zu> damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde – zugleich erkläre ich euch beyde hier für <meine> die Erben des kleinen Vermögens, (wenn man es so nennen kann) von mir, theilt es redlich, und vertragt und helft euch einander, was ihr mir zuwider gethan, das wist ihr, war euch schon längst verziehen, dir Bruder Carl danke ich noch in’s besondre für deine in dieser leztern spätern Zeit mir bewiesene Anhänglichkeit, Mein Wunsch ist, daß <ich> euch ein bessers sorgen<volleres>loseres Leben, als mir, werde, emphelt euren <nach> Kindern Tugend, sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung, sie war es, die mich selbst im Elende gehoben, ihr Danke ich nebst meiner Kunst, daß ich durch keinen selbstmord mein Leben endigte – lebt wohl und liebt euch; – allen Freunden danke ich, besonders fürst Lichnovski und P[r]ofessor schmidt – die Instrumente von fürst L.[ichnowsky] wünsche ich, daß sie doch mögen aufbewahrt werden bey einem von euch, doch entstehe deswegen kein Streit unter euch, sobald sie euch aber zu was nüzlicherm dienen können, so verkauft sie nur, wie froh bin ich, wenn ich auch noch unter meinem Grabe euch nüzen kann – so wär’s geschehen – mit freuden eil ich dem Tode entgegen – kömmt er früher als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunst-Fähigkeiten zu entfalten, so wird er mir troz meinem Harten Schicksaal doch noch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen – doch auch dann bin ich zufrieden, befreyt er mich nicht von einem endlosen Leidenden Zustande? – Komm, wann du willst, ich gehe dir muthig entgegen – lebt wohl und Vergeßt mich nicht ganz im Tode, ich habe es um euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an euch gedacht, euch glücklich zu machen, seyd es –

 

Ludwig van Beethowen

 

Heiglnstadt am 6ten october 1802

 

für meine Brüder Carl und nach meinem Tode zu lesen und zu vollziehen –

 

Heiglnstadt am 10ten oktober 1802 – so nehme ich den Abschied von dir – und zwar traurig – ja dir geliebte Hofnung – die ich mit hieher nahm, wenigstens bis zu einem gewissen Punkte geheilet zu seyn – sie muß mich nun gänzlich verlassen, wie die blätter des Herbstes herabfallen, gewelkt sind, so ist – auch sie für mich dürr geworden, fast wie ich hieher kamm – gehe ich fort – selbst der Hohe Muth – der mich oft in den Schönen Sommertägen beseelte – er ist verschwunden – o Vorsehung – laß einmal einen reinen Tag der Freude mir erscheinen – so lange schon ist der wahren Freude inniger widerhall mir fremd – o wann – o Wann o Gottheit – kann ich im Tempel der Natur und der Menschen ihn wider fühlen – Nie? – nein – o es wäre zu hart

Violinsonate Nr. 7 in c-Moll (1802)

Zur musikalischen Untermalung dient uns der 2.Satz dieser um 1802 fertig gestellten Violinsonate Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2. Es ist die mittlere von insgesamt drei Violinsonaten die mit der Opuszahl 30 herausgegeben wurden. Die Schaffensphase dieser Sonate dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeit des Heiligenstädter Testaments fallen. Dieser wunderschöne und etwas melancholische 2.Satz, ein Adagio Cantabile, gibt meines Erachtens bestens diese Stimmung wider.

Für mich ist Beethoven sowieso der Meister der langsamen Sätze. Jedoch möchte ich das nicht so in den Raum werfen ohne natürlich auch seinen berühmten Vorgänger Wolfgang Amadeus Mozart zu erwähnen. Mozart, der große Meister der Melodien, steht hier selbstverständlich um nichts hinten nach. Diese beiden größten Komponisten der Wiener Klassik und der Geschichte miteinander zu vergleichen ist jedoch fast unmöglich. Zu verschieden sind sie. Dennoch rühren mich Beethovens langsame Sätze nicht selten beinahe zu Tränen. Hierbei unbedingt erwähnen möchte ich das Largo des Klavierkonzerts Nr. 3 in c-Moll, op. 37 und des Tripelkonzert in C-Dur, op. 56. Oder das Adagio des Klavierkonzerts Nr. 5 in Es-Dur, op. 73. Die Tiefe und Schönheit dieser Musik in Worte zu fassen ist jedoch nur sehr schwer möglich. Einfach an – und vor allem wirklich zuhören! Denn es ist keine verlorene Zeit sondern eine wahre Wohltat für jede menschliche Seele.

Ludwig van Beethoven – Der Revolutionär

Selbstverständlich ist Beethoven auch oder besser vor allem als Revolutionär in die Musikgeschichte eingegangen. Denn er hat ständig neue Tore aufgestoßen. Immerfort wollte er ausbrechen aus dem Gefängnis der alten musikalischen Sitten und Gebräuche. Die Regeln brechen. Mit der 3. Sinfonie „Eroica“ (1803) wird er in neue Bahnen aufbrechen. Mit seinen Sinfonien Nr. 5 und Nr. 9 „Ode an die Freude“ (1824) letztendlich völlig mit der Tradition brechen. Der bisherigen Form und Zusammensetzung einer Sinfonie den Rücken weisen. Mit dem „Fidelio“ (1805), seiner einzigen Oper, wird er für Sänger mit die schwierigste Oper komponieren.

Weitere 12 Klaviersonaten werden noch folgen. Darunter Giganten wie die „Appassionata“, die „Waldsteinsonate“ op. 106  (1818) gefolgt von den letzen drei Klaviersonaten op.  109, op. 110 (1821) und op. 111 (1822) . Er wird den Liederkreis „An die ferne Geliebte“ (1816), die feierliche Messe „Missa Solemnis“ (1823) und seine letzen fünf Streichquartette op. 127, op. 130, op. 131, op. 132 und op. 135 (das letzte Werk) veröffentlichen. Er wird die Tür noch sehr weit aufstoßen und seinen Nachfolgern den Weg zur Romantik ebnen. Schubert und seinen Klaviersonaten. Den großen Instrumentalisten Berlioz, Brahms und Mahler Inspiration für deren Sinfonien sein. Ohne Beethoven unvorstellbar.

Vor allem ist er ein großer Rhythmiker. Nehmen wir nur seine 5. Sinfonie. Das berühmte „Ta, ta, ta, taaaa!!“ Das ist doch keine Melodie. Das sind einfach 4 Noten. Und auf diesen 4 Noten baut er den ganzen 1. Satz auf. Selbst wenn er eine romantische Melodie einstreut erinnert er uns ständig an diese 4 Noten. Reibt sie uns latent immer wieder unter die Nase. Bedrohlich aber leise im Hintergrund. Ta ta ta ta. Damit wir sie unter keinen Umständen vergessen. Und fährt uns dann überraschend mit voller Lautstärke wieder drüber wie mit einer Dampflok – Ta, ta, ta, taaaa!!

Warum erwähne ich all das? All das hätten wir heute nicht zur Verfügung hätte er bereits vor 1802 den frühzeitigen Freitod gewählt. Ganz zu schweigen wie sich die Musik nach ihm entwickelt hätte. Gäbe es Brahms und Mahlers Sinfonien in der uns bekannten Form? Zu wissen woher all diese Energie und schöpferische Kraft kam sollte uns doch etwas ehrfürchtig werden lassen. Vor einem Mann der seinem Leben bereits früh ein Ende setzen wollte. Vom Schicksal mehr als schwer gebeutelt. Zum Ende hin völlig taub. Die meisten seiner großen späten Meisterwerke hat er uns in völliger Taubheit geschenkt. So etwas konnte er nur weil er geschult war und alles im „inneren Ohr hören“ konnte. Seinem Geist. In seiner Vorstellungskraft.

Im Angesicht des großen Meister und dessen himmlischen Töne verbleibe ich in Demut-

Euer Klassikpunk

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