Von den „Geistervariationen“ in den Wahnsinn | R. Schumann (1854)

[Robert Schumann,“Geistervariationen“ WoO 24 Thema in Es-Dur mit Variationen (Anny Chen)]

Ein allerletztes musikalisches Vermächtnis

Robert Schumann vor 1856 zur Zeit der Geistervariationen
Robert Schumann vor 1856 (Foto: Wikimedia Commons/Adolf von Wenzel)

Im Frühjahr 1854 beginnt Robert Schumann die Arbeit an seinem letzten veröffentlichten Stück, bevor er sich selbst, zum Schutz seiner geliebten Frau Clara Schumann, in die Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn einliefern lässt. Das Thema mit Variationen Geistervariationen“ wird sein musikalisches Vermächtnis werden. Und was für eines.

Jedoch noch vor der Fertigstellung dieser herzzerbrechenden, verzaubernden Miniaturen, stürzt er sich am 27. Februar 1854, einem Rosenmontag, getrieben von bösen Geistern, mit der Absicht seinem Leben ein Ende zu setzen, in den kalten Rhein. Mitten während seiner Arbeit an diesem Thema samt Variationssätzen. Jedoch retten Passanten ihm das Leben, sodass er bereits am folgenden Tag mit dem Komponieren fortfahren wird. Der „Knick“ zwischen den ersten Stücken (Thema und 4 Variationen) und der letzten Variation (Nr. 5) wird deutlich hörbar, und zeugt höchstwahrscheinlich vom Zeitpunkt des schrecklichen Suizidversuchs.

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen

Schon seit geraumer plagen Robert Schumann schauderhafte Seelenqualen. Es erscheinen ihm Geister. Böse als auch gute. Darunter auch so Musiker Größen wie Franz Schubert und Mendelssohn-Bartholdy. Die beiden sollen laut Schumanns Angaben die wundervollsten Melodien mit im Gepäck haben. Jedoch genauso wird er von grässlichen Tönen zur Verzweiflung gebracht. Bereiten ihm Höllenqualen. Treiben ihn in den Wahnsinn. Clara Schumann notiert am 17. Februar 1854 in ihr Tagebuch:

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen, und über welches er für mich ebenso rührende wie ergreifende Variationen machte.

Doch bereits Tage zuvor verzeichnet Schumann regelmäßig Notiz von seinen stärker werdenden psychischen Leiden. Am 10. Februar notiert er in sein Tagebuch “Abends sehr starke und peinliche Gehöraffektion”.  Bereits zwei Tage darauf am 12. Februar “Noch schlimmer, aber auch wunderbar”. Gefolgt von je einem Eintrag an den nächsten beiden Tagen “wunderbare Leiden” und “Gegen Abend sehr stark (wunderschöne Musik)

Erste Anzeichen des Irrsinns zeigen sich jedoch schon viel früher. Denn bereits in jungen Jahren kämpft Robert Schumann mit seinem Schicksal. Als 1825 seine jüngere Schwester Emilie im Alter von nur 25 Jahren ihrem noch jungen Leben ein Ende setzt, und kurz darauf 1826 der Vater verstirbt, wähnt sich Schumann bereits der Gefahr recht nahe. Entkommt damals jedoch nochmals dem Schrecken. Doch immer wieder zeigen sich gewisse Anzeichen. Vermutlich Zeitlebens bewegt sich Robert Schumann immer wieder nahe dem Abgrund, an der Grenze des Irrsinns.

Dem Wahnsinn nahe ein verständlicher Irrtum?

Doch das von Schuberts Geist vorgesungene Thema der „Geistervariationen“ verwendet Schumann bereits im Jahr zuvor. Im langsamen 2. Satz seines einzigen Violinkonzerts in d-Moll, WoO 23, verarbeitet er dieselbe Melodie.

Am 7. Oktober 1853 spielt er Clara dieses Werk zum ersten mal am Klavier vor. Aber Clara und später auch Johannes Brahms scheinen nicht überzeugt, und so kommt es dass das Violinkonzert erst Jahrzehnte später 1937 unter widrigen Umständen uraufgeführt wird.

Seitdem wird es jedoch weiterhin nur sehr selten dargeboten. Zu Unrecht. „Ein emotional unglaublich tiefschichtiges Werk„, sagt der Violinist Thomas Zehetmair. Hochromantisch. Schwer klagend. Geht unheimlich stark unter die Haut. Schumann wie er leibt und lebt.

[Robert Schumann, Violinkonzert in d-Moll WoO 1, 2. Satz (Joshua Bell)]

 

Mit seinen „Geistervariationen“ schenkt Robert Schumann der Nachwelt einen allerletzten Gruß. Lässt Schumann uns unheimlich nahe am Geschehen dabei sein. Ähnlich einer TV Live-Übertragung. Viel näher noch. Näher können wir einem knapp 160 Jahre alten Ereignis nicht kommen. Mit einer bereits verstorbenen Person viel enger in Verbindung treten , als durch dieses erschütternde aber dennoch bezaubernde Tondokument, ist unmöglich. Nur die Musik ist in der Lage uns dieses Wunder zu bescheren. Im Besonderen die Schumann’sche. Keine noch so intellektuell perfekt geformten Worte mögen dem auch nur annähernd nahe kommen. Keine andere Kunstform diese tiefe emotionale Verbindung herstellen. Zwischen der Schumann’schen Seele und dem Hörer.

Du arme verzweifelte Seele. Du armer getriebener Geist. Welch Qualen musstest du erleiden, um uns mit dieser berührenden Musik zu beschenken. Tausend Dank.

Klassikpunk

 

 

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