Der letzte Romantiker | Vladimir Horowitz (1903-1989)


[The Last Romantic | Liszt – Consolation Nr. 3 S.172]

So heißt die eindrucksvolle TV Konzert-Dokumentation aus dem Frühjahr 1985 mit dem gefeierten und bedeutendsten Pianisten aller Zeiten: Vladimir Horowitz. Der Klavierliebhaber erfährt wie himmlisch, der bereits greise aber dennoch bestens gelaunte “Priester der Kunst” auf seinem Klavier predigen konnte. Franz Liszts Consolations Nr. 2 und das ein oder andere Virtuosen-Stück verdeutlichen, weshalb die Begeisterung um den 1989 verstorbenen Künstler ungebrochen anhält – seine Fähigkeit die schwierigsten Oktav-Passagen kinderleicht aussehen zu lassen, seine Art und Weise das Klavier perlend zum “Singen” zu bringen, seine einzigartige Kunstfertigkeit mehrere zugleich gespielte Stimmen ungleich zu phrasieren, sind bis heute unerreicht. Das Gesamtkunstwerk Horowitz wird mit Sicherheit weitere Generationen überdauern und Jung und Alt in seinen magischen Bann ziehen.

Diese wertvollen Bild – und Tonaufnahmen sind bei einem Heim-Rezital in New York City, 14 East 94th Street, Manhattan, aufgenommen worden. Von 1944 bis zu seinem Tod im Jahre 1989 bewohnte er mit seiner Ehefrau Wanda Toscanini-Horowitz, der Tochter des weltberühmten Dirigenten Arturo Toscanini, ein Stadt-Haus in der noblen Upper East Side – einem der teuersten Viertel des “Big Apple”.

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

Doch alles nach der Reihe. Davor liegt ein langes, bemerkenswertes Künstler-Leben, gepflastert von enormen Höhen aber auch von bitteren Tiefen. Am 1. Oktober 1903 in Berdychiv, in der heutigen Ukraine, geboren – in einem bourgeoisen Umfeld: der Vater ein angesehener Ingenieur und Unternehmer, die Mutter Hausfrau und eine solide Amateurpianistin. Von ihr erhielt der junge „Volodja” seinen ersten Klavierunterricht. Später einmal wird der bereits umjubelte Star erzählen, er habe schon im zarten Kindesalter, beim Imitieren des Klavierspiels, das Glas der heimischen Fensterscheiben zerbrochen gehabt. Im Scherz hatten seine Eltern und Verwandte prophezeit, er werde bestimmt einmal ein großer Pianist werden.

Bereits im zarten Alter von  9 Jahren wurde er am angesehenen Kiewer-Konservatorium als Klavier-Student aufgenommen. Einer seiner Klavierlehrer ist der Pianist und anerkannte Musikpädagoge Felix Blumenfeld gewesen! In einem Interview schwärmte Horowitz nicht ganz uneitel, er habe die schwere Abschluss-Prüfung „im Handumdrehen” gemeistert und das anwesende Publikum in Begeisterungsstürme versetzt – zum ersten Mal in der langen Geschichte der renommierten Ausbildungsstätte hätte es standing-ovations gegeben.

Ein fruchtbares Umfeld

Die Gegend in der Horowitz aufgewachsen war, bot einen idealen Nährboden für ehrgeizige Musiker. Eine Reihe großartiger Instrumentalisten konnten ihren weltweiten Siegeszug von hier beginnen: Emil Gilels, Swjatoslaw Richter, Igor und David Oistrakh, Leonid Kogan, Mstislaw Rostropowitsch, Nathan Milstein, Jascha Heifetz, Mischa Elman und Isaac Stern – um nur einige der erfolgreichsten ihrer Zunft zu nennen. Viele entstammen aus jüdischen, großbürgerlichen Familien – aber auch aus einfachen. Inmitten eines Umfeldes voller jüdischer Ressentiments, war die Musik oft die einzige Chance,  diesem trostlosen Leben zu entfliehen. Bereits im zarten Kindesalter war der Unterricht an einem Instrument Gang und Gebe – es gehörte zum guten Ton ein Instrument zu beherrschen. Aus allen Fenstern entwich der liebliche Duft der Musik.

Vladimir Horowitz wollte jedoch zeitlebens Komponist werden: bis zu seinem 13. Lebensjahr widmete er den Großteil seiner Zeit dieser Passion! Die schwierigen Umstände zwangen ihn dazu, seine Brötchen als Pianist verdienen zu müssen: in den Wirren der Oktoberrevolution 1917 verlor die Familie beinähe zur Gänze das Hab und Gut. So kam es, dass der junge „Volodja” durch die Konzerthallen der Sowjetunion touren musste – mit einem enorm breit aufgestellten Repertoire!

Vladimir Horowitz und Jascha Heifetz
Jascha Heifetz und V. Horowitz

Aus dieser Zeit stammt seine lebenslange Freundschaft mit dem Geigen-Virtuosen Jascha Heifetz. Die beiden Jung-Musiker betörten das Publikum regelmäßig mit Kammermusik. Später einmal wird Heifetz auf die Frage antworten, wie denn sein Verhältnis zu Horowitz sei: „Wissen Sie – Horowitz ist mein Milchbruder“! Das Ergebnis dieser fruchtbaren Partnerschaft ist  auf einer der seltenen Kammermusik-Aufnahmen von Horowitz festgehalten worden: dieBrahms’ sche d-Moll Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 op. 108 – aus dem Jahr 1959.

Der internationale Durchbruch

Mitte der 1920er Jahre versuchten Horowitz und sein Manager ihr Glück im Westen – in Deutschland. Über die Flucht aus der Sowjetunion wird er im hohen Alter einmal berichten, es sei ein außerordentlich gefährliches Unterfangen gewesen, als er mit im Schuh versteckten USD, die russische Grenze überquert habe. Der Grenzwärter habe ihm jedoch freundlich hinterher gewinkt, baldige Rückkehr gewünscht und ihn ziehen lassen – Horowitz wird den Heimatboden erst Jahrzehnte später wieder betreten, im Jahr 1986,

In Hamburg sollte der große internationale Durchbruch erfolgen! Horowitz weilte für Welte-Mignon Aufnahmen in der nord-deutschen Hansestadt. Die folgenden Ereignisse mögen fast schon etwas kitschig klingen, jedoch verleihen sie der Weltkarriere einen Hauch von Hollywood und Märchenwelt.

Von einem Zoo-Besuch müde und hungrig, kehrte er eines späten nachmittags in sein Hotel zurück. Dort überraschte ihn sein Manager mit der Bitte, ob er denn nicht für einen erkrankten Pianisten einspringen könnte – am selben Abend noch! Horowitz zögerte nicht lange, rasierte sich, trank ein Glas Milch zur Stärkung und begeisterte das Publikum mit dem Tschaikowsky b-Moll Klavierkonzert. Die Hamburger waren dem Magier Horowitz auf der Stelle verfallen; kurzerhand angesetzte Folge-Konzerte waren in Windeseile ausverkauft gewesen. Horowitz kam, sah und siegte! Der Rest ist glorreiche Geschichte: Danach tourte er höchst erfolgreich durch Frankreich, Italien und die Schweiz. Die regelmäßig ausverkaufte Tour wurde zum kolossalen Siegeszug.

Dirigent an diesem Karriere alles entscheidenden Abend war ein gewisser Eugen Papst gewesen.

Im Mekka der Instrumentalisten

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

In der New Yorker Carnegie Hall debütierte Horowitz 1928. Zum Debüt überzeugte er mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Sir Thomas Beecham mit bereits erprobtem Virtuosen-Konzert: dem Tschaikowsky b-Moll. Dem Dirigenten wollte sich ein Vladimir Horowitz an diesem Abend jedoch nicht unterordnen.

So staunte das New Yorker Publikum nicht schlecht, als Beecham und sein Ensemble mit etwas Verspätung das Ziel erreichten – der Wirbelwind Horowitz war ungezügelt davon-gedonnert. Obwohl nicht Sinn und Zweck der Aufgabe, jubelte das Publikum als auch die begeisterte Kritik, ein „junger Tornado der Steppe” sei in der Stadt und alle könnten sich warm anziehen – vor allem Pianisten!

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten einige schicksalhafte, wegweisende Begegnungen – 1932 debütierte Horowitz unter der italienischen Dirigenten-Legende Arturo Toscanini, traf infolgedessen die Tochter des Maestros, Wanda Toscanini, verliebte sich, und schloss 1933 den Bund der Ehe. Sie wird trotz  der vielen Schwierigkeiten bis zu seinem Lebensende 1989 treu an seiner Seite bleiben.

Noch im selben Jahr erblickte Töchterchen Sonya das Licht der Welt. Sie wird das einzige Kind aus dieser Ehe bleiben. 1975 verstirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Weshalb sie ihrem Leben ein Ende setzte, ist reine Spekulation: vielleicht waren die Fußstapfen einfach zu groß. Vater und Großvater waren immerhin gefeierte Weltstars.

Horowitz und Liszt

Aus dieser Zeit stammt auch die legendäre Plattenaufnahme der Liszt’ schen h-Moll Sonate (1932). Für viele bis heute die Referenzaufnahme dieses ungeheuer schwierigen Hauptwerks der Romantik. Diese Aufnahme und Horowitz’ beinahe dämonisches Liszt Spiel allgemein sind unter anderem auch mit verantwortlich für die vielen Synonyme des Vladimir Horowitz – von “Zauberer” bis “Hexenmeister”. Joachim Kaiser drückte es mal so aus: “Die ungeheuren Oktav-Läufe zu Ende der Sonate beschützen dieses Werk vor Dilettanten“.

Es liegen jedoch zwei weitere Horowitz-Einspielungen der h-Moll Sonate vor. Die eine aus dem Jahr 1949, die von 1977.

Die zweite Aufnahme gerät zeitweise jedoch zu exaltiert virtuos und lässt dabei musikalisch ein wenig zu Wünschen übrig. Gewisse Oktavläufe verkommen zur halsbrecherischen Hexenmeister-Show. Zu viel Zirkus. Auf jeden Fall atemberaubend wild, aber vom Gesamteindruck sind die beiden anderen Einspielungen zu bevorzugen. Trotzdem darf man nicht vergessen – diese Kritik erfolgt auf Horowitz-Niveau.  Für solch ein Klavierspiel würde der ein oder andere Pianist seine Seele verkaufen.

Hingegen erlebt man in der späten Aufnahme den typischen “Spät-Horowitz”. Viel dunkler, tiefgehender und musikalisch wertvoller. Selbstverständlich nicht mehr ganz so virtuos wie in den 30er Jahren, aber noch immer schwer beeindruckend. Als Hörer spürt man richtig die Reife die der mittlerweile über 70-jährige Meister ins Spiel einfließen lässt. Bei Horowitz verhält es sich anscheinend wie beim Rotwein – je reifer, desto besser. Empfehlenswert!

Des Weiteren hat er die Ungarischen Rhapsodien Nr 2, 6, 13, 15 und 19 auf Schallplatte oder CD eingespielt. Großteils in eigenen Bearbeitungen. Selbstverständlich werden die Stücke in der Horowitz’ schen Bearbeitung um einiges schwieriger als die Originale es sowieso schon waren.


[Liszt | h-Moll Klaviersonate (1932)]

Die Tiefen der Seele

Der gefeierte Virtuoso erlebte jedoch auch seine bitteren Stunden, Tage, ja, sogar Jahre. Des öfteren musste er dem unfassbaren Druck der Solisten-Karriere Tribut zollen. Es gibt bestimmt nicht viele “Berufe”, wenn man die Tätigkeit des gefeierten Solisten-Stars überhaupt so banal benennen darf, die so einsam und nervenaufreibend sein dürften. Dem ungeheuren Erwartungsdruck stand zu halten, nicht nur des Publikums sondern auch des eigenen, bedarf beinahe einen Pakt mit dem Teufel. Wer weiß. Vielleicht verkauft man als gefeierter Solist doch ein wenig seine Seele.

Kurz vor einem Auftritt sagte Vladimir Horowitz einmal zu seinem persönlichen Klavierstimmer und engen Vertrauten Franz Mohr “Franz, ich gehe jetzt auf den einsamsten Platz“. Oh du bitter-süßer Ruhm!

Vladimir Horowitz
Horowitz am einsamsten Platz der Welt

Des öfteren zitterten Konzertveranstalter in der Sorge Horowitz könne vielleicht in letzter Minute seinen Auftritt sausen lassen. Bereits 1934 bis 1938 entsagte Horowitz jeglichen öffentlichen Auftritt und zog sich in Paris ins Privatleben zurück. Die längste Pause von den Konzertpodien der Welt erlaubte sich Vladimir Horowitz von 1953 bis 1965. Sage und schreibe zwölf lange Jahre lang betrat er keine einzige Konzertbühne – Depressionen, zu hoher Erwartungsdruck, private Probleme. Der größte Künstler seit Paganini und Franz Liszt, wie die Kritiken voller Lob posaunten, musste nun endgültig seinen Tribut zollen.

In einer Zeit wo die Langspielplatte ihren großen Durchbruch erlebte, zog sich der faszinierendste Konzertpianist aus dem öffentlichen Leben völlig zurück. Dieser Rückzug entfachte den Mythos Horowitz jedoch nur noch mehr! Da war ein Pianist, von dem alle erzählten, der würde fantastischer spielen als man es je gehört habe, aber – er trete eben nicht mehr auf. Diejenigen die ihn noch nie live spielen gehört haben, konnten es kaum erwarten diese Lücke in ihrer Biografie zu schließen.

Das viel umjubelte Comeback

Am 9. Mai 1965 hatte das lange Warten ein Ende. Nicht nur das New Yorker Publikum konnte es kaum erwarten, auch Vladimir Horowitz schienen die Nerven etwas zu flattern: Er eröffnete sein Comeback Rezital mit der Bach’ schen Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni – gleich zu Beginn griff er ordentlich daneben. Doch keiner mochte es ihm übel nehmen! Nach zwölf sehr schwierigen und langen Jahren der Bühnenabstinenz darf auch ein Vladimir Horowitz nervös sein, selbst wenn dem gebürtigen Russen dämonische Superkräfte nachgesagt wurden. Das sagenumwobene Comeback wurde zum viel umjubelten Erfolg.

Das Bach/Busoni Adagio ist ein Tondokument, das deutlich macht, wem Horowitz’ oberste Prämisse galt – dem “singenden Ton”. Immer wieder hat er es gepredigt: Das Piano solle singen, obwohl es ein Percussion-Instrument sei. Und Horowitz konnte singen; wie kein anderer entlockte er dem Instrument einen kantilenen Ton, der bis heute verzaubert. Mit seinem außergewöhnlichen Legato-Spiel und einer besonders eigenwilligen (leichten) Einstellung der Tastatur war er in der Lage dieses Kunststück zu vollbringen. Horowitz der Magier!


[Bach/Busoni | Adagio in C-Dur (1965, Carnegie Hall)]

Horowitz und Chopin

Man kann keine Horowitz Biografie verfassen ohne auf den polnisch-französischen Komponisten Frederic Chopin zu verweisen. Zu wichtig war Chopin im Leben des Vladimir Horowitz. Man wird kein Horowitz Solo Rezital finden ohne dabei auch auf Chopin zu stoßen. Neben Franz Liszt ist und war er bestimmt der Komponist mit dem man Horowitz immer in Verbindung bringen wird. Seine Chopin Aufnahmen dürfen in keiner ordentlichen CD Sammlung fehlen.

Horowitz’ offensichtliche Liebe zu Chopin war immer unüberhörbar. Sie galt vor allem den kleinen Charakterstücken – den Mazurken, den Nocturnes und den Walzern. Laut Horowitz wird bei Chopin „die Kleinkunst zur Großkunst“. In den wenigen Minuten einer Chopin’ schen Mazurka fände man manchmal „mehr Tiefe als in einer Schostakowitsch Sinfonie, die mehr als eine Stunde dauere“.

Trotz all dem Lob am verehrten, polnischen Komponisten sparte Horowitz nicht mit Kritik: „Teilweise zu viel Ornamentierung. Vor allem in seinen Nocturnes. Phrasen werden zu oft wiederholt….aber nicht in seinen Mazurken. Die sind Gold wert!”. Vom außergewöhnlichen Mazurka Spiel des Vladimir Horowitz zeugen eine Menge an Plattenaufnahmen. Hervorgehoben werden, sollten die Mazurken in cis-Moll op 30 Nr. 4 und in  a-Moll op. 17 Nr. 4.

Von den längeren Werken zählten die g-Moll Ballade Nr. 1, die er auch anlässlich des CBS TV-Konzerts 1968 zum Besten gab, und die b-Moll Klaviersonate op. 35 zu Horowitz’ Steckenpferden.

Von Clementi über Scarlatti bis zu Mozart

Vladimir Horowitz vermied es nur ausgetrampelte Wege zu beschreiten. So widmete er seine Aufmerksamkeit den damals wenig beachteten Italienern Domenico Scarlatti und Muzio Clementi. Scarlatti hatte er zum Ende regelmäßig in seinen Konzertprogrammen. Clementi meines Wissens nur auf Studioaufnahmen – es existieren einige bemerkenswerte Aufnahmen der KlaviersonatenMuzio Clementi war laut Horowitz „der Vater des modernen Klavierspiels und der modernen Klavierform” und hätte enormen Einfluss auf Beethovens Klavier-Oeuvre gehabt.

Bewusst möchte ich nicht die Aufnahmen aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins oder des legendären Moskau Konzerts anlässlich seiner Rückkehr in seine Heimat hervorheben – nicht weil sie es nicht wert wären oder weil er in Wien auch keinen Scarlatti im Programm hatte – jedoch die Mozart’ sche B-Dur Sonate KV 333 und das D-Dur Rondo KV 485 –, sondern weil auch andere wertvolle Aufnahmen existieren. Welch zauberhaften Scarlatti er seinem Steinway Flügel entlocken konnte, kann jeder der unveröffentlichten Spät-Aufnahme des Jahres 1986 in Japan (siehe unten) entnehmen.

Die große Palette an Farben die er malt, die perfekte Nuance an Sentimentalität, der zart-singende Ton – ein Traum, der die Zeit still stehen lässt. Eine Anschlagskunst, die wahrlich nur wenige Pianisten beherrschen – wenn überhaupt. Nur die Allergrößten verzaubern in dieser Art und Weise.

Viele sind der Meinung Vladimir Horowitz habe nie besser musiziert als in seinen letzten Lebensjahren. Als er nicht mehr zeigen musste, welch ungeheurer Tastenakrobat er war, sondern die Musik aufführen konnte, die ihm wirklich am Herzen lag. Auf die Frage warum er Mozart erst im hohen Alter vor Publikum spielte, antwortete er: „Als ich jünger war, war ich effekthascherischer. Aber jetzt spiele ich mehr Musik anstatt eine Show abzuziehen. Bevor du vierzig bist, ziehst du immer ein wenig eine Show ab. Du willst beeindrucken, mit Oktaven….aber ich will niemanden mehr beeindrucken, ich spiele das, was in den Noten steht“.

Selbstverständlich ist ein Pianist in seinen Achtzigern nicht mehr in der körperlichen Verfassung um überwiegend mit Showstücken die Tastatur zum Glühen zu bringen. Eine gewisse Koketterie konnte sich der greise Vladimir Horowitz dennoch nicht verkneifen, wenn er dem Publikum aber auch sich selbst beweisen wollte, dass er noch immer in der Lage war technisch zu brillieren. Regelmäßig faszinierte er bei Live-Auftritten mit der enorm schwierigen dis-Moll Etüde von Skrjabin oder der Chopin’ schen Polonaise in As-Dur, Op. 53. Vielleicht spielte er die dis-Moll Etüde nicht mehr ganz so halsbrecherisch wie in jüngeren Jahren – nun verlieh er dem Stück Reife, Nachdruck, einen emotionalen Touch und dunkle Wärme. Der Pianist Horowitz war als Musiker gereift. Viele die ihn in seinen letzten Jahren hörten, behaupten, er wäre musikalisch besser denn je zuvor gewesen – Platten und CDs zeugen davon.


[Live Rezital in Japan 1986 | Scarlatti, Mozart, Rachmaninow u.a]

Vladimir Horowitz ganz privat

Seine Frau Wanda Toscanini-Horowitz mag nicht immer den besten Ruf genossen haben, ja, wurde teilweise sogar als herrische und hysterische Tyrannin verteufelt, die an den vielen Bühnenpausen ihres Göttergatten einen erheblich Anteil an Schuld trage. Ganz wie ihr autokratischer Dirigenten-Vater sei sie gewesen, der Gerüchten zufolge Horowitz und Orchester bei den Proben zu der famosen Tschaikowsky b-Moll Konzert Aufnahme 1943 mit unzähligen Wiederholungen beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte.

Jedoch wich sie in schwierigen Zeiten wie der zwölf-jährigen Konzertpause kein einziges mal von seiner Seite. Selbst dann nicht als Horowitz in dieser  prekären Lage ganze sechs lange Monate kein einziges mal das Haus verlassen wollte.  Er werde nie wieder konzertieren habe er Wanda in dieser beschwerlichen Zeit des Öfteren versichert. Unbeeindruckt habe sie mit “Okay, gut, kein Problem” gekontert, doch sei ihr bei diesem schrecklichen Gedanken beinahe das Herz in die Hose gerutscht. Denn mit Gewissheit war sie nicht nur die Angetraute des Maestros, sondern auch eine der treuesten Bewunderer des Pianisten Horowitz gewesen.

“Der Konzertpianist Horowitz wäre ohne Wanda nicht möglich gewesen” verkündet Franz Mohr, seines Zeichens langjähriger Cheftechniker bei Steinway & Sons New York und von 1962 bis 1989 Horowitz’ persönlicher “Klavier-Tuner”. Mohr, der auch in “The Last Romantic” zu sehen ist, hat das Buch “Große Pianisten, wie sie keiner kennt “(amazon) verfasst, in dem er dem neugierigen Leser auch Einblicke in das Privatleben der großen Pianisten gewährt. Denn nicht nur Vladimir Horowitz, sondern weitere Klavier-Giganten wie ein Arthur Rubinstein oder auch ein Glenn Gould zählten zu denjenigen, die nur ihm alleine das Vertrauen schenkten, an deren hochsensiblem Instrument Hand anlegen zu dürfen. Für die Fan-Gemeinde mit Sicherheit ein lohnenswertes Manuskript. So habe Horowitz gerne TV-Serien gesehen – am liebsten sei ihm “Bonanza” gewesen, erzählt Mohr in einem TV Interview.

Vladimir Horowitz der König

Wenn ich auf der Bühne stehe, dann fühle ich mich wie ein König. Dann bin ich ein König! Niemand hat mich zu stören, denn ich habe etwas zu tun und muss das beste aus mir herausholen. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger gut. Das ist ganz menschlich“, Horowitz anlässlich eines TV Interviews 1977.

Horowitz tourte auch wie ein König: ein eigener Koch; Zutaten und Trink-Wasser wurden aus der Heimat eingeflogen. Horowitz war der Gagen-König ohne ernst zunehmende Konkurrenz. Ab den 1970er Jahren kassierte er 80 % der Konzert-Bruttoeinnahmen – dreimal so viel wie die nachfolgenden Klassik Musiker.

In den letzen vier Konzert-Jahren war sein privater Flügel ständiger Begleiter. Der berühmt-berüchtigte Konzertflügel, Modell D-274, mit der Seriennummer 314 503. Jener Flügel, den ihm das Traditionshaus Steinway & Sons, 1942, nachträglich als Hochzeitsgeschenk zukommen ließ. Auf diesem Instrument wurden die Aufnahmen “Der letzte Romantiker” gefilmt.

Der Transport des Flügels aus Horowitz’ Haus gestaltete sich sehr mühsam –nur durch das Fenster. Für die letzten Konzertreisen wurde der Flügel deshalb bei Steinway & Sons am Firmengelände “geparkt”. Als Ersatz für sein Haus erhielt Horowitz den Flügel mit der Nr. CD 443, auf dem er einige Aufnahmen seiner allerletzten CD “Horowitz – The Last Recording” (amazon) eingespielt hat. Für jeden Horowitz Fan ein Must Have! Jedoch hoch sentimental, wenn man beim Hören bedenkt, dass einige Aufnahmen erst wenige Tage vor seinem Tod fertiggestellt wurden. Das H-Dur Nocturne op. 62 Nr. 1 und auch “Isoldes Liebestod”.

Murray Perahia, kurzzeitig Schüler von Horowitz und selbst ein gefeierter Konzertpianist, hat Horowitz noch am Vortag dessen Todes besucht. Horowitz habe ihm “Isoldes Liebestod” (Wagner/Liszt) vorgespielt. Danach sei ungewöhnliches geschehen. Niemals zuvor habe Horowitz den Deckel der Klaviertastatur geschlossen. Doch anders an diesem Abend.

Am nächsten Tag, dem 5. November 1989, fand Wanda Toscanini-Horowitz ihren Mann tot in seinem Couch-Sessel. Die beiden hatten zuvor noch über das Mittagessen gesprochen gehabt. Der vielleicht größte – mit Sicherheit der faszinierendste – Pianist nach Franz Liszt war nicht mehr. Der letzte Romantiker war Geschichte.


CD Tipp


 

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