Currentzis riskiert und gewinnt | Salzburger Festspiele (2017)

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
(© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Salzburger Festspiele 2017, „La Clemenza di Tito“, Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Regie: Peter Sellars

Tito Russel Thomas
Sesto Marianne Crebassa
Vitellia Golda Schultz
Servilia Christina Gansch
Annio Jeanine de Bique
Publio Williard White


Mit einer Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts letzter Oper „La Clemenza di Tito“ fordern die Salzburger Festspiele weiterhin ihre führende Rolle in der Klassischen Musik-Welt. Das muss im erfolgsverwöhnten Salzburg auch der Anspruch sein – für Mittelmaß darf hier kein Platz sein. Mit diesem „Titus“ sorgt die renommierte Festspielstadt für Aufsehen!

in seiner ersten Saison wagte der neue Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser Mutiges. Mit dem glorreichen Engagement von zwei außergewöhnlichen Persönlichkeiten, war von vornherein klar: diese Inszenierung wird mit Sicherheit weit über das Gewöhnliche hinausschießen. Bereits 2012 arbeiteten der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis und der us-amerikanische Star-Regisseur und ausgewiesene Mozart-Spezialist Peter Sellars gemeinsam an einem Projekt. In Salzburg inszeniert das extravagante Duo jedoch zum ersten mal.

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017, Hinterhäuser, Currentzis, Peter Sellars | Klassikpunk
Intendant Hinterhäuser, Dirigent Currentzis und Regisseur Peter Sellars (© Salzburger Festspiele / Anne Zeuner)

„Mozart ist der große Komponist der Versöhnung“

Laut Regisseur Peter Sellars passt „La Clemenza di Tito“ perfekt in die gegenwart: das dramatische Werk handelt von Macht, Liebe, Freundschaft, Verrat, Gewalt, Intrige, Güte und  Vergebung. „Gnade und Versöhnung sind heutzutage wichtiger denn je zuvor. Wie können wir in einer Zeit des Konflikts zusammenleben?„, wirft Sellars die Frage in den Raum und beantwortet sie zugleich: nur durch Vergebung sei es möglich die Welle der Gewalt zu beenden und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. „Mozart ist der große Komponist der VersöhnungJede Mozart Oper, nicht nur „La Clemenza di Tito“, endet mit Vergebung und Versöhnung“, fügt er des weiteren hinzu.

In seiner sozialkritischen Regie thematisiert und verarbeitet Sellars zwei brandaktuelle und brisante Themen, die uns in der Medienlandschaft täglich verfolgen: Flüchtlingswelle und Terrorismus.

All das schaffen er und sein Team mit einem minimalistischen Bühnenbild. Lediglich einige Säulen dienen als optischer Hingucker und werden bei Bedarf automatisiert in den Bühnenboden versenkt oder hochgefahren. Mal sind sie ein Abbild der zerstörten, syrischen Stadt Aleppo, mal funkeln sie im Stil moderner Hochhaus-Glasfassaden. Weitere Requisiten: zwei Absperrgitter, einige Kerzen, ein bereits Festspiel erprobtes Krankenbett, eine Sprengstoff-Attrappe  und Goldbarren. Für die restliche Bühnen-Dramaturgie sorgen teils junge Hauptdarsteller und der brillante MusicAeterna Chor, der gesanglich und schauspielerisch mit einer Glanzleistung überzeugen kann.

MusicAeterna

Teodor Currentzis hat das Ensemble MusicAeterna eigens im Jahr 2004 aus der Taufe gehoben. Es besteht nicht nur aus dem fabelhaften Chor, sondern auch einem grandiosen Orchester, das bei dieser mutigen Inszenierung für die erstklassige Beschallung der Felsenreitschule sorgt. Im weit entfernten russischen Perm, 1100 km östlich von Moskau , wo Currentzis seit 2011 die musikalische Leitung der Oper innehat, schart er das Ensemble um sich, um akribisch und detail-versessen an seinen klar definierten Ideen und Zielen zu feilen – mit historischen Instrumenten des 18. Jahrhunderts. Der gebürtige Grieche mit russischem Pass ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich – nicht nur in seiner künstlerischen Interpretation und seiner ausufernden Arbeitsmoral, sondern auch in seinem Auftreten, das einem Indie-Rock-Star eher gleicht als einem Dirigenten Klassischer Musik.

Gleich zu Beginn der infernalen Aufführung macht Currentzis eines klipp und klar: die Tempi werden bei dieser Inszenierung alles andere als gewöhnlich ausfallen. Bereits mit der nervös dargebotenen Ouvertüre, peitscht er sein Ensemble in einem Höllentempo durch die Salzburger Felsenreitschule, als gäbe es kein morgen mehr. Es wird nicht das einzige mal bleiben, dass er die Tempi entweder hurtig beschleunigt oder beinahe zum Stillstehen bringt. Damit sorgt der gebürtige Grieche für atemberaubende Momente, ungeheure Spannung als auch entspannende Erleichterung. Eine Wellen-Ritt der Gefühle.

Die Szenerie zu Beginn des 1. Akts wird dem regelmäßigen TV-Seher bestimmt bekannt sein: eine größere Menschenmenge, Frauen als auch Männer, wird von zwei Polizei-Beamten, hinter Absperrgittern in Zaum gehalten. Das Maschinengewehr drohend im Anschlag. Viele Frauen mit Kopftuch. Tito, der Milde (La Clemenza), schenkt zwei Flüchtlingen die Freiheit: Servilia und Sesto. Dem Kenner der Oper schießt eine Redewendung in den Kopf, die den Rest der Vorstellung wie ein Damoklesschwert über der Szenerie hängen wird: Beiße nicht die Hand, die dich füttert! Denn Sesto wird am Ende des 1. Akts seinen wohlwollenden und gütigen Retter eigenhändig ermorden.

Nicht nur die Titelpartie des Tito, gespielt vom US-Amerikaner Russel Thomas, sondern weitere drei Hauptakteure haben schwarz-afrikanische Wurzeln: Golda Schultz als Vitellia, Jeanine de Bique als Annio und Williard White, der mit seiner enormen Bühnenpräsenz einen glaubwürdigen Geheimdienstchef Publio gibt. Nicht alle 4 Sänger überzeugen zur Gänze.

Russel Thomas gibt einen soliden aber keinen glänzenden Tito. Bei den Arien, die er im Krankenbett liegend vortragen muss,  wird klar ersichtlich, dass er im hohen Register schwer zu kämpfen hat. An einen Michael Schade oder andere Tenöre, die in dieser Rolle brillieren konnten, kommt er nicht heran. Golda Schultz als Vitellia zeigt keine Schwächen – ein gelungener Auftritt der 34-jährigen Südafrikanerin.

Eine sehr gute Servilia gibt die Österreicherin Christina Gansch, die mit Currentzis und seinem MusicAeterna bereits an der Permer Oper einen viel umjubelten, konzertanten „Don Giovanni“ auf CD eingespielt hat. Enorme Bühnenpräsenz, unbekümmertes Auftreten und ein solider Gesang, der noch nicht ganz auf dem Niveau ihrer grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten angelangt ist. Noch nicht! Der 27 Jährigen stehen jedoch alle Türen offen. Über Currentzis‘ viel zitierte Detailversessenheit und Akribie sagt sie mit strahlendem Gesicht: „Es kann sein dass er manchmal zwanzig, dreißig mal den selben Takt neu aufnehmen lässt. Doch genau das macht auch seinen besondern Ton aus!“

Zwei Mezzos rocken den Abend

Die junge Mezzo-Sopranistin Jeanine de Bique feiert als Annio einen großen Erfolg. Im Duett mit Sesto ist ihre Stimme kaum zu hören, jedoch darf man sie nicht nur an der Lautstärke messen. Im Kyrie der Großen c-Moll Messe, welches Currentzis zu Beginn des 2. Akts frei einbaut, singt sie die Solopartie. Darauf folgend überzeugt sie mit der Arie „Torna di Tito al Lato“. Zwar zeigt die, in Trinidad und Tobago geborene Künstlerin, kleine Schwächen im unteren Register und bei den Koloraturen, insgesamt bietet sie dennoch eine ergreifende Vorstellung. Wer schwindelerregende  Koloraturen und schrille Töne erwartet, der wird enttäuscht werden – ihre Stimmfarbe klingt jedoch sehr warm, weich und angenehm. Ein etwas dunklerer Mezzo. Ausbaufähig aber mit dem gewissen Etwas.

Die beste Vorstellung des Abends liefert jedoch eindeutig die junge französische Mezzo-Sopranistin Marianne Crebassa als Sesto. Ihre Stimme ist kräftig, sicher und sehr klar – sowohl im unteren als auch im oberen Register. Niemals hat man das Gefühl als müsse sie an ihre Grenzen gehen. Ihr Timbre geht unter die Haut. Die Koloraturen sind ein Genuss.

Ihre Arie „Parto, ma tu, ben mio“ wird zum Höhepunkt des Abends. Nicht nur gesanglich, sondern auch in der optischen Umsetzung. Ein erheblicher Teil des frenetischen Szenenapplaus‘ gilt mit Sicherheit der Regie und der musikalischen Leitung, denn Sellars und Currentzis holen die Klarinette aus der Anonymität des Orchestergrabens, hoch auf die Bühne. Jedem Zuseher wird klar, dass er einem speziellen Moment erleben darf: den musikalischen Dialog zwischen Gesangsstimme und Klarinette. Wolfgang Amadeus Mozart hat diesen besonderen Moment seinem Lieblings-Klarinettisten Anton Stadler gewidmet, dem er auch sein Klarinettenkonzert auf den Leib schneiderte. Mit dem extrem langsamen Tempo inklusive einiger Generalpausen, erschaffen Currentzis und sein Ensemble eine atemberaubende Atmosphäre. Eine großartige Idee! Gänsehaut!

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
Ein Höhepunkt – Die Sesto Arie „Parto, ma tu, ben mio“ | Marianne Crebassa (Sesto), Florian Schuele (Klarinette) | (© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Ein neuer Stern am Klassikhimmel

In Russland schon länger ein gefeierter Star, avanciert Teodor Currentzis, mit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen, auch in Mittel-Europa zum umjubelten Publikumsliebling. Neben „La Clemenza di Tito“ konnte er das Salzburger Publikum in diesem Festspielsommer bereits mit dem Mozart „Requiem“ begeistern.

„La Clemenza di Tito“, die letzte Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, eine Opera Seria,  wird im Vergleich zu den „Da Ponte Opern“ relativ selten auf die Bühne gebracht – zu unrecht! Selbst an der ehrwürdigen Wiener Staatsoper wurde der „Tito“ bis jetzt nur ungefähr zwei Dutzend mal aufgeführt.

An diesem Abend machen Currentzis und Sellars sofort klar welche Message sie mit dieser Inszenierung vermitteln wollen: „Titus“ ist in der westlichen Welt der Gegenwart angekommen. Einer Zeit, geprägt von Flüchtlingen und Terroranschlägen. Die beiden haben sich intensiv mit Mozart und dieser Oper auseinandergesetzt. Mit ihrer Inszenierung wollen sie ein gewaltiges Statement setzen. Der Zuseher soll nicht nur oberflächlich unterhalten werden, nein, nach dem der letzte Ton verklungen ist, soll dieser „Titus“ noch lange in seinen Gedanken herumgeistern. Diese Inszenierung soll den Besucher so schnell nicht in Ruhe lassen.

Realpolitisch konnte die Kunst zwar noch nie viel verändern, trotzdem ist und war es ihre Aufgabe zumindest zum Nachdenken zu animieren. Dieses Unterfangen ist mit diesem „La Clemenza di Tito“ gelungen!

Zwischen Grenzgang und Selbstinszenierung

Es werden jedoch einige Fragen laut. Ist es erlaubt so stark in das Libretto und in die Partitur einzugreifen? Ist es erlaubt die Tempi dermaßen zu verändern? Dürfen andere Werke in die Oper eingebaut werden? Neben dem Kyrie und Benedictus der Großen c-Moll Messe (KV 427) verarbeiten die beiden noch das Adagio und Fuge in c-Moll (KV 546),  das während Sestos Vorbereitungen des Anschlags als musikalische Untermalung dient. Zum Schluss, bei Titos Suizidversuch, erklingt die Maurerische Trauermusik

Des weiteren streichen Currentzis und Sellars einen erheblichen Teil der Secco-Rezitative. Die Begründung: Mozart habe sie im Zeitstress an seinen Schüler Franz Xaver Süßmayr delegiert und deren Qualität seien unbefriedigend, weshalb der Meister höchstpersönlich genau so verfahren würde.

Die Antwort auf diese Fragen ist eine einfache zweifache. Grundsätzlich ist in der Kunst vieles erlaubt. Sie ist frei. Letztendlich entscheidet noch immer das Publikum. Es besteht jedoch immer die Gefahr, dass solche Grenzgänge, zu weit gehen. Die Selbstinszenierung Überhand gewinnt und das Originalwerk in den Hintergund rückt. Dann ist die Grenze zur Geschmacklosigkeit nicht mehr weit. Zwischen Kitsch und Genialität liegt oftmals nur ein kleiner Schritt.

Gewinner des Abends sind dennoch Teodor Currentzis und sein MusicAeterna Ensemble. Mit diesen erfolgreichen Auftritten in Salzburg wurden sie endgültig in den Ritterstand gehoben – sie sind in der Champions-League angelangt.

Des weiteren Marianne Crebassa als „Sesto“ und die dunkelhäutige Jeanine de Bique als „Annio“.

Vereinzelt gibt es Schwächen bei den Sängern, doch in Summe ist dies ein sehr erfrischender „Titus“. Die farbenfrohe Besetzung, der teilweise jungen Hauptcharaktere, war ein etwas gewagtes Unterfangen, gilt das Salzburger-Festspiel-Publikum doch als besonders konservativ. Letztendlich ist jedoch alles aufgegangen. Das ein oder andere Buh ist zu hören, als Peter Sellars sich dem Publikum stellt. Alle anderen Künstler werden mit tosendem Schluss-Applaus und Bravo-Rufen verabschiedet – die meisten dürfen Teodor Currentzis und sein MusicAeterna einstreichen. Diese Inszenierung ist ein riesengroßer Erfolg! Spiel, Satz und Sieg Currentzis/Sellars.


CD/DVD Tipp

Currentzis & Mozart


Der amerikanische Theaterregisseur Peter Sellars zeigt bei den Salzburger Sommerfestspielen 2017 seine Neuinszenierung von Mozarts Oper “La Clemenza di Tito” – jedoch mit einer Besetzung, die es so noch nie gab. Gemeinsam mit vier Weltklasse-Sängern der Hauptrollen drehte Peter Sellars einen Film für „Square“: Jeanine de Bique aus Trinidad-Tobago, Golda Schultz aus Südafrika, Sir Willard White aus Jamaika und Russell Thomas aus den USA. Ein Zeitdokument, entstanden in Mozarts Geburts-Stadt, im 21. Jahrhundert!


 

„Heiligenstädter Testament“ – Taubheit und Selbstmordgedanken | Ludwig van Beethoven (1802)

[Musik: „Adagio Cantabile“ der Sonate für Klavier und Violine Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2, (1802)]

Das Heiligenstädter Testament

Das Heiligenstädter Testament ist ein resignativer Monolog des noch relativ jungen Ludwig van Beethoven (getauft 17. Dezember 1770 in Bonn, Kurköln; † 26. März 1827 in Wien, Kaisertum Österreich). Zu Blatt gebracht am 6. und 10. Oktober 1802. Mit hoher Wahrscheinlichkeit im Haus der Probusgasse 6 im 19. Wiener Gemeindebezirk (Beethoven-Museum). Damals jedoch noch Herrengasse 6 im Wiener Vorort Heiligenstadt. Der Grund seines Aufenhalts in Heiligenstadt war eine bekannte Heilquelle. Beethoven erhoffte sich nicht nur Besserung seines Gehörleidens sondern auch seiner ständigen Magen-Darm Probleme samt heftigen Koliken. Obwohl gefaltet und versiegelt wurde der Brief dennoch niemals abgeschickt. Gerichtet ist das Heiligenstädter Testament an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann van Beethoven. Ein wahrlich ergreifendes Dokument. Über Schwächen und den Tod sprechen wir selten. Als gäbe es diese treuen Begleiter des Menschen nicht.  Genauso wird Beethoven nur all zu gern heroisch und wild dargestellt. Wer kennt sie denn nicht, die Bilder mit zersaustem, zu Berge stehendem Haar?!

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Beethoven Wohnung/Museum Heiligenstadt, Probusgasse 6 (Foto: Clemens/CC BY-SA 3.0 at , via Wikimedia Commons)

Widersprüchlich jedoch das Heiligenstädter Testament. Das Zeugnis eines von Selbstzweifel geplagten Menschen. Aufgrund des fortschreitenden Gehörleidens von der Gesellschaft isoliert. Dem Wunschbild der Öffentlichkeit nicht entsprechend. Von Gottes Gnaden im Stich gelassen. Der drohende Gehörverlust schien unaufhaltbar. „O ihr Menschen die ihr mich für feindselig, störrisch oder misantropisch haltet oder erkläret, wie Unrecht tut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen„. Mit diesen Worten beginnt Beethoven seinen Monolog. Wie wir diesen ersten Zeilen entnehmen können begannen die ersten Gehörprobleme bereits im Jahr 1796. Das Gehörleiden zeigte sich um 1802 durch ein ständiges Rauschen (Tinnitus) und Hörprobleme im hohen Frequenzbereich.

„Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück“

Und so kam es, bestimmt auch geplagt von Depressionen, dass Ludwig van Beethoven, der große Revolutionär, mit dem Gedanken spielte seinem Leben ein Ende zu setzen. „Aber welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte und ich auch nichts hörte. Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung: es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. – Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.“ schreibt er am 6. Oktober 1802 im an seine beiden Brüder gerichteten Heiligenstädter Testament.

Jedoch mögen wir es ihm verübeln? Versetzen wir uns doch mal in seine Lage. Als Klaviervirtuose gefeiert und auf seinem Höhepunkt. Als Komponist auf bestem Wege dahin. Die ersten Skizzen seiner revolutionären 3. Sinfonie (Eroica) sind bereits im Entstehen. Zwanzig seiner insgesamt 32 Klaviersonaten hatte er zu diesem Zeitpunkt schon komponiert. Darunter bereits so bekannte Werke wie die Klaviersonaten Nr. 8 „Pathetique“, Nr. 14 „Mondscheinsonate“ und Nr. 17 „Der Sturm“. Später einmal wird der deutsche Klaviervirtuose, Dirigent und Komponist Hans von Bülow diese 32 Klaviersonaten als das „Neue Testament der Klavierliteratur“ bezeichnen. Im Wiener Gesellschaftsleben bestens integriert. In Fürst Lichnowsky hat er nicht nur einen Förderer sondern auch einen Freund gefunden. Dies jedoch schien das Ende. Denn sollte das jemals an die Öffentlichkeit gelangen wäre womöglich seine ganze Existenz gefährdet. Ein Pianist, Klavierlehrer und Komponist der sein Gehör verliert. Wie würde die Öffentlichkeit auf so etwas reagieren? Deshalb bat Beethoven alle Eingeweihten seines engsten Freundeskreis‘ um allergrößte Diskretion. Vorerst sollte so wenig wie nur irgendwie möglich an die Öffentlichkeit gelangen.

Heiligenstädter Testament (Ludwig van Beethoven, 1802) | Klassikpunk
Das Heiligenstädter Testament (Original Seite 1)
Heiligenstädter Testament (kompletter Text)
für meine Brüder Carl und {Leerraum} Beethowen

 

O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten dazu war ich immer aufgelegt, aber bedenket nur daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hofnung gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem überblick eines daurenden Übels <das> (dessen Heilung vieleicht Jahre dauren oder gar unmöglich ist) gezwungen, mit einem feurigen Lebhaften Temperamente gebohren selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, muste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen, wollte ich auch zuweilen mich einmal über alles das hinaussezen, o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör’s dann zurückgestoßen, und doch war’s mir noch nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub, ach wie wär es möglich daß ich <da> die Schwäche eines Sinnes angeben sollte, der bey mir in einem Vollkommenern Grade als bey andern seyn sollte, einen Sinn denn ich einst in der grösten Vollkommenheit besaß, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige von meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben – o ich kann es nicht, drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte, doppelt Wehe thut mir mein unglück, indem ich dabey verkannt werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesellschaft, feinere unterredungen, Wechselseitige Ergießungen nicht statt haben, ganz allein fast nur so viel als es die höchste Nothwendigkeit fodert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen, wie ein Verbannter muß ich leben, nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit, indem ich befürchte in Gefahr gesezt zu werden, meine[n] Zustand merken zu laßen – so war es denn auch dieses halbe Jahr, was ich auf dem Lande zubrachte, von meinem Vernünftigen Arzte aufgefodert, so viel als möglich mein Gehör zu schonen, kamm er <mir> fast meiner jezigen natürlichen Disposizion entgegen, obschon, Vom Triebe zur Gesellschaft manchmal hingerissen, ich mich dazu verleiten ließ, aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben – nur sie die Kunst, sie hielt mich zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben – wahrhaft elend, einen so reizbaren Körper, daß eine etwas schnelle Verändrung mich aus dem Besten Zustande in den schlechtesten versezen kann –Geduld – so heist es, Sie muß ich nun zur führerin wählen, ich habe es – daurend hoffe ich, soll mein Entschluß seyn, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen, vieleicht geht’s besser, vieleicht nicht, ich bin gefaßt – schon in meinem 28 Jahre gezwungen Philosoph zu werden, es ist nicht leicht, für den Künstler schwere[r] als für irgend jemand – Gottheit du siehst herab auf mein inneres, du kennst es, du weist, dasß menschenliebe und neigung zum Wohlthun drin Hausen, o Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, daß ihr mir unrecht gethan, und der unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden, der troz allen Hindernissen der Natur, doch noch alles gethan, was in seinem Vermögen stand, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden – ihr meine Brüder Carl und , sobald ich Tod bin und Professor schmid lebt noch, so bittet ihn in meinem Namen, daß er meine Krankheit beschreibe, und dieses hier geschriebene Blatt füget ihr dieser meiner Krankengeschichte bey, <zu> damit wenigstens so viel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde – zugleich erkläre ich euch beyde hier für <meine> die Erben des kleinen Vermögens, (wenn man es so nennen kann) von mir, theilt es redlich, und vertragt und helft euch einander, was ihr mir zuwider gethan, das wist ihr, war euch schon längst verziehen, dir Bruder Carl danke ich noch in’s besondre für deine in dieser leztern spätern Zeit mir bewiesene Anhänglichkeit, Mein Wunsch ist, daß <ich> euch ein bessers sorgen<volleres>loseres Leben, als mir, werde, emphelt euren <nach> Kindern Tugend, sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld, ich spreche aus Erfahrung, sie war es, die mich selbst im Elende gehoben, ihr Danke ich nebst meiner Kunst, daß ich durch keinen selbstmord mein Leben endigte – lebt wohl und liebt euch; – allen Freunden danke ich, besonders fürst Lichnovski und P[r]ofessor schmidt – die Instrumente von fürst L.[ichnowsky] wünsche ich, daß sie doch mögen aufbewahrt werden bey einem von euch, doch entstehe deswegen kein Streit unter euch, sobald sie euch aber zu was nüzlicherm dienen können, so verkauft sie nur, wie froh bin ich, wenn ich auch noch unter meinem Grabe euch nüzen kann – so wär’s geschehen – mit freuden eil ich dem Tode entgegen – kömmt er früher als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunst-Fähigkeiten zu entfalten, so wird er mir troz meinem Harten Schicksaal doch noch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen – doch auch dann bin ich zufrieden, befreyt er mich nicht von einem endlosen Leidenden Zustande? – Komm, wann du willst, ich gehe dir muthig entgegen – lebt wohl und Vergeßt mich nicht ganz im Tode, ich habe es um euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an euch gedacht, euch glücklich zu machen, seyd es –

 

Ludwig van Beethowen

 

Heiglnstadt am 6ten october 1802

 

für meine Brüder Carl und nach meinem Tode zu lesen und zu vollziehen –

 

Heiglnstadt am 10ten oktober 1802 – so nehme ich den Abschied von dir – und zwar traurig – ja dir geliebte Hofnung – die ich mit hieher nahm, wenigstens bis zu einem gewissen Punkte geheilet zu seyn – sie muß mich nun gänzlich verlassen, wie die blätter des Herbstes herabfallen, gewelkt sind, so ist – auch sie für mich dürr geworden, fast wie ich hieher kamm – gehe ich fort – selbst der Hohe Muth – der mich oft in den Schönen Sommertägen beseelte – er ist verschwunden – o Vorsehung – laß einmal einen reinen Tag der Freude mir erscheinen – so lange schon ist der wahren Freude inniger widerhall mir fremd – o wann – o Wann o Gottheit – kann ich im Tempel der Natur und der Menschen ihn wider fühlen – Nie? – nein – o es wäre zu hart

Violinsonate Nr. 7 in c-Moll (1802)

Zur musikalischen Untermalung dient uns der 2.Satz dieser um 1802 fertig gestellten Violinsonate Nr. 7 in c-Moll, op. 30 Nr. 2. Es ist die mittlere von insgesamt drei Violinsonaten die mit der Opuszahl 30 herausgegeben wurden. Die Schaffensphase dieser Sonate dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Zeit des Heiligenstädter Testaments fallen. Dieser wunderschöne und etwas melancholische 2.Satz, ein Adagio Cantabile, gibt meines Erachtens bestens diese Stimmung wider.

Für mich ist Beethoven sowieso der Meister der langsamen Sätze. Jedoch möchte ich das nicht so in den Raum werfen ohne natürlich auch seinen berühmten Vorgänger Wolfgang Amadeus Mozart zu erwähnen. Mozart, der große Meister der Melodien, steht hier selbstverständlich um nichts hinten nach. Diese beiden größten Komponisten der Wiener Klassik und der Geschichte miteinander zu vergleichen ist jedoch fast unmöglich. Zu verschieden sind sie. Dennoch rühren mich Beethovens langsame Sätze nicht selten beinahe zu Tränen. Hierbei unbedingt erwähnen möchte ich das Largo des Klavierkonzerts Nr. 3 in c-Moll, op. 37 und des Tripelkonzert in C-Dur, op. 56. Oder das Adagio des Klavierkonzerts Nr. 5 in Es-Dur, op. 73. Die Tiefe und Schönheit dieser Musik in Worte zu fassen ist jedoch nur sehr schwer möglich. Einfach an – und vor allem wirklich zuhören! Denn es ist keine verlorene Zeit sondern eine wahre Wohltat für jede menschliche Seele.

Ludwig van Beethoven – Der Revolutionär

Selbstverständlich ist Beethoven auch oder besser vor allem als Revolutionär in die Musikgeschichte eingegangen. Denn er hat ständig neue Tore aufgestoßen. Immerfort wollte er ausbrechen aus dem Gefängnis der alten musikalischen Sitten und Gebräuche. Die Regeln brechen. Mit der 3. Sinfonie „Eroica“ (1803) wird er in neue Bahnen aufbrechen. Mit seinen Sinfonien Nr. 5 und Nr. 9 „Ode an die Freude“ (1824) letztendlich völlig mit der Tradition brechen. Der bisherigen Form und Zusammensetzung einer Sinfonie den Rücken weisen. Mit dem „Fidelio“ (1805), seiner einzigen Oper, wird er für Sänger mit die schwierigste Oper komponieren.

Weitere 12 Klaviersonaten werden noch folgen. Darunter Giganten wie die „Appassionata“, die „Waldsteinsonate“ op. 106  (1818) gefolgt von den letzen drei Klaviersonaten op.  109, op. 110 (1821) und op. 111 (1822) . Er wird den Liederkreis „An die ferne Geliebte“ (1816), die feierliche Messe „Missa Solemnis“ (1823) und seine letzen fünf Streichquartette op. 127, op. 130, op. 131, op. 132 und op. 135 (das letzte Werk) veröffentlichen. Er wird die Tür noch sehr weit aufstoßen und seinen Nachfolgern den Weg zur Romantik ebnen. Schubert und seinen Klaviersonaten. Den großen Instrumentalisten Berlioz, Brahms und Mahler Inspiration für deren Sinfonien sein. Ohne Beethoven unvorstellbar.

Vor allem ist er ein großer Rhythmiker. Nehmen wir nur seine 5. Sinfonie. Das berühmte „Ta, ta, ta, taaaa!!“ Das ist doch keine Melodie. Das sind einfach 4 Noten. Und auf diesen 4 Noten baut er den ganzen 1. Satz auf. Selbst wenn er eine romantische Melodie einstreut erinnert er uns ständig an diese 4 Noten. Reibt sie uns latent immer wieder unter die Nase. Bedrohlich aber leise im Hintergrund. Ta ta ta ta. Damit wir sie unter keinen Umständen vergessen. Und fährt uns dann überraschend mit voller Lautstärke wieder drüber wie mit einer Dampflok – Ta, ta, ta, taaaa!!

Warum erwähne ich all das? All das hätten wir heute nicht zur Verfügung hätte er bereits vor 1802 den frühzeitigen Freitod gewählt. Ganz zu schweigen wie sich die Musik nach ihm entwickelt hätte. Gäbe es Brahms und Mahlers Sinfonien in der uns bekannten Form? Zu wissen woher all diese Energie und schöpferische Kraft kam sollte uns doch etwas ehrfürchtig werden lassen. Vor einem Mann der seinem Leben bereits früh ein Ende setzen wollte. Vom Schicksal mehr als schwer gebeutelt. Zum Ende hin völlig taub. Die meisten seiner großen späten Meisterwerke hat er uns in völliger Taubheit geschenkt. So etwas konnte er nur weil er geschult war und alles im „inneren Ohr hören“ konnte. Seinem Geist. In seiner Vorstellungskraft.

Im Angesicht des großen Meister und dessen himmlischen Töne verbleibe ich in Demut-

Euer Klassikpunk

Adagio des Klarinettenkonzert in A-Dur | W. A. Mozart (1791)


Hallo meine lieben Freunde der schönen, gepflegten Musik.

Den heutigen Eintrag widme ich einem der größten Komponisten aller Zeiten – Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791).  Ich habe lange überlegt ob ich schon so zeitig mit Mozart fortfahren soll, denn er ist einer der Komponisten, der am schwersten zu erfassen und zu verstehen ist – zumindest ich habe diese Erfahrung gemacht. Es hat seine Zeit gedauert bis das große Genie und meine Wenigkeit zu Freunden wurden. Mozart ist entgegen der weitläufigen Meinung für Einsteiger weniger geeignet. Zumindest große Teile seines Oeuvre. Dennoch sind viele seiner langsamen Sätze von so bezaubernder Schönheit, dass sie keinem Menschen vorenthalten werden dürfen.

Wolfgang Amadeus Mozart, Portrait zur Zeit des Klarinettenkonzert in A-Dur, KV 622
Wolfgang Amadeus Mozart, Portrait (1790)

Adagio des Klarinettenkonzert in A-Dur

Anfang November 1791 verschlechterte sich Mozarts Gesundheitszustand erheblich. 4 Wochen später ist Wolfgang Amadeus Mozart tot – am 5. Dezember 1791 verstirbt der Gottbegnadete in Wien. Das Klarinetten-Konzert dürfte Mitte Oktober bis Mitte November des Jahres fertiggestellt worden sein. Vom 1. Satz liegen Entwürfe aus dem Jahr 1787 vor. Einem Brief an seine geliebte Ehefrau Constanze kann man jedoch entnehmen, dass der 2. und 3. Satz, das Adagio und das Rondo, mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz vor seinem Tod fertig gestellt wurden:

„Dann liess ich mir durch Joseph den Primus rufen und schwarzen koffé hollen,
wobey ich eine herrliche Pfeiffe toback schmauchte; dann Instrumentirte ich fast das ganze Rondó vom Stadtler.“

Wien, am 7./8. Oktober 1791,
freytag um halb 11 Uhr Nachts

Anton Paul Stadtler war Mozarts Lieblings- Klarinettist, der den Solopart spielen sollte. Etliche Musikstücke wurden gezielt bestimmten Solisten (Geigern, Pianisten etc) auf den Leib „geschneidert“.

Beeindruckend ist, dass Mozart trotz seiner schwierigen Situation – prekäre wirtschaftliche Lage und miserabler Gesundheitszustand – zu Ende seines kurzen Lebens, Hoffnung und positive Gedanken schöpfen konnte. Und das konnte er gewiss! Jemand der des Lebens verdrossen, ohne jegliche Hoffnung, der wäre nicht im Stande, Musik von derart himmlischer Schönheit, Unschuld und Reinheit zu komponieren! Friedliche Musik, die Hoffnung und inneren Frieden verströmt. Der Klang der Resignation klingt definitiv anders! Mag es daran liegen, dass Mozart seit geraumer Zeit, Freundschaft und Frieden geschlossen hat mit dem „wahren besten Freunde des Menschen“ – dem Tod? Bereits 1787 schreibt er in einem letzten Brief an seinen Vater Leopold, der kurz darauf verstirbt, folgende tröstende Worte voller Optimismus und aufrichtiger Ehrfurcht:

 

„Mon tres cher Pere!

da der Tod, genau zu nemmen, der wahre Endzweck unsers lebens ist, so habe ich mich seit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes! und ich danke meinem gott, daß er mir das glück gegönnt hat mir die gelegenheit – sie verstehen mich – zu verschaffen, ihn als den schlüssel zu unserer wahren Glückseeligkeit kennen zu lernen.

ich lege mich nie zu bette ohne zu bedenken, daß ich vielleicht – so Jung als ich bin – den andern Tag nicht mehr seyn werde – und es wird doch kein Mensch von allen die mich kennen sagn können daß ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre – und für diese glückseeligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie vom Herzen Jedem meiner Mitmenschen.“

Wien, den 4. April 1787

Das komplette Klarinettenkonzert A-Dur, KV 622

Treffender kann man das Klarinetten-Konzert nicht umschreiben als der Kammermusikführer:

Über die Schönheit des Konzerts sich zu verbreiten, ist müßig. Die Synthese aus Cantabile, “ausdrückendem” Passagenwerk und “sprechenden” Themen in der Solostimme ist so vollkommen, der Dialog mit dem Orchester so subtil, der Stil des späten Mozart so ausgeprägt, dass sich eine Beschreibung erübrigt.