Currentzis riskiert und gewinnt | Salzburger Festspiele (2017)

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
(© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Salzburger Festspiele 2017, „La Clemenza di Tito“, Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Regie: Peter Sellars

Tito Russel Thomas
Sesto Marianne Crebassa
Vitellia Golda Schultz
Servilia Christina Gansch
Annio Jeanine de Bique
Publio Williard White


Mit einer Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts letzter Oper „La Clemenza di Tito“ fordern die Salzburger Festspiele weiterhin ihre führende Rolle in der Klassischen Musik-Welt. Das muss im erfolgsverwöhnten Salzburg auch der Anspruch sein – für Mittelmaß darf hier kein Platz sein. Mit diesem „Titus“ sorgt die renommierte Festspielstadt für Aufsehen!

in seiner ersten Saison wagte der neue Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser Mutiges. Mit dem glorreichen Engagement von zwei außergewöhnlichen Persönlichkeiten, war von vornherein klar: diese Inszenierung wird mit Sicherheit weit über das Gewöhnliche hinausschießen. Bereits 2012 arbeiteten der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis und der us-amerikanische Star-Regisseur und ausgewiesene Mozart-Spezialist Peter Sellars gemeinsam an einem Projekt. In Salzburg inszeniert das extravagante Duo jedoch zum ersten mal.

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017, Hinterhäuser, Currentzis, Peter Sellars | Klassikpunk
Intendant Hinterhäuser, Dirigent Currentzis und Regisseur Peter Sellars (© Salzburger Festspiele / Anne Zeuner)

„Mozart ist der große Komponist der Versöhnung“

Laut Regisseur Peter Sellars passt „La Clemenza di Tito“ perfekt in die gegenwart: das dramatische Werk handelt von Macht, Liebe, Freundschaft, Verrat, Gewalt, Intrige, Güte und  Vergebung. „Gnade und Versöhnung sind heutzutage wichtiger denn je zuvor. Wie können wir in einer Zeit des Konflikts zusammenleben?„, wirft Sellars die Frage in den Raum und beantwortet sie zugleich: nur durch Vergebung sei es möglich die Welle der Gewalt zu beenden und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. „Mozart ist der große Komponist der VersöhnungJede Mozart Oper, nicht nur „La Clemenza di Tito“, endet mit Vergebung und Versöhnung“, fügt er des weiteren hinzu.

In seiner sozialkritischen Regie thematisiert und verarbeitet Sellars zwei brandaktuelle und brisante Themen, die uns in der Medienlandschaft täglich verfolgen: Flüchtlingswelle und Terrorismus.

All das schaffen er und sein Team mit einem minimalistischen Bühnenbild. Lediglich einige Säulen dienen als optischer Hingucker und werden bei Bedarf automatisiert in den Bühnenboden versenkt oder hochgefahren. Mal sind sie ein Abbild der zerstörten, syrischen Stadt Aleppo, mal funkeln sie im Stil moderner Hochhaus-Glasfassaden. Weitere Requisiten: zwei Absperrgitter, einige Kerzen, ein bereits Festspiel erprobtes Krankenbett, eine Sprengstoff-Attrappe  und Goldbarren. Für die restliche Bühnen-Dramaturgie sorgen teils junge Hauptdarsteller und der brillante MusicAeterna Chor, der gesanglich und schauspielerisch mit einer Glanzleistung überzeugen kann.

MusicAeterna

Teodor Currentzis hat das Ensemble MusicAeterna eigens im Jahr 2004 aus der Taufe gehoben. Es besteht nicht nur aus dem fabelhaften Chor, sondern auch einem grandiosen Orchester, das bei dieser mutigen Inszenierung für die erstklassige Beschallung der Felsenreitschule sorgt. Im weit entfernten russischen Perm, 1100 km östlich von Moskau , wo Currentzis seit 2011 die musikalische Leitung der Oper innehat, schart er das Ensemble um sich, um akribisch und detail-versessen an seinen klar definierten Ideen und Zielen zu feilen – mit historischen Instrumenten des 18. Jahrhunderts. Der gebürtige Grieche mit russischem Pass ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich – nicht nur in seiner künstlerischen Interpretation und seiner ausufernden Arbeitsmoral, sondern auch in seinem Auftreten, das einem Indie-Rock-Star eher gleicht als einem Dirigenten Klassischer Musik.

Gleich zu Beginn der infernalen Aufführung macht Currentzis eines klipp und klar: die Tempi werden bei dieser Inszenierung alles andere als gewöhnlich ausfallen. Bereits mit der nervös dargebotenen Ouvertüre, peitscht er sein Ensemble in einem Höllentempo durch die Salzburger Felsenreitschule, als gäbe es kein morgen mehr. Es wird nicht das einzige mal bleiben, dass er die Tempi entweder hurtig beschleunigt oder beinahe zum Stillstehen bringt. Damit sorgt der gebürtige Grieche für atemberaubende Momente, ungeheure Spannung als auch entspannende Erleichterung. Eine Wellen-Ritt der Gefühle.

Die Szenerie zu Beginn des 1. Akts wird dem regelmäßigen TV-Seher bestimmt bekannt sein: eine größere Menschenmenge, Frauen als auch Männer, wird von zwei Polizei-Beamten, hinter Absperrgittern in Zaum gehalten. Das Maschinengewehr drohend im Anschlag. Viele Frauen mit Kopftuch. Tito, der Milde (La Clemenza), schenkt zwei Flüchtlingen die Freiheit: Servilia und Sesto. Dem Kenner der Oper schießt eine Redewendung in den Kopf, die den Rest der Vorstellung wie ein Damoklesschwert über der Szenerie hängen wird: Beiße nicht die Hand, die dich füttert! Denn Sesto wird am Ende des 1. Akts seinen wohlwollenden und gütigen Retter eigenhändig ermorden.

Nicht nur die Titelpartie des Tito, gespielt vom US-Amerikaner Russel Thomas, sondern weitere drei Hauptakteure haben schwarz-afrikanische Wurzeln: Golda Schultz als Vitellia, Jeanine de Bique als Annio und Williard White, der mit seiner enormen Bühnenpräsenz einen glaubwürdigen Geheimdienstchef Publio gibt. Nicht alle 4 Sänger überzeugen zur Gänze.

Russel Thomas gibt einen soliden aber keinen glänzenden Tito. Bei den Arien, die er im Krankenbett liegend vortragen muss,  wird klar ersichtlich, dass er im hohen Register schwer zu kämpfen hat. An einen Michael Schade oder andere Tenöre, die in dieser Rolle brillieren konnten, kommt er nicht heran. Golda Schultz als Vitellia zeigt keine Schwächen – ein gelungener Auftritt der 34-jährigen Südafrikanerin.

Eine sehr gute Servilia gibt die Österreicherin Christina Gansch, die mit Currentzis und seinem MusicAeterna bereits an der Permer Oper einen viel umjubelten, konzertanten „Don Giovanni“ auf CD eingespielt hat. Enorme Bühnenpräsenz, unbekümmertes Auftreten und ein solider Gesang, der noch nicht ganz auf dem Niveau ihrer grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten angelangt ist. Noch nicht! Der 27 Jährigen stehen jedoch alle Türen offen. Über Currentzis‘ viel zitierte Detailversessenheit und Akribie sagt sie mit strahlendem Gesicht: „Es kann sein dass er manchmal zwanzig, dreißig mal den selben Takt neu aufnehmen lässt. Doch genau das macht auch seinen besondern Ton aus!“

Zwei Mezzos rocken den Abend

Die junge Mezzo-Sopranistin Jeanine de Bique feiert als Annio einen großen Erfolg. Im Duett mit Sesto ist ihre Stimme kaum zu hören, jedoch darf man sie nicht nur an der Lautstärke messen. Im Kyrie der Großen c-Moll Messe, welches Currentzis zu Beginn des 2. Akts frei einbaut, singt sie die Solopartie. Darauf folgend überzeugt sie mit der Arie „Torna di Tito al Lato“. Zwar zeigt die, in Trinidad und Tobago geborene Künstlerin, kleine Schwächen im unteren Register und bei den Koloraturen, insgesamt bietet sie dennoch eine ergreifende Vorstellung. Wer schwindelerregende  Koloraturen und schrille Töne erwartet, der wird enttäuscht werden – ihre Stimmfarbe klingt jedoch sehr warm, weich und angenehm. Ein etwas dunklerer Mezzo. Ausbaufähig aber mit dem gewissen Etwas.

Die beste Vorstellung des Abends liefert jedoch eindeutig die junge französische Mezzo-Sopranistin Marianne Crebassa als Sesto. Ihre Stimme ist kräftig, sicher und sehr klar – sowohl im unteren als auch im oberen Register. Niemals hat man das Gefühl als müsse sie an ihre Grenzen gehen. Ihr Timbre geht unter die Haut. Die Koloraturen sind ein Genuss.

Ihre Arie „Parto, ma tu, ben mio“ wird zum Höhepunkt des Abends. Nicht nur gesanglich, sondern auch in der optischen Umsetzung. Ein erheblicher Teil des frenetischen Szenenapplaus‘ gilt mit Sicherheit der Regie und der musikalischen Leitung, denn Sellars und Currentzis holen die Klarinette aus der Anonymität des Orchestergrabens, hoch auf die Bühne. Jedem Zuseher wird klar, dass er einem speziellen Moment erleben darf: den musikalischen Dialog zwischen Gesangsstimme und Klarinette. Wolfgang Amadeus Mozart hat diesen besonderen Moment seinem Lieblings-Klarinettisten Anton Stadler gewidmet, dem er auch sein Klarinettenkonzert auf den Leib schneiderte. Mit dem extrem langsamen Tempo inklusive einiger Generalpausen, erschaffen Currentzis und sein Ensemble eine atemberaubende Atmosphäre. Eine großartige Idee! Gänsehaut!

La Clemenza di Tito, Salzburger Festspiele 2017 | Klassikpunk
Ein Höhepunkt – Die Sesto Arie „Parto, ma tu, ben mio“ | Marianne Crebassa (Sesto), Florian Schuele (Klarinette) | (© Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Ein neuer Stern am Klassikhimmel

In Russland schon länger ein gefeierter Star, avanciert Teodor Currentzis, mit seinem Debüt bei den Salzburger Festspielen, auch in Mittel-Europa zum umjubelten Publikumsliebling. Neben „La Clemenza di Tito“ konnte er das Salzburger Publikum in diesem Festspielsommer bereits mit dem Mozart „Requiem“ begeistern.

„La Clemenza di Tito“, die letzte Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, eine Opera Seria,  wird im Vergleich zu den „Da Ponte Opern“ relativ selten auf die Bühne gebracht – zu unrecht! Selbst an der ehrwürdigen Wiener Staatsoper wurde der „Tito“ bis jetzt nur ungefähr zwei Dutzend mal aufgeführt.

An diesem Abend machen Currentzis und Sellars sofort klar welche Message sie mit dieser Inszenierung vermitteln wollen: „Titus“ ist in der westlichen Welt der Gegenwart angekommen. Einer Zeit, geprägt von Flüchtlingen und Terroranschlägen. Die beiden haben sich intensiv mit Mozart und dieser Oper auseinandergesetzt. Mit ihrer Inszenierung wollen sie ein gewaltiges Statement setzen. Der Zuseher soll nicht nur oberflächlich unterhalten werden, nein, nach dem der letzte Ton verklungen ist, soll dieser „Titus“ noch lange in seinen Gedanken herumgeistern. Diese Inszenierung soll den Besucher so schnell nicht in Ruhe lassen.

Realpolitisch konnte die Kunst zwar noch nie viel verändern, trotzdem ist und war es ihre Aufgabe zumindest zum Nachdenken zu animieren. Dieses Unterfangen ist mit diesem „La Clemenza di Tito“ gelungen!

Zwischen Grenzgang und Selbstinszenierung

Es werden jedoch einige Fragen laut. Ist es erlaubt so stark in das Libretto und in die Partitur einzugreifen? Ist es erlaubt die Tempi dermaßen zu verändern? Dürfen andere Werke in die Oper eingebaut werden? Neben dem Kyrie und Benedictus der Großen c-Moll Messe (KV 427) verarbeiten die beiden noch das Adagio und Fuge in c-Moll (KV 546),  das während Sestos Vorbereitungen des Anschlags als musikalische Untermalung dient. Zum Schluss, bei Titos Suizidversuch, erklingt die Maurerische Trauermusik

Des weiteren streichen Currentzis und Sellars einen erheblichen Teil der Secco-Rezitative. Die Begründung: Mozart habe sie im Zeitstress an seinen Schüler Franz Xaver Süßmayr delegiert und deren Qualität seien unbefriedigend, weshalb der Meister höchstpersönlich genau so verfahren würde.

Die Antwort auf diese Fragen ist eine einfache zweifache. Grundsätzlich ist in der Kunst vieles erlaubt. Sie ist frei. Letztendlich entscheidet noch immer das Publikum. Es besteht jedoch immer die Gefahr, dass solche Grenzgänge, zu weit gehen. Die Selbstinszenierung Überhand gewinnt und das Originalwerk in den Hintergund rückt. Dann ist die Grenze zur Geschmacklosigkeit nicht mehr weit. Zwischen Kitsch und Genialität liegt oftmals nur ein kleiner Schritt.

Gewinner des Abends sind dennoch Teodor Currentzis und sein MusicAeterna Ensemble. Mit diesen erfolgreichen Auftritten in Salzburg wurden sie endgültig in den Ritterstand gehoben – sie sind in der Champions-League angelangt.

Des weiteren Marianne Crebassa als „Sesto“ und die dunkelhäutige Jeanine de Bique als „Annio“.

Vereinzelt gibt es Schwächen bei den Sängern, doch in Summe ist dies ein sehr erfrischender „Titus“. Die farbenfrohe Besetzung, der teilweise jungen Hauptcharaktere, war ein etwas gewagtes Unterfangen, gilt das Salzburger-Festspiel-Publikum doch als besonders konservativ. Letztendlich ist jedoch alles aufgegangen. Das ein oder andere Buh ist zu hören, als Peter Sellars sich dem Publikum stellt. Alle anderen Künstler werden mit tosendem Schluss-Applaus und Bravo-Rufen verabschiedet – die meisten dürfen Teodor Currentzis und sein MusicAeterna einstreichen. Diese Inszenierung ist ein riesengroßer Erfolg! Spiel, Satz und Sieg Currentzis/Sellars.


CD/DVD Tipp

Currentzis & Mozart


Der amerikanische Theaterregisseur Peter Sellars zeigt bei den Salzburger Sommerfestspielen 2017 seine Neuinszenierung von Mozarts Oper “La Clemenza di Tito” – jedoch mit einer Besetzung, die es so noch nie gab. Gemeinsam mit vier Weltklasse-Sängern der Hauptrollen drehte Peter Sellars einen Film für „Square“: Jeanine de Bique aus Trinidad-Tobago, Golda Schultz aus Südafrika, Sir Willard White aus Jamaika und Russell Thomas aus den USA. Ein Zeitdokument, entstanden in Mozarts Geburts-Stadt, im 21. Jahrhundert!


 

Ein denkwürdiges Ereignis (I) | Grigory Sokolov Konzert (2016)

[ Mozart, Klaviersonate Nr. 14 in c-Moll KV 457 (Grigory Sokolov)]

Grigory Sokolov – ein lebender Gigant

Heute möchte ich euch gerne teilhaben lassen am ersten Teil eines Grigory Sokolov (* 18. April 1950 in Leningrad) Konzertberichts. Den ich schon vor einiger Zeit anderswo in einem Forum verfasst hatte. Einige Tage nachdem Wien Konzert vom 7.12.2016 im Großen Saal des Wiener Konzerthaus. Ich übernehme den Bericht beinahe 1 zu 1. Jedoch beginnt er wie folgt er mit einer Antwort auf die Frage eines Users:

Grigory Sokolov
Grigory Sokolov (Foto: WIkimedia Commons/ Martin Fleck [CC BY-SA 4.0] )
Ich wollte dir schon früher antworten bin aber ziemlich eingespannt. Und mit einem einfachen „Super“ will ich dieses einzigartige Erlebnis nicht abtun und der Belanglosigkeit preisgeben. Hierfür ist dieser Pianist einfach zu einzigartig! Ich stelle ihn auf ein Plateau neben Evgeny Kissin und Arcadi Volodos. Auch wenn sie alle völlig unterschiedliche Qualitäten haben möchten, entspringen sie doch alle der russischen Schule. Wenn ich die schon verstorbenen Giganten dieser Schule hinzuzähle dann kann ich definitiv behaupten dass mich irgendetwas an deren Art das Klavier zu spielen schwer beeindruckt.

Sokolov und Mozart – ein zwiespältiges Erlebnis

Zu viel getrödelt und erst zum offiziellen Beginn im Konzerthaus eingetrudelt. Deshalb samt Jacke und Schal in den Saal gehetzt, nur um zu erkennen, dass ein erheblicher Teil der Besucher noch nicht einmal Platz genommen hatte. Der große Saal des Wiener Konzerthaus war selbstverständlich ausverkauft. Bis zum letzten Platz haben sie den Saal vollgerammelt. Sogar Stühle auf dem Konzertpodium. Das konnte ich zuvor der homepage entnehmen.

Die erste Hälfte des Rezitals widmet er Wolfgang Amadeus Mozart. Der Meister betritt das Podium. Keine Lust über Belanglosigkeiten wie Aussehen und Auftreten zu schreiben. Die ersten Töne erklingen und ich denke mir nur: „Heilige Scheiße ist das leise. Bin ich froh in Reihe 6 zu sitzen“. Nie wieder mache ich den Fehler mir ein Klavier Rezital in einem der beiden großen Wiener Säle aus den hinteren Reihen anzuhören. Wenn möglich! Um ehrlich zu sein eine eigene, gewöhnungsbedürftige Interpretation! Vor allem in den schnelleren Sätzen. Für meinen Geschmack vertragen Mozarts schnelle Sätze etwas mehr Humor. Zusätzlich herrscht sehr viel Unruhe im Saal. Wie immer zu anfangs. Einige stechen besonders negativ hervor und husten um die Wette. Ich möchte sie alle am liebsten eigenhändig vor die Tür setzen. Und um ehrlich zu sein, würde ich durch diese Aktion nicht den Pianisten stören, würde ich es auch machen! Ich hab die Nase voll von egoistischen Besuchern und/oder Langweilern, die nur von ihren Partnern mitgeschleppt werden, weil diese aufgrund von sozialen Zwängen nicht in der Lage sind einem solchen Ereignis alleine beizuwohnen. Krank lass ich noch eher gelten. Diesen Unterschied hört man jedoch.

Es zeigt aber auch wieder ganz deutlich wie schwer es ist einem Mozart zu folgen, vor allem wenn er noch dazu humorlos vorgetragen wird. Zusätzlich setzt mitten drin in einer kurzen Atempause, ich weiß nicht mehr genau wo, Applaus ein, weil einige Besucher denken das Werk sei zu Ende. So vergehen im Grunde zwei Mozart’sche Werke (Sonate KV 545 „Facile“ & Fantasie KV 475) ohne diese wirklich fassen zu können. Ist aber oft so. Ich denke dem Pianisten geht es da oft nicht anders.

Ein denkwürdiges Zusammentreffen

Erst bei der c – Moll Sonate KV 457 fängt er mich. Dann überhöre ich auch gelegentliches Husten. Es rückt weit aus meinem Focus. Genau diese Moment suche ich. Immer. Für mich besteht solch ein Rezital nicht aus belanglosem Zuhören, sondern im besten Fall aus einem Ganzkörpererlebnis. Merkwürdiges ereignet sich. Während dem Adagio verändert sich plötzlich das Licht im Saal (das Licht wird bei Sokolov Konzerten generell stark verdunkelt). Im nächsten Augenblick sehe ich Mozart vor meinem geistigen Auge über dem Flügel. Ein etwas kitschiges Bild. Denn auf der rechten Körperseite liegend, den Ellbogen der rechten Hand vor sich am Boden, den Kopf auf die Hand gestützt, schwebt er wie auf einem von einer leichten Windbrise getragenen Blatt hin und her, von oben nach unten und wiederum zurück. Jedoch mit sehr sanften und langsamen Bewegungen. Ein Lächeln auf seinen Lippen lässt ihn beinahe kindlich glücklich erscheinen.

Ich vermag mit Worten nur schwer zu beschreiben welche Töne der 66 jährige Russe seinem Instrument zu entlocken vermag. Jemand, der mit seinem Klavierspiel in der Lage ist für derart einzigartige Erlebnisse zu sorgen, ist mit Worten nicht annähernd zu umschreiben: beeindruckend, ergreifend, phänomenal. Um es doch zu versuchen. Nein, keine Drogen. Total nüchtern. Seltsam geniales Erlebnis.

Sein Anschlag ist einzigartig. Sein Piano ist nur schwer zu umschreiben. So sanft habe ich noch nie einen Ton aus dem Klangkörper des Flügels entweichen hören. Seine Triller sind unerreicht. Seine Anschlag-Technik sehr markant. Seine magischen Hände federn regelmäßig extrem in die Höhe. Weg von der Klaviatur. Als würden sie auf einem Trampolin turnen.

[Fortsetzung folgt………]

Sokolov spielt Bach

Folgendes Video hat nicht viel mit leisen sanften Tönen am Hut, aber beobachtet mal seine Hände. Nur zur Veranschaulichung seiner Technik. Einfach atemberaubend dieser Grigory Sokolov! Hier spielt er energisch aber auch bei leisen Tönen federn seine Finger genauso regelmäßig hoch in die Luft.

Sokolov CD – Mozart und Rachmaninow Konzerte

Dieser Grigory Sokolov ist medial nur schwer greifbar. Er gibt generell sehr wenig Interviews, veröffentlicht extrem selten CDs und betreibt auch sonst kein großes Marketing. Im März 2017 veröffentlichte die Deutsche Grammophon eine der seltenen CDs des Künstlers Sokolov: Mozart / Rachmaninov Concertos. Diese beinhaltet Mozarts Klavierkonzert in A-Dur, KV 488 als auch Rachmaninoffs 3. Klavierkonzert. Einer seiner seltenen Auftritte samt Orchester. Zusätzlich eine DVD mit einem Porträt von Grigory Sokolov „A Conversation That Never Was“.

Grigory Sokolov spielt Mozart und Rachmaninow

 

Adagio des Klarinettenkonzert in A-Dur | W. A. Mozart (1791)


Hallo meine lieben Freunde der schönen, gepflegten Musik.

Den heutigen Eintrag widme ich einem der größten Komponisten aller Zeiten – Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791).  Ich habe lange überlegt ob ich schon so zeitig mit Mozart fortfahren soll, denn er ist einer der Komponisten, der am schwersten zu erfassen und zu verstehen ist – zumindest ich habe diese Erfahrung gemacht. Es hat seine Zeit gedauert bis das große Genie und meine Wenigkeit zu Freunden wurden. Mozart ist entgegen der weitläufigen Meinung für Einsteiger weniger geeignet. Zumindest große Teile seines Oeuvre. Dennoch sind viele seiner langsamen Sätze von so bezaubernder Schönheit, dass sie keinem Menschen vorenthalten werden dürfen.

Wolfgang Amadeus Mozart, Portrait zur Zeit des Klarinettenkonzert in A-Dur, KV 622
Wolfgang Amadeus Mozart, Portrait (1790)

Adagio des Klarinettenkonzert in A-Dur

Anfang November 1791 verschlechterte sich Mozarts Gesundheitszustand erheblich. 4 Wochen später ist Wolfgang Amadeus Mozart tot – am 5. Dezember 1791 verstirbt der Gottbegnadete in Wien. Das Klarinetten-Konzert dürfte Mitte Oktober bis Mitte November des Jahres fertiggestellt worden sein. Vom 1. Satz liegen Entwürfe aus dem Jahr 1787 vor. Einem Brief an seine geliebte Ehefrau Constanze kann man jedoch entnehmen, dass der 2. und 3. Satz, das Adagio und das Rondo, mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz vor seinem Tod fertig gestellt wurden:

„Dann liess ich mir durch Joseph den Primus rufen und schwarzen koffé hollen,
wobey ich eine herrliche Pfeiffe toback schmauchte; dann Instrumentirte ich fast das ganze Rondó vom Stadtler.“

Wien, am 7./8. Oktober 1791,
freytag um halb 11 Uhr Nachts

Anton Paul Stadtler war Mozarts Lieblings- Klarinettist, der den Solopart spielen sollte. Etliche Musikstücke wurden gezielt bestimmten Solisten (Geigern, Pianisten etc) auf den Leib „geschneidert“.

Beeindruckend ist, dass Mozart trotz seiner schwierigen Situation – prekäre wirtschaftliche Lage und miserabler Gesundheitszustand – zu Ende seines kurzen Lebens, Hoffnung und positive Gedanken schöpfen konnte. Und das konnte er gewiss! Jemand der des Lebens verdrossen, ohne jegliche Hoffnung, der wäre nicht im Stande, Musik von derart himmlischer Schönheit, Unschuld und Reinheit zu komponieren! Friedliche Musik, die Hoffnung und inneren Frieden verströmt. Der Klang der Resignation klingt definitiv anders! Mag es daran liegen, dass Mozart seit geraumer Zeit, Freundschaft und Frieden geschlossen hat mit dem „wahren besten Freunde des Menschen“ – dem Tod? Bereits 1787 schreibt er in einem letzten Brief an seinen Vater Leopold, der kurz darauf verstirbt, folgende tröstende Worte voller Optimismus und aufrichtiger Ehrfurcht:

 

„Mon tres cher Pere!

da der Tod, genau zu nemmen, der wahre Endzweck unsers lebens ist, so habe ich mich seit ein Paar Jahren mit diesem wahren, besten freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes! und ich danke meinem gott, daß er mir das glück gegönnt hat mir die gelegenheit – sie verstehen mich – zu verschaffen, ihn als den schlüssel zu unserer wahren Glückseeligkeit kennen zu lernen.

ich lege mich nie zu bette ohne zu bedenken, daß ich vielleicht – so Jung als ich bin – den andern Tag nicht mehr seyn werde – und es wird doch kein Mensch von allen die mich kennen sagn können daß ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre – und für diese glückseeligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie vom Herzen Jedem meiner Mitmenschen.“

Wien, den 4. April 1787

Das komplette Klarinettenkonzert A-Dur, KV 622

Treffender kann man das Klarinetten-Konzert nicht umschreiben als der Kammermusikführer:

Über die Schönheit des Konzerts sich zu verbreiten, ist müßig. Die Synthese aus Cantabile, “ausdrückendem” Passagenwerk und “sprechenden” Themen in der Solostimme ist so vollkommen, der Dialog mit dem Orchester so subtil, der Stil des späten Mozart so ausgeprägt, dass sich eine Beschreibung erübrigt.