Von den „Geistervariationen“ in den Wahnsinn | R. Schumann (1854)

[Robert Schumann,“Geistervariationen“ WoO 24 Thema in Es-Dur mit Variationen (Anny Chen)]

Ein allerletztes musikalisches Vermächtnis

Robert Schumann vor 1856 zur Zeit der Geistervariationen
Robert Schumann vor 1856 (Foto: Wikimedia Commons/Adolf von Wenzel)

Im Frühjahr 1854 beginnt Robert Schumann die Arbeit an seinem letzten veröffentlichten Stück, bevor er sich selbst, zum Schutz seiner geliebten Frau Clara Schumann, in die Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn einliefern lässt. Das Thema mit Variationen Geistervariationen“ wird sein musikalisches Vermächtnis werden. Und was für eines.

Jedoch noch vor der Fertigstellung dieser herzzerbrechenden, verzaubernden Miniaturen, stürzt er sich am 27. Februar 1854, einem Rosenmontag, getrieben von bösen Geistern, mit der Absicht seinem Leben ein Ende zu setzen, in den kalten Rhein. Mitten während seiner Arbeit an diesem Thema samt Variationssätzen. Jedoch retten Passanten ihm das Leben, sodass er bereits am folgenden Tag mit dem Komponieren fortfahren wird. Der „Knick“ zwischen den ersten Stücken (Thema und 4 Variationen) und der letzten Variation (Nr. 5) wird deutlich hörbar, und zeugt höchstwahrscheinlich vom Zeitpunkt des schrecklichen Suizidversuchs.

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen

Schon seit geraumer plagen Robert Schumann schauderhafte Seelenqualen. Es erscheinen ihm Geister. Böse als auch gute. Darunter auch so Musiker Größen wie Franz Schubert und Mendelssohn-Bartholdy. Die beiden sollen laut Schumanns Angaben die wundervollsten Melodien mit im Gepäck haben. Jedoch genauso wird er von grässlichen Tönen zur Verzweiflung gebracht. Bereiten ihm Höllenqualen. Treiben ihn in den Wahnsinn. Clara Schumann notiert am 17. Februar 1854 in ihr Tagebuch:

In der Nacht stand Robert immer wieder auf und schrieb ein Thema, welches ihm die Geister Schuberts und Mendelssohns vorsangen, und über welches er für mich ebenso rührende wie ergreifende Variationen machte.

Doch bereits Tage zuvor verzeichnet Schumann regelmäßig Notiz von seinen stärker werdenden psychischen Leiden. Am 10. Februar notiert er in sein Tagebuch “Abends sehr starke und peinliche Gehöraffektion”.  Bereits zwei Tage darauf am 12. Februar “Noch schlimmer, aber auch wunderbar”. Gefolgt von je einem Eintrag an den nächsten beiden Tagen “wunderbare Leiden” und “Gegen Abend sehr stark (wunderschöne Musik)

Erste Anzeichen des Irrsinns zeigen sich jedoch schon viel früher. Denn bereits in jungen Jahren kämpft Robert Schumann mit seinem Schicksal. Als 1825 seine jüngere Schwester Emilie im Alter von nur 25 Jahren ihrem noch jungen Leben ein Ende setzt, und kurz darauf 1826 der Vater verstirbt, wähnt sich Schumann bereits der Gefahr recht nahe. Entkommt damals jedoch nochmals dem Schrecken. Doch immer wieder zeigen sich gewisse Anzeichen. Vermutlich Zeitlebens bewegt sich Robert Schumann immer wieder nahe dem Abgrund, an der Grenze des Irrsinns.

Dem Wahnsinn nahe ein verständlicher Irrtum?

Doch das von Schuberts Geist vorgesungene Thema der „Geistervariationen“ verwendet Schumann bereits im Jahr zuvor. Im langsamen 2. Satz seines einzigen Violinkonzerts in d-Moll, WoO 23, verarbeitet er dieselbe Melodie.

Am 7. Oktober 1853 spielt er Clara dieses Werk zum ersten mal am Klavier vor. Aber Clara und später auch Johannes Brahms scheinen nicht überzeugt, und so kommt es dass das Violinkonzert erst Jahrzehnte später 1937 unter widrigen Umständen uraufgeführt wird.

Seitdem wird es jedoch weiterhin nur sehr selten dargeboten. Zu Unrecht. „Ein emotional unglaublich tiefschichtiges Werk„, sagt der Violinist Thomas Zehetmair. Hochromantisch. Schwer klagend. Geht unheimlich stark unter die Haut. Schumann wie er leibt und lebt.

[Robert Schumann, Violinkonzert in d-Moll WoO 1, 2. Satz (Joshua Bell)]

 

Mit seinen „Geistervariationen“ schenkt Robert Schumann der Nachwelt einen allerletzten Gruß. Lässt Schumann uns unheimlich nahe am Geschehen dabei sein. Ähnlich einer TV Live-Übertragung. Viel näher noch. Näher können wir einem knapp 160 Jahre alten Ereignis nicht kommen. Mit einer bereits verstorbenen Person viel enger in Verbindung treten , als durch dieses erschütternde aber dennoch bezaubernde Tondokument, ist unmöglich. Nur die Musik ist in der Lage uns dieses Wunder zu bescheren. Im Besonderen die Schumann’sche. Keine noch so intellektuell perfekt geformten Worte mögen dem auch nur annähernd nahe kommen. Keine andere Kunstform diese tiefe emotionale Verbindung herstellen. Zwischen der Schumann’schen Seele und dem Hörer.

Du arme verzweifelte Seele. Du armer getriebener Geist. Welch Qualen musstest du erleiden, um uns mit dieser berührenden Musik zu beschenken. Tausend Dank.

Klassikpunk

 

 

Sechs französische Suiten | Johann Sebastian Bach

[Musik: Allemande aus der Französischen Suite Nr. 2 in c-Moll, BWV 813]

Der kongeniale Meister und Influenzer – Johann Sebastian Bach

Der heutige Eintrag beschäftigt sich mit einem Komponisten, der für viele der bedeutendste aller Zeiten sein dürfte: Johann Sebastian Bach ( 31. März 1685 in Eisenach; † 28. Juli 1750 in Leipzig). Das Bach’sche Werk ragt monumental gegen den unendlichen Himmel. Kein halbwegs seriöser Musikliebhaber würde sich jemals wagen das Ouvre des barocken Musikus‘ auch nur im geringsten zu kritisieren. Sollte sich doch jemand veranlasst fühlen Kritik zu äußern dann doch bitte im stillen Kämmerlein, wo ihn keiner hören kann, denn diese Kritik stünde nicht unweit der Gotteslästerung. Bach ist einfach ein Gott. Er zählt neben Beethoven und Mozart zu den größte Musikgenies aller Zeiten. Er hat nicht nur Beethovens und Mozarts Kompositionen enorm beeinflusst sondern die vieler weiterer erfolgreicher Komponisten. Sein Ruhm und seine Genialität werden für immer und ewig unantastbar bleiben!

Selbstverständlich hat jeder von uns seinen persönlichen Musikgeschmack. Dennoch sollten wir in der Lage sein zwischen persönlichen Vorlieben und der Genialität eines Komponisten unterscheiden zu können. Auch wenn etwas nicht unserem Geschmack entspricht sollten wir dennoch die Großartigkeit einer Komposition erkennen, oder besser noch, anerkennen. Selbst wenn wir dazu nicht in der Lage wären sollten wir dem Urteil unzähliger Musiker und Fachleute Glauben schenken. Es sind deren einfach zu viele um sich zu irren!

Sechs Französische Suiten von Johann Sebastian Bach | Klassikpunk
Johann Sebastian Bach

Sechs Französische Suiten für Cembalo oder Clavichord

Seine 6 französischen Suiten (BWV 812 – 817) komponierte Johann Sebastian Bach in den Jahren 1722 bis 1724 in Köthen. Gewidmet seiner zweiten Ehefrau Anna Magdalena Bach. Die beiden hatten erst Ende des Jahres 1721 geheiratet. Neben den 6 Französischen Suiten entstanden während Bachs Zeit in Köthen (1717-1723) auch noch das „Wohltemperierte Klavier“ als auch seine Violinsonaten – und Partiten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden die Suiten fürs Clavichord geschrieben, denn das heute weit verbreitete Piano-Forte gab es zur Zeit Bachs noch nicht.

Die ersten drei Suiten stehen in einer Moll Tonart, die letzten drei in einer Dur Tonart. Jede der Suiten besteht aus einer Sammlung sogenannter instrumentaler Tanzstücke. Jedes einzelne Tanzstück (Satz) innerhalb einer Suite steht jedoch in derselben Tonart. Andras Schiff bringt den sehr anschaulichen Vergleich „wie lauter unterschiedliche Blumen (Rosen, Tulpen, Nelken etc) aber alle in der gleichen (Ton) Farbe“. Am Anfang jeder der franz. Suiten steht eine Allemande (deutscher Tanz), gefolgt von einer Courante (franz. Tanz) und der Sarabande (festlicher spanischer Tanz). Dann schiebt Bach verschiedene Tänze ein. Eine Gavotte, Bourree oder ein Menuett. Jedoch endet jede der sechs Suiten wieder mit einer Gigue (lebhafter britischer Seemanns Tanz).

Clavichord zur Zeit Johann Sebastian Bach
Clavichord aus der Zeit von J. S. Bach (Foto: archive.org/Jeff Kaplan)

 

Französische Suite Nr. 5 – mein persönlicher Favorit

Zu den besonders idyllischen Musikstücken zählt die Französische Suite Nr. 5 in G-Dur (BWV 816). Die am Anfang stehende Allemande versprüht mit dem Einsetzen der ersten Note einen unbekümmert glücklichen und friedlichen Charme. Gott und die Welt werden eins. Alles fließt auf einer konstanten Welle der Glückseeligkeit. Vergessen sind jeglicher Kummer und Sorgen.

Die herzergreifende Sarabande lässt dann die Zeit völlig still stehen: unaufdringlich, friedlich und edel die zarten, weichen Töne. Man kann nur wage erahnen welche göttliche Eingebung Johan Sebastian Bach erfahren haben muss um Musik von derart bezaubernder Schönheit zu kreieren. Unter all den herrlichen Sarabanden nimmt sie dennoch einen speziellen Platz ein, denn es ist dies immerhin die längste Sarabande der Sechs Französischen Suiten. Ganze 40 Takte umfasst sie während die übrigen durchschnittlich mit nur 24 Takten aufwarten lassen. Ob dies auf ihren besonderen Stellenwert hinweisen soll ist keines Wegs gewiss bietet jedoch Spielraum für Spekulationen.

„In Bachs Musik spürt man immer einen gewissen Schmerz“

Weise Worte eines Techno DJs

Ich muss immer an die Worte eines mir flüchtig bekannten DJ elektronischer Musik denken, der neben seinem Techno und House auch gerne Bach hört: „In Bachs Musik spürt man immer einen gewissen Schmerz“. Wie Recht er doch hat. Wenn wir Bachs Lebenslauf etwas näher betrachten jedoch auch kein Wunder. Mit dem Tod hatte Johann Sebastian Bach einen getreuen wenn auch unliebsamen Begleiter gefunden. Denn bereits in jungen Jahren verlor er beide Elternteile. Bach war gerade 10 Jahre alt als zuerst seine Mutter und kurz darauf auch sein Vater verstarb. 1720 ereilte seine erste Ehefrau Maria Barbara Bach im Alter von nur 35 Jahren dasselbe Schicksal. Von einer vier-wöchigen Reise heimkehrend erfuhr Bach erst in seinem Haus von der Tragödie. Er konnte sich nicht einmal standesgemäß verabschieden, denn die sterblichen Überreste seiner geliebten Maria Barbara waren bereits beigesetzt. Zehn seiner insgesamt zwanzig Kinder schafften es nicht übers Kindesalter hinaus.

Wir sollten beim Hören der großen Altmeister immer versuchen die Lebensumstände des Komponisten in Erinnerung zu rufen. Den Zeitgeist der damals vorherrschte. Dann wird einiges klarer. Das Leben Bachs war alles andere als geradlinig und problemlos. Ganz im Gegenteil. Regelmäßig wurde er vom Schicksal auf die Probe gestellt. Dennoch hinterließ er uns dieses sagenhafte Oeuvre. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen?!

Im Vergleich zu den anderen klingt die Sarabande der Suite Nr. 5 beinahe richtig fröhlich. Die meisten anderen jedoch weniger. Ich empfehle euch sowieso die anderen Suiten genauso anzuhören. Empfehlen kann ich neben Andras Schiff, Murray Perrahia (Franz. Suite Nr. 1), Tatjana Nikolayeva (Franz. Suite Nr. 2) auch die neue CD von Vladimir Ashkenazy.

CD Tipp – Brandneue Einspielung des russischen Altmeister Vladimir Ashkenazy

Der mittlerweile 80 jährige Russe mit isländischer Staatsbürgerschaft zählt seit Jahrzehnten zu den weltbesten Pianisten. Gefeiert für seinen Chopin, Schumann und Rachmaninow. Bereits 1955, mit dem 2. Platz des renommierten Warschauer Chopin Wettbewerbs, begann seine steile Karriere. Sein Repertoire reicht jedoch von Bach (Wohltemperiertes Klavier, Sechs Partiten) über Beethoven bis hin zu Bartok und Prokofjew. Seit 1978 ist er auch als Dirigent aktiv.

 

 

Die zarten lyrischen Nocturnes eines Polen in Paris | Frederic Chopin

Hallo ihr lieben Freunde der gepflegten Musik!

Schon wieder ne Weile her dass ich einen Beitrag verfasst habe. Was hab ich in der Zwischenzeit getan? Mich weitergebildet und viel Musik gehört. Hab mir ein paar Bücher zugelegt. Bach und Chopin Biografien. Textbücher einiger Mozart Opern (Zauberflöte, Hochzeit des Figaro) und vom Fidelio, der einzigen Oper von Ludwig van Beethoven. Sollten die Biografien etwas taugen dann werde ich sie natürlich verlinken nachdem ich sie fertig gelesen habe.


 

Nocturnes – kleine verträumte Charakterstücke

Chopin Nocturnes waren meine erste musikalische Liebe, mein erster Anhaltspunkt, als ich die Klaviermusik der „großen“ alten Meister entdeckte. Wenn von Chopin (* 1. März 1810 in Żelazowa Wola, im ehemaligen Herzogtum Warschau; † 17. Oktober 1849 in Paris) die Rede ist so denke ich werden die meisten sofort an seine Nocturnes denken müssen. Einundzwanzig dieser kleinen lyrischen Meisterwerke entsprangen seiner Feder. Einundzwanzig mehr oder weniger kurze Musikstücke. Jedes einzelne ein Juwel. Ein Nocturne bezeichnet ein verträumtes Charakterstück. Oftmals von melancholischem Gemüt bietet es enormes Potential zum Tagträumen. Auch wenn das französische Wort Nocturne wortwörtlich übersetzt „Nacht, nächtlich, nachtaktiv“ heißt. Sehr zart wirken diese kleinen Wesen, fast zerbrechlich, mit viel musikalischem Vermögen sollten sie vorgetragen werden. Das heißt aber nicht dass alle seine Werke so sind.

Denn vieles aus seinem Oeuvre erfordert viel Dramatik, Energie und lautes Spiel. Zum Beispiel seine Scherzi und Balladen. Neben den Nocturnes sind es jedoch nur gewisse Preludes und Waltzer die zart gespielt werden sollten. Die ein oder andere Etude vielleicht noch. In Summe ist Frederic Chopin jedoch „ein stolzer Pole“, wie Joachim Kaiser es auszudrücken vermochte. Keineswegs nur der verliebte verträumte Schoßhund der noblen Pariser Damen. Diesen Stolz sollten wir laut Joachim Kaiser somit auch im Chopin’schen Klavierspiel eindeutig hören. „Männlich“ sollte er klingen. Arthur Rubinstein zählte zu diesen „männlichen“ Chopin Interpreten.

Seine Ideen und schöpferischen Einfälle fand Frederic Chopin in der menschlichen Stimme. Hauptsächlich in der weiblichen. Seine Melodien, besonders die seiner Nocturnes, sind angelehnt an die großen Belcanto Opern Arien eines Bellini und Rossini. Folglich versucht er den Gesang auf sein geliebtes Instrument zu übertragen. Das Klavier. Denn wie bei keinem anderen Komponisten steht bei Chopin einzig und alleine das Klavier im Mittelpunkt seines Schaffens. Seine Kompositionen sind überwiegend fürs Klavier geschrieben oder stellen dieses zumindest in den Mittelpunkt (Klavierkonzerte).

Nocturnes des Frederic Chopin | Klassikpunk
Frederic Chopin, Portrait (1838)

„Das Klavier ist kein Percussioninstrument, es ist ein singendes Instrument“

Es gibt einige großartige Chopin Interpreten. Beim renommierten Chopin Wettbewerb in Warschau (Polen) begann schon die ein oder andere große Pianistenkarriere. Vladimir Ashkenazy holte 1955 den 2. Platz, Maurizio Pollini konnte 1960 gewinnen, gefolgt von Martha Argerich 1965 und Krystain Zimermann 1975. Im Jahr 2005 holte der junge Pole Rafal Blechacz den Sieg. Des weiteren möchte ich Ivo Pogorelich und Yundi Li (siehe oben Nocturne op. 9/2) erwähnen.  Mit Arthur Rubinstein, Vladimir Horowitz, Horszowski und Alfred Cortot seien nur einige der großen Pianisten genannt, die nicht mehr unter uns weilen. Aufgrund der Schallplattenindustrie ist es uns zum Glück vergönnt ihnen noch immer zu lauschen.

Ein gewisser Vladimir Horowitz wurde nicht müde zu betonen „Die größte Kunst ist es, aus einem Schlaginstrument wie dem Klavier ein singendes Instrument zu machen“. Unter anderem wird er genau hierfür noch immer von Liebhabern der Romantik und Musik Fachleuten verehrt. Für seinen cantabile Ton. Deshalb bilden Frederic Chopin und Vladimir Horowitz ein perfektes Gespann. Beide große Liebhaber des Gesangs, und beide mit dem großen Willen das Klavier zum Singen zu bringen. Hört jedoch selbst – Nocturne in B-Dur, op. 62/1


Schreibt mir doch bitte in die Kommentare welches euer Lieblings Nocturne ist. Welcher euer Lieblingspianist.

Bis zum nächsten mal.

Euer Klassikpunk

 

 

„Träumerei“, Kinderszenen op 15 | Robert Schumann

Mein erster musikalischer Eintrag betrifft ein bezauberndes Klavierstück von Robert Schumann (* 8. Juni 1810 in Zwickau, Königreich Sachsen ; † 29. Juli 1856 in Endenich, heute Ortsteil von Bonn, Deutschland), die „Träumerei“. Vorgetragen wird das Stück als Zugabe vom unvergesslichen Vladimir Horowitz, einem der besten Pianisten, für viele gar der beste Pianist aller Zeiten. Horowitz spielte sie ab einem gewissen Zeitpunkt seiner langen Karriere regelmäßig als Zugabe. Diese Aufnahme entstand bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritten im Moskauer Konservatorium 1986, nur wenige Jahre vor seinem Tod  1989.  Nach Jahrzehnten kehrte der „verlorene Sohn“ noch einmal in seine Heimat zurück und gab dieses viel umjubelte und legendäre Rezital, nachdem er im Herbst 1925 als relativ unbekannter Pianist die Sowjetunion verließ. Zum Glück für die Nachwelt wurde dieses Konzert auf CD als auch auf Video festgehalten – Horowitz in Moskau.

Kinderszenen op. 15 – Rückblick auf die Kindheit und das Leben

Kinderszenen op. 15 - Ein poetischer Rückblick auf dem Klavier | Robert Schumann
(Foto: pixabay/perovict)

Die Träumerei ist das siebte von dreizehn kurzen Klavierstücken die im Klavierzyklus Kinderszenen op. 15 zusammengefasst werden. Komponiert und veröffentlicht wurden die Kinderszenen zu einer für Robert Schumann sehr schwierigen und leidvollen Zeit im Jahr 1838. Seit 1835 waren er und die blutjunge Clara Wieck (1819-1896) ein Liebespaar. Jedoch streubte sich deren Vater und zu dieser Zeit auch Schumanns Klavierlehrer Friedrich Wieck mit allen Mitteln gegen diese Beziehung und verbot den beiden sich zu sehen. Heute kaum mehr vorstellbar, zu jener Zeit jedoch Gang und Gebe.

Aus dieser großen Sehnsucht und tiefen Leidenschaft entstanden einige der bekanntesten Schumann ’schen Werke und der Klavierliteratur – Wilhelm Kempff spielt Schumann – allgemein. Denn Schumann ist nicht nur Komponist, er ist Poet und Musik seine Sprache. Ein großartiger Geschichtenerzähler, der es vermag mit seiner Musik jung und alt zu fesseln. In vielen seiner Werken dominiert ein Wechselspiel zwischen kindlicher Heiterkeit und tiefer Melancholie. Ein ständiges Ping Pong Spiel. Hin und her.

Beste Beispiele hierfür sind nicht nur seine Kinderszenen sondern auch die Kreisleriana. Ein zwiespältiges Kompositionsverhalten, das womöglich auch schon auf seine spätere manisch-depressive Störung hinweisen könnte, die letztendlich zum tragischen Ende führte. Denn 1854 stürzte er sich, geplagt von Stimmen und Geistern, in den eiskalten Rhein. Woraufhin er sich nur kurze Zeit später selbst in die Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn hat einliefern lassen. Ohne diese Einrichtung jemals wieder zu verlassen verstarb er dort am 29. Juli 1856. Zum Glück jedoch nicht ohne der Nachwelt ein herzergreifendes, hochromantisches Ouvre zu hinterlassen.

Die Kunst des Schumann’schen Klavierspiels

Technisch sind die Kinderszenen laut Henle-Verlag leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrads. Doch nur weil ein guter Klavierschüler das technische Rüstzeug besitzt um diesen Zyklus auf dem Klavier vorzutragen, heißt dies noch lange nicht dass er ihm gewachsen ist. Geschweige denn meistert. Viele Mozart Klaviersonaten bewegen sich im mittel-leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrad, jedoch wird es mir Bang und Übel wenn ich an langatmige Vorträge von fortgeschrittenen Studenten zurückdenke. Robert Schumann der intime Poet! Ihn entsprechend vorzutragen, die ganze Schumann’sche Poesie über die Tastatur dem Zuhörer, euch, zu vermitteln, das ist eine nicht zu unterschätzende Kunst. Eine Kunst die nur die wenigsten Pianisten beherrschen. Erst durch diese Fertigkeit wird ein Klavierstück lebendig und erstrahlt voller Farben. Nimmt euch mit auf eine emotionale Reise.

Hört jedoch selbst und beobachtet gleichzeitig das Publikum im „Träumerei “ Video. So bewegend und herzergreifend kann Musik sein. Sodass der ein oder andere Zuhörer eine Träne vergießt. Selbstverständlich sind dazu auch Pianisten/innen von Weltrang nötig. Vladimir Horowitz zählt zu dieser besonderen Gattung. Jedoch nicht nur er sondern auch einige andere, darunter auch Alfred Cortot.

Der Dichter spricht

„Der Dichter spricht“ – so lautet das 13. und letzte Stück der Kinderszenen. Hervorheben möchte ich es aus zwei Gründen. Erstens ist es ein Stück das genau die oben erwähnten Fertigkeiten benötigt. Und zweitens zeigt es uns warum dieser Robert Schumann so besonders ist. Er zeigt sich uns so verletzlich. Öffnet sich vollkommen. Kein anderer Komponist – behaupte ich Vorlaut – lässt uns so tief in seine Seele blicken.

„Die Wahrheit ist, Sie müssen dieses Stück eher träumen anstatt es zu spielen“
(Alfred Cortot )

Der komplette Klavierzyklus

Genau von diesem Cortot verlinke ich die kompletten Kinderszenen. Ich bitte euch die Tonqualität in den Hintergrund zu stellen und den Focus auf sein Klavierspiel zu legen. Die Aufnahme entstand bereits 1935. Sehr lange vor der uns gewohnten High Definition Zeit. Im Spotify link sind die Kinderszenen von Vladimir Horowitz.

Selbstverständlich habe ich Stücke/Werke von Robert Schumann auch auf der Klassikpunk homepage, dem Klassik Musik Guide für Einsteiger, genannt.

Vielen Dank und bis zum nächsten mal.  Pfiat eich Gott alle miteinand!

Euer Klassikpunk