Der letzte Romantiker | Vladimir Horowitz (1904-1989)


[The Last Romantic | Liszt – Consolation Nr. 3 S.172]

So heißt die eindrucksvolle TV Konzert-Dokumentation aus dem Frühjahr 1985 mit dem gefeierten und bedeutendsten Pianisten aller Zeiten: Vladimir Horowitz. Der Klavierliebhaber erfährt wie himmlisch, der bereits greise aber dennoch bestens gelaunte „Priester der Kunst“ auf seinem Klavier predigen konnte. Franz Liszts Consolations Nr. 2 und das ein oder andere Virtuosen-Stück verdeutlichen, weshalb die Begeisterung um den 1989 verstorbenen Künstler ungebrochen anhält – seine Fähigkeit die schwierigsten Oktav-Passagen kinderleicht aussehen zu lassen, seine Art und Weise das Klavier perlend zum „Singen“ zu bringen, seine einzigartige Kunstfertigkeit mehrere zugleich gespielte Stimmen ungleich zu phrasieren, sind bis heute unerreicht. Das Gesamtkunstwerk Horowitz wird mit Sicherheit weitere Generationen überdauern und Jung und Alt in seinen magischen Bann ziehen.

Diese wertvollen Bild – und Tonaufnahmen sind einem Heim-Rezital in New York City, 14 East 94th Street, Manhattan entsprungen. Von 1944 bis zu seinem Tod im jahr 1989 bewohnte er mit seiner Ehefrau Wanda Toscanini-Horowitz, der Tochter des weltberühmten und berüchtigten Dirigenten Arturo Toscanini, ein Stadt-Haus in der noblen Upper East Side. Einem der vornehmsten und teuersten Viertel des „Big Apple“.

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

Doch alles nach der Reihe. Davor liegt ein langes, bemerkenswertes Künstler-Leben, gepflastert von enormen Höhen aber auch von bitterlichen Tiefen. Am 1. Oktober 1904 in Berdychiv, in der heutigen Ukraine, in einem gut behüteten, bourgeoisen Umfeld geboren – der Vater ein angesehener Ingenieur und Unternehmer, die Mutter Hausfrau und eine solide Amateurpianistin. Von ihr erhielt der junge „Volodja“ seinen ersten Klavierunterricht. Später einmal wird der weltweit umjubelte Tasten-Star erzählen, er habe schon im zarten Kindesalter, beim Imitieren des Klavierspiels, das Glas der heimischen Fensterscheiben zum Zerbrechen gebracht. Im Scherz hatten seine Eltern und Verwandte prophezeit, er werde bestimmt einmal ein großer Pianist werden.

Bereits im zarten Alter von  9 Jahren wurde er am angesehenen Kiewer-Konservatorium als Klavier-Student aufgenommen. Zu seinen Klavierlehrern zählte unter anderem der Pianist und anerkannte Musikpädagoge Felix Blumenfeld. In einem Interview schwärmte Horowitz nicht ganz uneitel, er habe die schwere Abschluss-Prüfung „im Handumdrehen“ gemeistert und das anwesende Publikum in Begeisterungsstürme versetzt – zum ersten Mal in der langen Geschichte der renommierten Ausbildungsstätte hat man mit standing-ovations resümiert.

Ein fruchtbares Umfeld

Die geografische Lage aus der Horowitz entsprungen war, bot den idealen Nährboden für ehrgeizige Musiker. Aus dieser Gegend stammt eine Vielzahl an großartigen Instrumentalisten:  Emil Gilels, Swjatoslaw Richter, Igor und David Oistrakh, Leonid Kogan, Mstislaw Rostropowitsch, Nathan Milstein, Jascha Heifetz, Mischa Elman und Isaac Stern – um nur einige der erfolgreichsten ihrer Zunft zu nennen. Oftmals aus jüdischen, großbürgerlichen Familien, aber auch aus einfachen bürgerlichen. Denn die Musik war inmitten eines Umfeldes vieler jüdischer Ressentiments, die Chance,  diesem trostlosen Leben den Rücken zu kehren. Für dieses Ziel ließen ehrgeizige Eltern ihren Nachwuchs bereits im zarten Kindesalter ein Instrument erlernen und forcierten das notwendige fleißige Üben und den teuren Unterricht. Außerdem gehörte es zum guten Ton ein Instrument zu beherrschen, sodass aus den Fenstern vieler russischer Ortschaften der Klang von mehr oder weniger wohlklingenden Tönen entwich.

Vladimir Horowitz wollte zeitlebens Komponist werden – bis zu seinem 13. Lebensjahr hat er den Großteil seiner Zeit dieser Passion gewidmet. Die Umstände zwangen ihn jedoch dazu, seine Brötchen als Pianist verdienen zu müssen: in den Wirren der Oktoberrevolution 1917 verlor die Familie fast gänzlich deren Hab und Gut, sodass der junge Horowitz mit einem enorm breit aufgestellten Repertoire durch die Konzerthallen der Sowjetunion touren musste.

Vladimir Horowitz und Jascha Heifetz
Jascha Heifetz und V. Horowitz

Selbst mit dem jungen Geiger-Gott Jascha Heifetz gab er während dieser Zeit regelmäßig Kammermusik zum Besten. Später einmal wird Heifetz auf die Frage, wie denn sein Verhältnis zu Horowitz sei, antworten: „Wissen Sie – Horowitz ist mein Milchbruder„. Das Ergebnis dieser fruchtbaren Partnerschaft ist  auf einer der seltenen Kammermusik-Aufnahmen von Horowitz aus dem Jahr 1959 festgehalten worden: Brahms d-Moll Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 op. 108.

Der internationale Durchbruch

Mitte der 1920er Jahre wollte Horowitz sein Glück im Ausland versuchen und landete mit seinem Freund und Manager in Deutschland. Über die Flucht aus der Sowjetunion wird er im hohen Alter einmal berichten, es sei ein außerordentlich gefährliches Unterfangen gewesen, als er mit im Schuh versteckten USD die russische Grenze überquert habe. Der Grenzwärter habe ihm jedoch freundlich hinterher gewinkt und baldige Rückkehr gewünscht – Horowitz wird den heimatlichen Boden erst Jahrzehnte später 1986 wieder betreten.

In Hamburg sollte der große internationale Durchbruch folgen. Horowitz weilte für Welte-Mignon Aufnahmen in der nord-deutschen Hansestadt. Die folgenden Ereignisse mögen fast schon etwas kitschig klingen, jedoch verleihen sie dem Ganzen einen gewissen theatralischen Hauch von Hollywood und auch ein bisschen Märchenwelt.

Eines späten Nachmittags kam der müde und hungrige Horowitz von einem Zoo Besuch zurück in sein Hotel und wurde von seinem Manager mit der Bitte überrascht, ob er denn nicht am Abend für eine erkrankte Pianistin einspringen könne. Die große Chance erkennend zögerte Horowitz nicht lange – rasierte sich, trank ein Glas Milch und gab nur zwei Stunden später das Tschaikowsky b-Moll Klavierkonzert zum Besten. Das virtuose Werk zählte zu seinem Standard-Repertoire das er zu jeder Tages – und Nacht-Zeit hätte im Schlaf abrufen können. Dieser Umstand alleine sagt schon sehr viel über die ungeheuren Fähigkeiten eines Pianisten, zählt es doch mit zu den schwierigsten Werken der gesamten Klavierliteratur. Dirigiert hatte an diesem wegbereitendem Abend ein gewisser Eugen Papst. Das Hamburger Publikum war dem Magier Horowitz auf der Stelle verfallen und kurzerhand angesetzte Folge-Konzerte waren in Windeseile ausverkauft gewesen. Horowitz kam, sah und siegte!

Der Rest ist glorreiche Pianisten-Geschichte. Danach tourte er durch Frankreich, Italien und die Schweiz. Die regelmäßig ausverkaufte Tour wurde selbstverständlich zum kolossalen Siegeszug. Immerhin sprechen wir von Vladimir Horowitz, dem Vladimir Horowitz, und nicht von irgendeinem dahergelaufenem zweitklassigem Barpianisten.

Im Mekka der Instrumentalisten

Vladimir Horowitz
(Foto: Wikimedia Commons)

In der New Yorker Carnegie Hall debütierte Horowitz 1928. Weitere legendäre Auftritte im Mekka der Klassischen Musik sollten folgen.

Zum Debüt trumpfte er jedoch mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Sir Thomas Beecham mit bereits bestens erprobtem Virtuosen-Konzert: Tschaikowsky b-Moll. Dem Dirigenten wollte sich ein Vladimir Horowitz an diesem Abend jedoch beim besten Willen nicht unterordnen. So geschah es dass er den letzten Satz so rasch ins Ziel donnerte, dass Beecham und sein Orchester dieses mit ein wenig Verspätung erreichten. Zwar nicht Sinn der Sache geriet der Auftritt bei Kritik und Publikum trotzdem zum weiteren viel umjubelten Ereignis. Ein junger „Tornado der Steppe“ sei in der Stadt und alle hätten sich warm anzuziehen. Vor allem Pianisten.

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgten einige schicksalhafte, wegweisende Begegnungen – 1932 debütierte Horowitz unter der italienischen Dirigenten-Legende Arturo Toscanini, traf infolgedessen die Tochter des Maestros, Wanda Toscanini, verliebte sich, und schloss 1933 den Bund der Ehe. Sie wird trotz  der vielen Schwierigkeiten bis zu seinem Lebensende 1989 treu an seiner Seite bleiben.

Noch im selben Jahr erblickte Töchterchen Sonya das Licht der Welt. Sie wird das einzige Kind aus dieser Ehe bleiben. 1975 verstirbt sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Weshalb sie ihrem Leben ein Ende setzte, ist reine Spekulation: vielleicht waren die Fußstapfen einfach zu groß. Vater und Großvater waren immerhin gefeierte Weltstars.

Horowitz und Liszt

Aus dieser Zeit stammt auch die legendäre Plattenaufnahme der Liszt‘ schen h-Moll Sonate (1932). Für viele bis heute die Referenzaufnahme dieses ungeheuer schwierigen Hauptwerks der Romantik. Diese Aufnahme und Horowitz‘ beinahe dämonisches Liszt Spiel allgemein sind unter anderem auch mit verantwortlich für die vielen Synonyme des Vladimir Horowitz – von „Zauberer“ bis „Hexenmeister“. Joachim Kaiser drückte es mal so aus: „Die ungeheuren Oktav-Läufe zu Ende der Sonate beschützen dieses Werk vor Dilettanten„.

Es liegen jedoch zwei weitere Horowitz-Einspielungen der h-Moll Sonate vor. Die eine aus dem Jahr 1949, die von 1977.

Die zweite Aufnahme gerät zeitweise jedoch zu exaltiert virtuos und lässt dabei musikalisch ein wenig zu Wünschen übrig. Gewisse Oktavläufe verkommen zur halsbrecherischen Hexenmeister-Show. Zu viel Zirkus. Auf jeden Fall atemberaubend wild, aber vom Gesamteindruck sind die beiden anderen Einspielungen zu bevorzugen. Trotzdem darf man nicht vergessen – diese Kritik erfolgt auf Horowitz-Niveau.  Für solch ein Klavierspiel würde der ein oder andere Pianist seine Seele verkaufen.

Hingegen erlebt man in der späten Aufnahme den typischen „Spät-Horowitz“. Viel dunkler, tiefgehender und musikalisch wertvoller. Selbstverständlich nicht mehr ganz so virtuos wie in den 30er Jahren, aber noch immer schwer beeindruckend. Als Hörer spürt man richtig die Reife die der mittlerweile über 70-jährige Meister ins Spiel einfließen lässt. Bei Horowitz verhält es sich anscheinend wie beim Rotwein – je reifer, desto besser. Empfehlenswert!

Des Weiteren hat er die Ungarischen Rhapsodien Nr 2, 6, 13, 15 und 19 auf Schallplatte oder CD eingespielt. Großteils in eigenen Bearbeitungen. Selbstverständlich werden die Stücke in der Horowitz‘ schen Bearbeitung um einiges schwieriger als die Originale es sowieso schon waren.


[Liszt | h-Moll Klaviersonate (1932)]

Die Tiefen der Seele

Der gefeierte Virtuoso erlebte jedoch auch seine bitteren Stunden, Tage, ja, sogar Jahre. Des öfteren musste er dem unfassbaren Druck der Solisten-Karriere Tribut zollen. Es gibt bestimmt nicht viele „Berufe“, wenn man die Tätigkeit des gefeierten Solisten-Stars überhaupt so banal benennen darf, die so einsam und nervenaufreibend sein dürften. Dem ungeheuren Erwartungsdruck stand zu halten, nicht nur des Publikums sondern auch des eigenen, bedarf beinahe einen Pakt mit dem Teufel. Wer weiß. Vielleicht verkauft man als gefeierter Solist doch ein wenig seine Seele.

Kurz vor einem Auftritt sagte Vladimir Horowitz einmal zu seinem persönlichen Klavierstimmer und engen Vertrauten Franz Mohr „Franz, ich gehe jetzt auf den einsamsten Platz„. Oh du bitter-süßer Ruhm!

Vladimir Horowitz
Horowitz am einsamsten Platz der Welt

Des öfteren zitterten Konzertveranstalter in der Sorge Horowitz könne vielleicht in letzter Minute seinen Auftritt sausen lassen. Bereits 1934 bis 1938 entsagte Horowitz jeglichen öffentlichen Auftritt und zog sich in Paris ins Privatleben zurück. Die längste Pause von den Konzertpodien der Welt erlaubte sich Vladimir Horowitz von 1953 bis 1965. Sage und schreibe zwölf lange Jahre lang betrat er keine einzige Konzertbühne. Depressionen. Zu hoher Erwartungsdruck. Private Probleme. Der größte Künstler seit Paganini und Franz Liszt, wie die Kritiken voller Lob posaunten, musste nun endgültig eine Menge an Tribut zollen.

In einer Zeit wo die Langspielplatte ihren großen Durchbruch erlebte, zog sich der faszinierendste Konzertpianist völlig aus dem öffentlichen Leben zurück. Dieser Rückzug entfachte den Mythos Horowitz jedoch nur noch mehr. Da war ein Pianist, von dem alle erzählten, der würde fantastischer spielen als man es je gehört habe, aber er trete eben nicht mehr auf. Diejenigen die ihn noch nie live gehört haben konnten es kaum erwarten diese musik-historische Lücke ihrer Biografie zu schließen.

Das viel umjubelte Comeback

Am 9. Mai 1965 hatte das lange Warten ein Ende. Nicht nur das New Yorker Publikum konnte es kaum erwarten, auch Vladimir Horowitz schienen die Nerven etwas zu flattern. Horowitz eröffnete sein Comeback Rezital mit der Bach‘ schen Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni.

Gleich zu Beginn greift er ordentlich daneben. Wer mag es ihm verübeln? Nach zwölf sehr schwierigen und langen Jahren der Bühnenabstinenz darf man schon einmal nervös sein. Selbst wenn man Vladimir Horowitz heißt und einem dämonische Superkräfte nachgesagt werden. Das sagenumwobene Comeback wird zum viel umjubelten Erfolg.

Das Bach/Busoni Adagio ist ein Tondokument das deutlich macht wem Horowitz‘ oberste Prämisse galt – dem „singenden Ton“. Immer wieder hat er es gepredigt. Das Piano solle, obwohl ein Percussion-Instrument, singen. Mit seinem außergewöhnlichen Legato-Spiel und einer besonders eigenwilligen (leichten) Einstellung der Klavier-Tastatur war er auch in der Lage dieses Kunststück zu vollbringen. Dem Instrument einen kantilenen Ton zu entlocken wie es ihm in dieser Art und Weise eigentlich fast keiner nachmachen konnte.


[Bach/Busoni | Adagio in C-Dur (1965, Carnegie Hall)]

Horowitz und Chopin

Man kann keine Horowitz Biografie verfassen ohne auf den polnisch-französischen Komponisten Frederic Chopin zu verweisen. Zu wichtig war Chopin im Leben des Vladimir Horowitz. Man wird kein Horowitz Solo Rezital finden ohne dabei auch auf Chopin zu stoßen. Denn neben Franz Liszt ist und war er bestimmt der Komponist mit dem man Horowitz immer in Verbindung bringen wird. Seine Chopin Aufnahmen dürfen heute in keiner ordentlichen CD Sammlung fehlen.

Horowitz offensichtliche Liebe zu Chopin ist immer unüberhörbar gewesen. Sie galt vor allem den kleinen Charakterstücken – den Mazurken, Nocturnes und Walzern. Laut Horowitz wird bei Chopin „die Kleinkunst zur Großkunst„. In den wenigen Minuten einer Chopin‘ schen Mazurka fände man manchmal mehr Tiefe als in einer über eine Stunde dauernden Schostakowitsch Sinfonie.

Trotz allem Lob sparte Horowitz dennoch nicht mit Kritik am verehrten Komponisten: „Teilweise zu viel Ornamentierung. Vor allem in seinen Nocturnes. Phrasen werden zu oft wiederholt….aber nicht in seinen Mazurken. Die sind Gold wert!“. Vom außergewöhnlichen Mazurka Spiel des Vladimir Horowitz zeugen eine Menge an Plattenaufnahmen. Hervorheben möchte ich die Mazurken in cis-Moll op 30 Nr. 4 und in  a-Moll op. 17 Nr. 4.

Von den längeren Werken zählten mit Sicherheit die g-Moll Ballade Nr. 1, die er auch anlässlich des CBS TV-Konzerts 1968 spielte, und die b-Moll Klaviersonate op. 35 zu Horowitz‘ Steckenpferden.

Von Clementi über Scarlatti bis zu Mozart

Vladimir Horowitz vermied es nur ausgetrampelte Wege zu beschreiten. So widmete er seine Aufmerksamkeit auch den damals wenig beachteten Italienern Domenico Scarlatti und Muzio Clementi. Scarlatti hatte er zum Ende regelmäßig in seinen Konzertprogrammen. Clementi meines Wissens nur auf Studioaufnahmen, aber davon gibt es einige bemerkenswerte Klaviersonaten. Laut Horowitz war Muzio Clementider Vater des modernen Klavierspiels und der modernen Klavierform“ und hätte auch enormen Einfluss auf Beethoven gehabt.

Bewusst möchte ich nicht die viel strapazierten Aufnahmen aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins oder des legendären Moskau Konzerts anlässlich seiner Rückkehr in seine Heimat hervorheben. Jedoch nicht weil sie es nicht wert seien, oder weil er in Wien auch keinen Scarlatti spielte, jedoch die B-Dur Sonate KV 333 und das D-Dur Rondo KV 485 von Mozart, sondern weil es eben auch andere wertvolle aber nicht so weit verbreitete Aufnahmen gibt. Welch zauberhaften Scarlatti er seinem Steinway Flügel entlocken konnte, kann man auf folgender unveröffentlichter Spät-Aufnahme aus dem Jahr 1986 in Japan (siehe unten) hören.

Die Farben die er im Stande ist zu malen, die gerade zu passende Menge an Sentimentalität ohne dabei aber zu kitschig zu wirken, dieser zarte, sanfte Ton – ein musikalischerTraum der in Lage ist die Zeit zum still stehen zu bringen. Diese Anschlagskunst beherrschen wahrlich nur sehr wenige Pianisten. Nur den Allergrößten mag dieses Geschenk zu Teile werden.

Viele sind der Meinung Vladimir Horowitz habe nie besser musiziert als in seinen letzten Lebensjahren. Als er nicht mehr zeigen musste, welch ungeheurer Tastenakrobat er sei, sondern die Musik aufgeführt hat die ihm wirklich am Herzen lag. Auf die Frage warum er Mozart erst im hohen Alter vor Publikum spielte, antwortete er ehrlich und offenbahrend: „Als ich jünger war, war ich effekthascherischer. Aber jetzt spiele ich mehr Musik anstatt eine Show abzuziehen. Bevor du vierzig bist, ziehst du immer ein wenig eine Show ab. Du willst beeindrucken, mit Oktaven….aber ich will niemanden mehr beeindrucken, ich spiele das, was in den Noten steht“.

Selbstverständlich ist ein Pianist in seinen Achtzigern nicht mehr in der körperlichen Verfassung um überwiegend mit Showstücken die Tastatur zum Glühen zu bringen. Eine gewisse Koketterie konnte sich der greise Vladimir Horowitz dennoch nicht verkneifen, wenn er dem Publikum aber auch sich selbst beweisen wollte, dass er noch immer in der Lage war technisch zu brillieren. Regelmäßig faszinierte er bei Live-Auftritten mit der enorm schwierigen dis-Moll Etüde von Skrjabin oder der Chopin‘ schen Polonaise in As-Dur, Op. 53. Vielleicht spielte er die dis-Moll Etüde nicht mehr ganz so halsbrecherisch wie in jüngeren Jahren – nun verlieh er dem Stück Reife, Nachdruck, einen emotionalen Touch und dunkle Wärme. Der Pianist Horowitz war als Musiker gereift. Viele die ihn in seinen letzten Jahren hörten, behaupten, er wäre musikalisch besser denn je zuvor gewesen – Platten und CDs zeugen davon.


[Live Rezital in Japan 1986 | Scarlatti, Mozart, Rachmaninow u.a]

Vladimir Horowitz ganz privat

Seine Frau Wanda Toscanini-Horowitz mag nicht immer den besten Ruf genossen haben, ja, wurde teilweise sogar als herrische und hysterische Tyrannin verteufelt, die an den vielen Bühnenpausen ihres Göttergatten einen erheblich Anteil an Schuld trage. Ganz wie ihr autokratischer Dirigenten-Vater sei sie gewesen, der Gerüchten zufolge Horowitz und Orchester bei den Proben zu der famosen Tschaikowsky b-Moll Konzert Aufnahme 1943 mit unzähligen Wiederholungen beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte.

Jedoch wich sie in schwierigen Zeiten wie der zwölf-jährigen Konzertpause kein einziges mal von seiner Seite. Selbst dann nicht als Horowitz in dieser  prekären Lage ganze sechs lange Monate kein einziges mal das Haus verlassen wollte.  Er werde nie wieder konzertieren habe er Wanda in dieser beschwerlichen Zeit des Öfteren versichert. Unbeeindruckt habe sie mit „Okay, gut, kein Problem“ gekontert, doch sei ihr bei diesem schrecklichen Gedanken beinahe das Herz in die Hose gerutscht. Denn mit Gewissheit war sie nicht nur die Angetraute des Maestros, sondern auch eine der treuesten Bewunderer des Pianisten Horowitz gewesen.

„Der Konzertpianist Horowitz wäre ohne Wanda nicht möglich gewesen“ verkündet Franz Mohr, seines Zeichens langjähriger Cheftechniker bei Steinway & Sons New York und von 1962 bis 1989 Horowitz‘ persönlicher „Klavier-Tuner“. Mohr, der auch in „The Last Romantic“ zu sehen ist, hat das Buch „Große Pianisten, wie sie keiner kennt „(amazon) verfasst, in dem er dem neugierigen Leser auch Einblicke in das Privatleben der großen Pianisten gewährt. Denn nicht nur Vladimir Horowitz, sondern weitere Klavier-Giganten wie ein Arthur Rubinstein oder auch ein Glenn Gould zählten zu denjenigen, die nur ihm alleine das Vertrauen schenkten, an deren hochsensiblem Instrument Hand anlegen zu dürfen. Für die Fan-Gemeinde mit Sicherheit ein lohnenswertes Manuskript. So habe Horowitz gerne TV-Serien gesehen – am liebsten sei ihm „Bonanza“ gewesen, erzählt Mohr in einem TV Interview.

Vladimir Horowitz der König

Wenn ich auf der Bühne stehe, dann fühle ich mich wie ein König. Dann bin ich ein König! Niemand hat mich zu stören, denn ich habe etwas zu tun und muss das beste aus mir herausholen. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger gut. Das ist ganz menschlich„, Horowitz anlässlich eines TV Interviews 1977.

Horowitz tourte auch wie ein König: ein eigener Koch; Zutaten und Trink-Wasser wurden aus der Heimat eingeflogen. Horowitz war der Gagen-König ohne ernst zunehmende Konkurrenz. Ab den 1970er Jahren kassierte er 80 % der Konzert-Bruttoeinnahmen – dreimal so viel wie die nachfolgenden Klassik Musiker.

In den letzen vier Konzert-Jahren war sein privater Flügel ständiger Begleiter. Der berühmt-berüchtigte Konzertflügel, Modell D-274, mit der Seriennummer 314 503. Jener Flügel, den ihm das Traditionshaus Steinway & Sons, 1942, nachträglich als Hochzeitsgeschenk zukommen ließ. Auf diesem Instrument wurden die Aufnahmen „Der letzte Romantiker“ gefilmt.

Der Transport des Flügels aus Horowitz‘ Haus gestaltete sich sehr mühsam –nur durch das Fenster. Für die letzten Konzertreisen wurde der Flügel deshalb bei Steinway & Sons am Firmengelände „geparkt“. Als Ersatz für sein Haus erhielt Horowitz den Flügel mit der Nr. CD 443, auf dem er einige Aufnahmen seiner allerletzten CD „Horowitz – The Last Recording“ (amazon) eingespielt hat. Für jeden Horowitz Fan ein Must Have! Jedoch hoch sentimental, wenn man beim Hören bedenkt, dass einige Aufnahmen erst wenige Tage vor seinem Tod fertiggestellt wurden. Das H-Dur Nocturne op. 62 Nr. 1 und auch „Isoldes Liebestod“.

Murray Perahia, kurzzeitig Schüler von Horowitz und selbst ein gefeierter Konzertpianist, hat Horowitz noch am Vortag dessen Todes besucht. Horowitz habe ihm „Isoldes Liebestod“ (Wagner/Liszt) vorgespielt. Danach sei ungewöhnliches geschehen. Niemals zuvor habe Horowitz den Deckel der Klaviertastatur geschlossen. Doch anders an diesem Abend.

Am nächsten Tag, dem 5. November 1989, fand Wanda Toscanini-Horowitz ihren Mann tot in seinem Couch-Sessel. Die beiden hatten zuvor noch über das Mittagessen gesprochen gehabt. Der vielleicht größte, aber mit Sicherheit der faszinierendste Pianist nach Franz Liszt war nicht mehr. Der letzte Romantiker war Geschichte.


CD Tipp